Berufswunsch Windkraftanlagentechniker:Klettern für den Ausbildungsplatz

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Nahaufnahme 10.3.2015

Mario Baumgarten sagt: "Ich hatte mich schon damit abgefunden, das Zeug zu schleppen und damit die Zeit bis zur Rente irgendwie durchzustehen."

(Foto: AS)

Menschen, die Windkraftanlagen reparieren können, werden dringend gesucht. Allerdings: Vor die Ausbildung hat die Handwerkskammer einen Auswahltest der besonderen Sorte gestellt.

Von Angelika Slavik

Vielleicht lägen die Dinge heute anders, wenn er damals früher zum Arzt gegangen wäre. Aber Mario Baumgarten, 34, sagt, er sei nun mal "nicht so der Arzt-Typ". Also schleppte er sich durch, mehr als ein halbes Jahr lang, obwohl sich das Bein "schon ein bisschen komisch" anfühlte. Irgendwann wurde es taub, da rang er sich dann doch durch. Diagnose: Bandscheibenvorfall. Das ist blöd, vor allem, wenn man bei Media-Markt im Lager arbeitet und Waschmaschinen transportieren soll.

Der Bandscheibenvorfall ist der Grund, warum Baumgarten jetzt hier steht: Auf einem Acker vor den Toren Hamburgs, am Fuß einer Windkraftanlage. Das Bein funktioniert wieder, aber Waschmaschinenschleppen ist nicht mehr drin. "Eigentlich war es gut, dass mir das passiert ist", sagt er. "Vorher hatte ich mich ja schon damit abgefunden, einfach das Zeug zu schleppen und damit die Zeit bis zur Rente irgendwie durchzustehen." Für Mario Baumgarten ist das also der Tag, an dem sich alles ändern kann.

Wenn er es bis nach oben schafft.

Neben Baumgarten sind noch 15, vielleicht 20 andere hier, die das gleiche Ziel haben: Sie wollen einen Ausbildungsplatz bekommen bei einem Lehrgang der Hamburger Handwerkskammer, der Windkraftanlagentechniker hervorbringt. Menschen also, die Windkraftanlagen reparieren, egal, ob die nun auf einem Acker bei Hamburg, auf einem Hügel in Franken oder vor irgendeiner Küste im Meer stehen. Die Branche ist schnell gewachsen in den vergangenen Jahren, der Arbeitsmarkt kam nicht hinterher. Es gebe viel zu wenige Fachkräfte in diesem Bereich, heißt es bei der Kammer, manchmal riefen die Unternehmen an und fragten, wann endlich wieder Leute ihre Ausbildung abgeschlossen hätten, man bräuchte wirklich ganz dringend welche. Die Verdienstchancen klingen auch gut, 2600 Euro netto könne man als Anfänger schon erwarten, heißt es. Wer offshore arbeitet, kriegt mehr, versteht sich.

K.-o.-Kriterium Notevakuierung

Aber damit das funktioniert, muss man "höhentauglich" sein, deshalb stehen nun alle vor dem Windrad. Es sieht nicht besonders beeindruckend aus, ein Windrad eben - und 65 Meter, das ist ja sowieso ein vergleichsweise kleines Modell. Kann man daran scheitern? Mario Baumgarten sagt, er mache sich da keine Sorgen. "Das klappt." Ein paar andere sehen konzentrierter aus, einer zappelt schon rum, als ihm das Klettergeschirr angelegt wird.

Es ist stockfinster in dem Windrad und eng. Vielleicht können 65 Meter doch ziemlich lang sein, wenn man sie über Sprossen zurücklegen muss, die bloß ein paar Zentimeter breit aus einer Wand ragen, die ganz steil nach oben schießt, 90 Grad, ohne Gnade. Zwischendrin gibt es Plattformen, auf die flüchten kann, wer erschöpft ist oder in Panik gerät. Der würde dann notevakuiert, sagt die Ausbildungsleiterin, und dass das immer mal wieder vorkomme. Das müsse einem nicht peinlich sein, aber mit dem Ausbildungsplatz war's das dann.

Mario Baumgarten verschwindet als Zweiter seiner Gruppe im Dunkel des Schachts, man hört noch das metallische Geräusch der Sicherungshaken, ein paar Diskussionen, dann lange gar nichts. Sehr lange. Ein erfahrener Techniker schafft die Strecke in zehn Minuten. Von den Anwärtern ist nach 40 Minuten immer noch nichts zu sehen. Irgendwann kommen die metallischen Geräusche zurück, dann klettert tatsächlich Mario Baumgarten aus der Luke, als Erster. Er hat es hingekriegt. "Die Oberschenkel spürt man", sagt er. "Also 150 Meter hätte ich nicht geschafft." Er zeigt ein Foto, das er oben gemacht hat, er sieht zufrieden aus und ein bisschen stolz. Am 1. April beginnt seine Ausbildung.

Beim Weggehen schaut man auf sein Bein. Er hinkt ein bisschen. Hat beim Klettern nicht gestört.

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