Süddeutsche Zeitung

Berufschancen jenseits der Uni:Studium abgebrochen - und jetzt?

  • Wer ein Studium abbricht, sollte möglichst bald eine neue Beschäftigung beginnen, zum Beispiel eine Ausbildung.
  • Experten empfehlen im Vorstellungsgespräch offen mit dem Abbruch umzugehen.
  • Spezielle Beratungsangebote helfen Studienabbrechern bei der weiteren Berufsplanung.

Auf jeden Fall studieren! Das stand für Daniel Müller nach ein paar Jahren als Erzieher fest. Voller Elan begann der Neu-Ulmer im Jahr 2014 mit Sozialpädagogik, um bald festzustellen, dass ihn die Inhalte nicht wirklich ansprachen. "Betriebliches Gesundheitsmanagement hätte mich interessiert. Doch die Professoren machten rasch klar, dass es schwer sei, in den Sozialberatungen großer Firmen unterzukommen", sagt Müller, der in Wirklichkeit anders heißt, seinen Namen aber nicht öffentlich preisgeben will. Er verlor immer mehr die Motivation und fiel mit dem Lernstoff zurück.

"Sobald ich realisiert hatte, dass ich das Falsche studierte, begann eine aufreibende Zeit", erinnert sich der 27-Jährige. Mit seiner Entscheidung für den Ausstieg steht er bei Weitem nicht alleine da. Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung bricht fast jeder Dritte sein Studium ab.

"Mit 26 Jahren konnte ich nicht noch zig Dinge ausprobieren"

Eine sehr schwierige Phase machte Jonas Greifenberg nach dem Ausstieg durch. Er hatte 2008 angefangen, Evangelische Theologie zu studieren. Etwas anderes stand für ihn nach vielen Jahren Engagement in seiner Kirchengemeinde in Fürstenwalde nicht zur Debatte. "Irgendwann dämmerte mir, dass ich mich gar nicht als Verkünder meiner Religion sah", sagt der 27-Jährige. "Doch als Pfarrer muss man seine Religion leben und andere überzeugen."

Als der junge Mann nach dem Wintersemester 2013/2014 kein Bafög mehr erhielt und ein Ende des Studiums nicht in Sicht war, entschloss er sich, aufzuhören. "Ich wusste nicht, wohin die Reise gehen sollte. Mit 26 Jahren konnte ich nicht noch zig Dinge ausprobieren", sagt Greifenberg, der seinen echten Namen ebenfalls nicht in den Medien publik machen will. Große Zukunftsangst habe ihn damals befallen.

Konstruktive Selbstkritik statt Selbstvorwürfe

"Enttäuschung, Bedauern, Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft, aber auch Wut auf sich selbst sind in der Anfangsphase nach einem Studienabbruch angemessen", sagt der Mannheimer Diplom-Psychologe Rolf Merkle. Er ist Autor des in der Mannheimer PAL Verlagsgesellschaft (Mannheim) erschienenen Ratgebers "So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen".

Nach Merkles Ansicht sind Selbstvorwürfe und Selbstzweifel die falsche Reaktion. Er rät zur konstruktiven Selbstkritik. Man solle herausfinden, welchen Anteil man selbst an der Situation hatte und welche anderen Faktoren, die man nicht steuern konnte, hineingespielt haben. "Die Analyse der Fehler kann dazu beitragen, den Selbstwert zu bewahren", betont Merkle.

Die Entscheidung, sich von einem Studienfach abzuwenden, könne man für sich selbst positiv verbuchen. "Man hat schließlich erkannt, dass man mit dem Fach nicht glücklich geworden wäre und kann sich neuen Zielen zuwenden", formuliert der Experte Gedanken, mit denen man sich selbst motivieren kann. Nach der umfassenden Analyse der Gründe, die zum Abbruch geführt haben, rät er, den Blick möglichst bald auf die Möglichkeiten der Zukunft zu lenken.

"Ich habe mich nie als Versager gefühlt"

Daniel Müller halfen auch Gespräche mit Freunden durch diese Zeit des Zweifelns. Er ging in sich und stellte fest, dass er noch andere Interessen hat als Leuten zu helfen. "Ich arbeite viel am PC, schreibe gern und interessiere mich für Kommunikation. Eine Verbindung all dessen, schien mir das Richtige zu sein", sagt er. Jetzt studiert er Wirtschaftskommunikation.

Britt Weidlich nahm das Thema Abbruch gelassen. Die Berlinerin hatte im Französisch-Leistungskurs Feuer gefangen und sich 2012 für Frankreichstudien eingeschrieben. Inhaltlich ging es ihr jedoch zu viel um Recht und Politik. Sie hörte nach zwei Monaten auf und ging nach Kanada, um zu jobben und zu reisen.

