Berufsleben Übergabe: "Man ist nie gefeit davor, dass irgendwo die Hütte brennt"

Manfred Müller hat sich akribisch auf den Ruhestand vorbereitet. Trotzdem ist alles, was jetzt kommt, Neuland für ihn.

(Foto: Schaeffler)

Manfred Müller, im Polohemd mit Firmenaufdruck, hat sich akribisch vorbereitet. Er kann auf mehr als 50 elektronische Mindmaps zurückgreifen, die er über Jahre für seine Arbeitsgebiete angelegt hat. Und immer geht es um Qualitätsmanagement. "Ich bin total auf Q geprägt", sagt er begeistert. "Mein Ideal ist: null Fehler."

Was sein wichtigstes positives Erlebnis bei Schaeffler gewesen sei? "Ich war zehn Jahre lang in einem Bereich, wo 15 Millionen Riemenscheiben pro Jahr gefertigt wurden. Wir hatten über ein Jahr lang keine einzige Reklamation." Nina Langenberger fragt: "Wie wurde das erreicht?" Müller erklärt: "Die Mitarbeiter hatten Interesse an dem Bauteil, haben von sich aus auf Fehler aufmerksam gemacht. Jeder macht an seinem Fleckchen, was er kann."

Müller hat Werkzeugmacher gelernt. Bei der Bundeswehr machte er seinen Industriemeister und fing am 1. Juli 1977 bei Schaeffler an. Als das Wort Qualitätsmanagement in Deutschland noch so gut wie unbekannt war, arbeitete er schon als "Laufkontrolleur" in der Zieherei. Müllers Augen leuchten, während er weitere Stationen aufzählt: Hülsenfreiläufe, Klemmkörperfreiläufe, Riemenspanner, Riemenscheiben.

Welche internen Kontakte er habe, will Langenberger wissen. "Zu jedem Q-ler in jedem Segment von Schaeffler weltweit, der mal ein Beschichtungsproblem hatte." Diesen vielen Kontakten trauert Müller jetzt schon hinterher, und auch der Abwechslung in seinem Job: "Man weiß nie, was der Tag bringt, ist nie gefeit davor, dass irgendwo die Hütte brennt." Reklamationen, Probleme, das sei ja eigentlich etwas Negatives. "Aber als Q-ler musst du eine positive Ausstrahlung haben. Das bekommt man dann auch zurück."

Für seinen Nachfolger, der im März schon ziemlich dringend gesucht wird, hat Müller eine Reihe von Ratschlägen. "Er ist der Hüter des Gesetzes", sagt er. "Er muss aber auch offen sein, die Themen verstehen lernen, versuchen, mit seinem Wissen eine Autorität zu werden." Natürlich hat die Zeit nicht gereicht. Zwei weitere Debriefing-Termine werden angesetzt.

Noch ein Monat

Müllers Stelle ist seit Monaten ausgeschrieben, aber im Juni gibt es immer noch keinen Nachfolger. "Doppelt schade, dass er uns verlässt, aber wir können es nicht ändern", sagt Ralf Sigel, sein Vorgesetzter. "Die Anforderungen für die Stelle sind sehr hoch. Wir würden sie am liebsten intern besetzen, weil es so viele Schnittstellen zu anderen Bereichen gibt."

Bis auf Weiteres wird Sigel, der auch schon 51 Jahre alt ist, Müllers zahlreiche Aufgaben mit übernehmen müssen. Seit sieben Wochen wird er dafür eingearbeitet. Das sei schon etwas merkwürdig mit dem eigenen Chef als Schüler, meint Müller. "Von seiner Art liegt er auf derselben Wellenlänge wie ich, er hat eine sehr vernünftige Einstellung. Aufgrund seiner Jugend, also Jugend in Anführungszeichen, kann er auch noch etwas vorantreiben, während bei mir Tag für Tag zu erkennen ist: Du bist zwar noch da, kannst aber immer weniger bewegen. Man muss sich damit zufriedengeben und es langsam ausklingen lassen."

Noch zwei Wochen

Tagsüber geht Müller eine sehr lange Checkliste mit Sigel durch. Abends stimmt er sich auf den Ruhestand ein, den er seinem Charakter entsprechend exakt plant. Im Arbeitszimmer daheim hat er sich schon ein Studio für Makrofotografie eingerichtet, er möchte Insekten fotografieren und mit Lichteffekten auf gläsernen Objekten experimentieren.