Berufsleben Neuanfang: "Der Tag soll ja sinnvoll genutzt werden"

Ansonsten sind Müllers Rentenpläne die üblichen: den Keller entrümpeln, den Gartenzaun streichen, die Enkel öfter sehen, Reisen und Radtouren mit alten Freunden und seiner Lebensgefährtin unternehmen, die auch schon in Rente gehen könnte. "Sie muss auch loslassen - wann genau, darüber diskutieren wir noch", sagt Müller. Wenn er jetzt auf dem Werksgelände unterwegs ist, wächst die Angst vor dem Abschied. "Heute habe ich einen Gang zu meinen alten Kollegen in der Freilauffertigung gemacht. Wenn man die wieder spricht und einem so die Sympathie entgegenkommt, dann denke ich schon: Das werde ich vermissen."

Der letzte Tag

Der letzte Arbeitstag, es ist der 3. Juli 2017: Zu seiner Abschiedsfeier hat Manfred Müller 80 Leute ins Kasino auf dem Werksgelände eingeladen, 67 sind gekommen, gesetztes Essen mit Drei-Gänge-Buffet, an der Wand Leonardo da Vincis "Vitruvianischer Mensch" inmitten eines Kugellagers. An seiner Rede hat Müller tage- und wochenlang gefeilt, immer wieder etwas geschrieben und verworfen. Am Ende besteht die Rede, die er nicht ohne Lampenfieber hält, aus fünf Seiten, auf denen viele, viele Namen aufgezählt werden.

"Ein paar Leute waren wohl ein bisschen gekränkt, dass sie nicht vorgekommen sind, aber ich kann ja nicht alle erwähnen", sagt Müller hinterher. Auch Ralf Sigel hält eine Rede: Dank und Wertschätzung. Nach anderthalb Stunden ist die Feier vorbei, und der schwierigste Teil steht bevor, der Abschied von den Kollegen in der Abteilung. "Man versucht, nicht so emotional zu sein. Aber da war schon Feuchtigkeit im Auge."

Der Tag danach

Am 4. Juli erwacht Manfred Müller wie immer um zehn vor fünf, bleibt aber bis halb acht im Bett liegen. Dann nimmt er beherzt die geplanten Arbeiten an Haus, Garten und Schuppen in Angriff. Seine Lebensgefährtin sei jetzt sein Arbeitgeber, scherzt er und ist merklich froh darüber: "Man hat jahrelang die Struktur, und dann muss man sich selbst beschäftigen. Und der Tag soll ja sinnvoll genutzt werden, nicht vergeudet."

In den Wochen danach denkt Müller viel an die Abschiedsfeier zurück und überhaupt an seine Zeit bei Schaeffler. An die ersten Jahre, als die Daten noch auf Lochkarten gespeichert wurden und ein Taschenrechner 200 Mark kostete. Und an die "schlimmen Zeiten" nach der Conti-Übernahme 2009, als das Unternehmen kurz vor dem Bankrott stand und die Beschäftigten geschlossen vom Werkstor zum Marktplatz zogen, um staatliche Hilfen einzufordern. "Da hatte ich große Angst, nach all den Jahren arbeitslos zu werden", sagt er.

Die Wochen danach

Ganz vorsichtig fängt Müller an, die freie Zeit zu genießen. Und ist doch froh, dass er schon nach zwei Wochen wieder im Werk vorbeischauen kann: Betriebsjubiläumsfeier, ebenfalls im Kasino. Eine Personalerin spricht vor ein paar Dutzend Mitarbeitern, die vor 25 oder - wie Müller - vor 40 Jahren bei Schaeffler angefangen haben, von Dank und Wertschätzung.

Die Gratifikationen werden zusammen mit dem Gehalt ausgezahlt, jeder Jubilar bekommt zudem die Titelseite des Fränkischen Tages vom Datum seines Eintritts in die Firma: Der amerikanische Präsident Jimmy Carter wirbt für Nahostverhandlungen, die Opec einigt sich auf die Ölpreise. Zwischendurch eilt der Schaeffler-Technologievorstand Peter Gutzmer durch den Saal, hält aber zur Enttäuschung der Versammelten nicht an.

Natürlich trifft Müller an diesem Tag wieder viele alte Bekannte. "Bis zum Fünfundzwanzigsten!", ruft er einem Kollegen zu, dessen Abschiedsfeier bevorsteht. Den ganzen Tag könnte er hier mit Leuten reden, meint Müller. "Aber wenn man nicht mehr arbeitet, geht das bald alles auseinander. Da mache ich mir nichts vor." Immerhin sei ihm bis jetzt nicht langweilig geworden im Ruhestand: "Aber vom Gefühl her ist es auch noch wie Urlaub, nicht wie Rente."