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Berufswechsel:Erst Fitnesstrainer, dann Pädagoge

Bildungsmesse Didacta

Fachwissen in Musik, Sport oder gar Astronomie besitzen Quereinsteiger bereits. Pädagogische Kompetenz müssen sie sich erst aneignen.

(Foto: dpa)

An Schulen unterrichten immer mehr Quereinsteiger.

Überall fehlen Lehrer, Uniabsolventen ohne Lehramtsstudium sind gefragter denn je. Die Bedingungen für den Wechsel an eine Schule unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Die unterschiedlichen Begriffe wie Umsteiger, Direkteinsteiger und Seiteneinsteiger, die in diesem Zusammenhang kursieren, verwirren eher. In diesem Beitrag wird ausschließlich die Bezeichnung Quereinsteiger verwendet.

Eine Art Quereinsteigerin ist Mechthild Stephany. Vor mehr als 30 Jahren hat sie Musik und Religion auf Lehramt studiert. Nach dem Studienabschluss fand sie eine Stelle als Lehrerin in einer Musikschule und verzichtete auf das anschließende Referendariat. Anfang 2018 hat sie mit einer zweijährigen Qualifizierung begonnen, um danach als Lehrerin an einer Grundschule zu arbeiten. "Ich wollte immer gerne auch Religion unterrichten und freue mich, dass ich jetzt die Chance dazu bekomme", sagt die 55-Jährige.

Der Deutsche Musikrat schätzt, dass nur 25 Prozent des Musikunterrichts in Grundschulen von ausgebildeten Fachpädagogen erteilt wird

Doch der Weg bis zur Festanstellung hat es in sich. Stephany unterrichtet die ersten 18 Monate ihrer "berufsbegleitenden Qualifizierungsmaßnahme" wöchentlich 23 Stunden an einer Grundschule im niedersächsischen Celle. Fünf Stunden die Woche besucht sie Kurse am Studienseminar, in denen es um Themen wie Haltung und Rolle der Lehrkraft, Leistungsmessung und Differenzierung geht. "Das erste Jahr ist sehr anstrengend gewesen, denn man hat ja noch kein Material, auf das man zurückgreifen kann und muss jede Schulstunde intensiv vorbereiten. Gerade im Fach Religion, in dem ich noch keine Lehrerfahrung habe, ist der Aufwand sehr groß."

Überrascht hat sie der hohe Verwaltungsaufwand, wenn es zum Beispiel darum geht, schriftlich zu begründen, warum ein Kind besonderer Förderung bedarf oder eine Begleitung benötigt. Und auch der Umgang mit Kindern, die stören, muss erst gelernt werden. "Ich habe bei anderen Lehrerinnen hospitiert, mir Konzepte überlegt, Verschiedenes ausprobiert. Die tolle Unterstützung des Kollegiums hat mir sehr geholfen", sagt Stephany.

Der Deutsche Musikrat schätzt, dass lediglich etwa 25 Prozent des vorgesehenen Musikunterrichts in Grundschulen von fachspezifisch ausgebildeten Pädagogen erteilt wird - drei Viertel der Stunden werden nicht von solchen Fachleuten unterrichtet oder sie fallen ganz aus. Der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften ist nicht nur im Fach Musik, sondern auch in anderen Fächern groß und kann nicht allein durch Lehramtsstudierende gedeckt werden.

Die Konditionen für den späten Einstieg sind nicht einheitlich. Das kritisiert die Gewerkschaf

Dabei gibt es faktisch Einsteiger erster und zweiter Klasse: In Niedersachsen absolvieren Quereinsteiger mit einem Universitätsabschluss einen zweijährigen Vorbereitungsdienst unter den gleichen Bedingungen wie die Referendare, die ein Lehramtsstudium absolviert haben. Nach der erfolgreich abgelegten Staatsprüfung können sie verbeamtet werden. Für Quereinsteiger mit einem Fachhochschulabschluss ist eine einjährige pädagogische Einführung vorgesehen. Ihre Betreuung während dieser Zeit ist nicht so intensiv, die Abschlussprüfung ist nicht so umfangreich, eine Verbeamtung nicht möglich, der Verdienst im Angestelltenverhältnis geringer.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert diese unterschiedlichen Bedingungen. Ein Referendariat, das je nach Bundesland zwischen 18 und 24 Monaten dauert, müsse Voraussetzung bleiben, um an Schulen unterrichten zu dürfen. Die Praxis sieht anders aus. So gibt es laut GEW in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern ausschließlich eine einjährige pädagogische Einführung, während der mit fast voller Stundenzahl unterrichtet wird. Aus GEW-Sicht eine viel zu hohe Stundenbelastung, die leicht zum Abbruch führen könne. Genaue Zahlen, wie häufig das passiert, veröffentlichen die Bundesländer nicht.

