Berufsschulen Tausende Berufsschullehrer gesucht

Ein Berufsschullehrer führt einen Auszubildenden an einer Schule in Sindelfingen in die Fertigkeit des Schweißens ein.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Die Hälfte der Pädagogen geht bis 2030 in Rente. Die Lehramtsstudenten können den Bedarf nicht decken. Das ist nicht nur für Azubis und Betriebe ein Problem, sondern für die ganze Gesellschaft.

Von Larissa Holzki

Wer will fleißige Handwerker seh'n, der muss zu uns Kindern geh'n - das singen Jungen und Mädchen im Kindergarten. Doch die Sache ist schwierig, denn ihre Ausbildung zum Maler, zur Tischlerin oder zum Glaser ist nicht gesichert, wie eine Untersuchung des Bildungsforschers Klaus Klemm für die Bertelsmann-Stiftung zeigt. Klemm hat ausgerechnet, wie viele Berufsschullehrer heutige Kinder brauchen und wie viele Lehrer in dualen Ausbildungsgängen und für ihre Vorbereitung auf die Fachhochschulreife tatsächlich bereitstehen werden. Es fehlen: Tausende. Und das ist nicht nur für die Eltern Grund zur Sorge.

Bis zum Jahr 2030 geht fast die Hälfte der 125 000 Berufsschullehrer in den Ruhestand. Etwa 60 000 neue Lehrkräfte werden in diesem Zeitraum benötigt. Die heutigen Lehramtsstudenten können diese Lücke nicht schließen. Besonders gravierend werde das Problem aber erst von 2030 an, prognostiziert Klemm. Dann kommen geburtenstarke Jahrgänge an die Berufsschulen. "Den Babyboom haben einige Länder bei der Berechnung ihrer Schülerzahlen noch nicht berücksichtigt", sagt Klemm. Die Kultusministerkonferenz unterschätze deshalb aktuell den Bedarf an Berufsschullehrern. In den fünf Schuljahren von 2030/21 bis 2035/36 müssten jedes Jahr 6100 Berufsschullehrer neu eingestellt werden, schätzt der Forscher. Demgegenüber stehen nach seinen Annahmen aber nur 2000 dazu qualifizierte Studienabsolventen. Auch hier ist die Prognose der Kultusministerkonferenz optimistischer: Sie kalkuliert 2900 Neubewerber. Klemm wundert das: "Das sind mehr Kandidaten, als wir Studenten in den Studiengängen für das Lehramt an Berufsschulen haben."

Beim Stichwort Lehrermangel denken die meisten zunächst an die Grundschulen. Wenn dort Unterricht ausfällt, spüren Eltern das sofort und protestieren. Die Berufsschulen nimmt ein wachsender Teil der Gesellschaft hingegen nicht mehr wahr: "Viele Abiturienten leben in einem Milieu, in dem es die berufsbildenden Schulen nicht gibt", sagt Klemm. Sie kennen keine Berufsschullehrer, und auch viele der gewerblich-technischen Fächer sind ihnen unbekannt. Es sind zugleich die Fächer, für die Lehrer dringend gesucht werden. Und in denen potenzielle Lehrkräfte, etwa Ingenieure, auch in der Wirtschaft begehrt sind. Gleich drei Probleme, wenn Lehrer für diese Schulform gesucht werden.

Aber die Berufsschule hat auch Vorteile gegenüber der Grundschule: Der Lehrerbedarf lässt sich langfristig besser absehen, die Lehrer werden höher bezahlt, und die Voraussetzungen für Seiteneinsteiger sind gut - etwa ein Drittel der Berufsschullehrer hat kein entsprechendes Lehramtsstudium absolviert. Sie kennen die Unterrichtsinhalte aber aus der Praxis. Ein Architekt etwa kann Bautechnik unterrichten, eine Designerin Farbtechnik und dazu ein allgemeinbildendes Fach ihrer Wahl. Schüler schätzen ihre Berufserfahrung.

Ob Seiteneinsteiger oder studierte Berufsschullehrer: Sie tragen viel Verantwortung, wenn sie Heranwachsende durch die duale Ausbildung begleiten oder auf die Fachhochschulreife vorbereiten. An den Berufsschulen wird heute mehr denn je die gesellschaftliche Entwicklung bestimmt. Einerseits sammeln sich dort viele Schüler, die sich in der Schule schwertun oder mit 15 Jahren keine Lust mehr zum Lernen haben. Es braucht gute Lehrer, um sie zu motivieren und zu unterstützen. An der Berufsschule entscheidet sich, ob die jungen Menschen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben oder ob ihnen ein Leben mit Minijobs und Arbeitslosengeld bevorsteht.

Der Fachkräftemangel bringt Unternehmen und Schulen dazu, die Anforderungen zu senken

Auch die Frage der Flüchtlingsintegration hängt zum Teil von den Berufsschulen ab. In Bayern und Niedersachsen etwa werden junge Geflüchtete in Sprachförderklassen aufgefangen. An den berufsbildenden Schulen können sie auch ihren Schulabschluss machen. Viele Zugewanderte haben nur eine geringe Schulbildung oder ihre Zeugnisse werden nicht anerkannt. Bietet ein Handwerksmeister ihnen einen Ausbildungsplatz an, ist das ein großes Glück. Schwieriger als der praktische Teil fällt den Flüchtlingen oft aber der theoretische: Sie haben vielleicht kaum Mathematik gelernt oder können nur Arabisch schreiben. Gemessen daran ist das Niveau hoch. Und in einer Maler- oder Dachdeckerklasse sitzen teilweise auch Abiturienten. Lehrer müssen auf diese unterschiedlichen Vorkenntnisse reagieren, meist ohne speziell dafür geschult worden zu sein.

Und dann ist da noch eine dritte gesellschaftliche Herausforderung, der die Berufsschulen begegnen müssen und der sie sich von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt stellen. Viel wird gesprochen und gestritten über das Abiturniveau: Nach Meinung einiger Experten sinkt es stetig, mit dem Ziel, mehr Schülern ein Universitätsstudium zu ermöglichen. Die Unternehmen brauchen aber auch Bewerber mit Berufsausbildung. Der Fachkräftemangel bringt Betriebe und Berufsschulen daher dazu, die Anforderungen in Gesellenprüfungen zu senken - ebenso der Zeitgeist. Weil Jugendliche früher mehr Zeit damit verbracht haben, das Fahrrad zu reparieren oder am eigenen Auto zu schrauben, hatten sie oft schon vor der Ausbildung handwerkliche Fertigkeiten. Heutige Auszubildende verbringen dagegen mehr Zeit am Computer. In vielen Berufen brauchen die Jugendlichen daher mehr Zeit als die Generationen vor ihnen, um bestimmte Fertigkeiten zu erwerben. Die vorherrschende Debatte um Laptops für Schulen und Akademisierung geht offenbar an einem großen Teil der Gesellschaft vorbei.

Die Ausbildung von Berufsschullehrern dauert mehr als sieben Jahre. Die Bertelsmann-Studie kommt zu dem Schluss: Noch kann die Politik den ganz großen Berufsschullehrermangel verhindern. Das wäre nach Ansicht der Experten wichtig, um das Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Gruppen zu begrenzen und den Fachkräftemangel nicht noch zu verschärfen. Wer heute einen fleißigen Handwerker seh'n will, muss oft viele Wochen warten.