Wieder zurück in Deutschland, wollte sie noch immer beruflich etwas mit Sprachen machen und schrieb sich für Skandinavistik ein. "Das Ganze hat Spaß gemacht, war aber sehr theoretisch", sagt die 22-Jährige. Als sie nach einem Jahr noch keine Idee hatte, was sie später mit diesem Studium anfangen sollte, brach sie erneut ab. "Ich habe mich nie als Versager gefühlt", betont sie. Dazu habe auch das große Verständnis ihrer Eltern beigetragen. Nachdem sie zweimal das Studium hingeworfen hatte, war für Weidlich klar, dass sie eine Ausbildung machen wollte.

Im Vorstellungsgespräch offensiv mit dem Abbruch umgehen

"Ein abgebrochenes Studium stellt in den Augen mancher Menschen einen Makel dar. Das lässt sich nicht leugnen", sagt der Münchner Karriereberater Walter Feichtner. Eine gute Ausgangslage als Bewerber besitze, wer relativ früh, etwa nach dem ersten oder zweiten Semester, und aus freien Stücken aufgegeben habe. Eine solche Entscheidung lasse sich überzeugend begründen und mache einen besseren Eindruck, als wenn es sich um eine Zwangsexmatrikulation wegen nicht bestandener Prüfungen handele.

Wichtig sei, nach der Entscheidung rasch einen Ausbildungsplatz zu suchen. Feichtner rät dazu, das an der Hochschule erlangte Wissen und die persönliche Weiterentwicklung durch die Zeit an der Uni in die Bewerbung einzubringen. Wer zum Gespräch eingeladen werde, solle von sich aus erklären, warum er das Studium nicht abgeschlossen habe. "Je offensiver und selbstbewusster man damit umgeht, desto besser", sagt der Karriereberater.

Das bestätigt Britt Weidlich, die heute eine Lehre zur Tourismus-Kauffrau bei TUI macht. Im Bewerbungsgespräch hatte sie ohne Umschweife gesagt, dass ihr die Theorie an der Universität nicht liege, dass sie sich eher als Praktikerin in einem Beruf mit viel Kundenkontakt sehe. "Später teilte mir die Ausbildungsleiterin mit, dass ich gerade durch den offenen Umgang mit dem Thema überzeugt habe", erzählt Weidlich.

Spezielle Beratungsstellen für Studienabbrecher

Jonas Greifenberg hatte sich Hilfe gesucht bei Looping, einer Beratungsstelle für Studienabbrecher in Berlin, und gleichzeitig als Aushilfskassierer bei Kaufland angefangen. Bei Looping handelt es sich um ein Projekt, das im Jahr 2011 startete und Ende 2015 auslief. Finanziert wurde es von der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Mit Hilfe einer der Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle lotete Greifenberg seine Interessen und Talente aus. Er entschied sich schließlich für eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann bei Kaufland. In der Filiale, in der er arbeitete, erhielt er rasch einen Ausbildungsvertrag.

Leute wie er und Weidlich sind derzeit gesucht. "Im Raum Berlin stehen die Chancen für Studienaussteiger in einigen Branchen, wie der Metall- und Elektroindustrie oder im Einzelhandel, sehr gut", sagt Laura Ritter, die bei Looping als Beraterin tätig war und nun ihre Tätigkeit im Rahmen der Jobassistenz Berlin fortsetzt (www.ziz-berlin.de).

Wer viel Energie ins Studium gesteckt hat, fühlt sich eher gescheitert

Wenn man ohne lange Durststrecke eine Ausbildung beginnen kann, besteht nicht die Gefahr, sich als Versager zu fühlen. Ob dies geschehe, hänge vom einzelnen Fall ab, sagt Laura Ritter: "Es gibt einige, für die das kein so großes Thema ist. Sie haben ein paar Semester ausprobiert und festgestellt, dass es nicht das Richtige für sie ist. Leute, die sich dagegen schon in mehreren Studiengängen versucht haben, sind irgendwann sehr verunsichert und trauen sich gar nicht mehr, eine Entscheidung zu treffen."

Das Gefühl, gescheitert zu sein, habe sie vor allem bei denjenigen ausgemacht, die sehr viel Energie ins Studium investiert hätten. "Bei Menschen, die bereits Anfang 30 sind und noch keinerlei Abschluss haben, ist der Druck besonders groß." Sie seien meist sehr niedergeschlagen und müssten erst aufgebaut werden.

Ermutigende Nachrichten für Studienabbrecher, die eine Ausbildung anstreben, hat auch Stefanie Langen von der Agentur für Arbeit München parat: "Der Arbeitsmarkt ist bestens." Vom Handwerksbetrieb bis zur Bank - Unternehmen fänden nicht genügend Lehrlinge und seien sehr interessiert an Bewerbern mit Abitur, die bereits Hochschulerfahrung gesammelt haben. Ihr Plus sei auch, dass sie schon lebenserfahrener seien als Abiturienten. Langen: "Sie bleiben den Firmen eher erhalten, weil sie bereits wissen, dass ein Studium nicht das Richtige für sie ist."

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Quelle:
SZ vom 21.01.2016/sks
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