Torsten Wallußek gibt an einem Berufsschulzentrum in Dresden wöchentlich 24 Stunden Sport. Vorher war der Sportwissenschaftler Besitzer eines Fitnessstudios. "Der Umgang mit jungen Leuten ist für mich nicht neu, doch jetzt als Lehrer im Referendariat habe ich mehr Verantwortung", sagt der 38-Jährige. Immer mittwochs findet von 8.30 bis 16 Uhr zudem seine theoretische Ausbildung statt, in der es um Didaktik, Methodik und Pädagogik geht.

Teilweise stößt der Einsatz von Quereinsteigern auch auf Widerstände

"Das ist eine neue Form der Belastung und schwieriger als beim Studium vor 15 Jahren", sagt Wallußek und stellt sofort klar, dass er sich darüber nicht beklagen will: "Erstmals in meinem Leben bin ich Angestellter und habe geregelte Arbeitszeiten mit einem langen Wochenende. Als Selbständiger lernt man ein festes Gehalt zu schätzen. Ich schlafe ruhiger." Er freut sich zudem darüber, dass er angehenden Trockenbauern, Malern, Lackierern und Vermessern praktisch zeigen kann, wie Bewegung Spaß macht und dabei hilft, ein gesundes Leben zu führen. Wallußek spricht davon, dass er von seinen Kollegen voll akzeptiert wird - Quereinsteiger wie er sind gerade in Berufsschulen nichts Besonderes.

Zugleich gibt es an anderen Schultypen wegen der verkürzten Ausbildung auch Vorbehalte gegenüber Quereinsteigern. In Berlin hatten bislang einige Schulen auf Quereinsteiger verzichtet. Ab sofort sollen sie gleichmäßig über alle Schulen verteilt werden, was teils auf starke Widerstände stößt. In der Bundeshauptstadt waren laut GEW zu Beginn des vergangenen Schuljahres von 2700 neu eingestellten Lehrerinnen und Lehrern nur noch 1000 voll ausgebildete Lehrkräfte. Außer Berlin hätten Sachsen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren die meisten Quereinsteiger angeworben.

Eine von ihnen ist Katrin Sinha aus Dortmund. Mit ihren Uni-Abschlüssen in Maschinenbau und als Wirtschaftsingenieurin hat sie ein Jahr in der Industrie sowie sechs Jahre an der Universität gearbeitet. "Anfangs war ich in der Lehre tätig, in Veranstaltungen mit bis zu 400 Studierenden. Das hat mir viel Spaß gemacht. Am Ende war ich für die Drittmittel-Akquise zuständig, das war nicht mehr das, was ich wollte", erzählt die 39-Jährige. Während des Referendariats unterrichtete Sinha Berufsschüler circa 20 Stunden in der Woche, hinzu kamen wöchentlich sechs Stunden, an denen sie Veranstaltungen am Seminar besuchte.

Die Arbeitsbelastung in jenen zwei Jahren sei "die Hölle" gewesen. Doch die Kollegen hätten sie unterstützt, und die Schüler wüssten es zu schätzen, wenn man seine Sache mit Herzblut mache. Heute unterrichtet sie an einem Berufskolleg in Dortmund vor allem angehende Kältemechatroniker. "Die größte Umstellung gegenüber der Uni ist für mich der enge Kontakt zu den Schülern. Sie wachsen einem ans Herz, das hätte ich nicht gedacht. Es ist immer wieder eine Herausforderung, in einer Klasse jungen Leuten mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen etwas beizubringen. Aber ich bin total froh, dass ich mich für diesen Weg entschieden habe. Es gibt jeden Tag Feedback."