Berufsbild:Die Ausbildung ist ein guter Karrierestart - aber nicht für Pfleger

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Der Zweitbeste ist in diesem Fall auch derjenige, den alle scheuchen und schimpfen dürfen. Der Erfolg einer Klinik wird heute unter anderem daran bemessen, wie schnell Patienten wieder raus sind aus den Betten - und wie schnell der nächste auf der Matratze liegt. Das Ziel wird durchgedrückt, von Chefärzten über Oberärzte, Stations- und Assistenzärzte - bis zu Svenja Meineke. Auch sie arbeitet am Uniklinikum in Köln als Krankenpflegerin und heißt eigentlich anders: "Jetzt sofort muss das Rezept für die Patientin her, jetzt sofort muss dieser Verbandswechsel gemacht werden", beschreibt sie, was häufig erwartet wird. "Dann ist es auch egal, ob ich jemanden nackig im Nachbarbett liegen habe, weil ich ihn gerade wasche."

Den Patienten ist das natürlich nicht egal. Ihnen muss Meineke erklären, warum sie noch kein Bett haben, warum der Arzt noch nicht da war und warum auch sie so wenig Zeit hat. Sich allein um 15 Patienten kümmern, wie es manchmal ihre Aufgabe ist, das geht einfach nicht gut. Einer möchte gewaschen werden, ein zweiter hat eingestuhlt, der dritte ringt um Luft. "Dann stehe ich da, alles ist mega wichtig, aber ich muss Prioritäten setzen: erst mal die Luftnot", sagt sie, "dann der Kot". Weil Patienten heute nach Möglichkeit ambulant behandelt werden, ist auf der Station fast jeder schwer krank.

Patienten beschweren sich meistens bei den Pflegern

Druck und Kritik kommt also nicht nur von oben, sondern auch aus den Betten und von Angehörigen. Bei den Pflegern können sie per Klingel den Frust ablassen, aber meistens machen sich Meineke und ihre Kollegen die Vorwürfe schon selbst: "Das ist kein Papierstapel, den ich liegen lassen kann, das sind Menschen", sagt Meineke. "Ich würde niemals sagen, ich wasche Sie heute nicht, dann mache ich eben keine Pause oder bleibe länger, damit ich wenigstens mit einem halbwegs guten Gefühl nach Hause gehen kann."

Viele Pflegefachkräfte verlassen die Kliniken ganz. Weil sie den Arbeitsalltag nicht packen, den Druck nicht ertragen, keine Lust mehr haben auf den Umgangston. Statistiken zur Verweildauer in den Pflegeberufen liegen weit auseinander, aber Fakt ist, dass die wenigsten Berufsinhaber von der Erstausbildung bis zum Renteneintritt als Pflegekräfte arbeiten. Mehr Kollegen würden Meineke das Berufsleben leichter machen und wären ihr lieber als mehr Geld - da scheint sich der Teufelskreis zu schließen. Denn wer wollte sich auf Basis ihrer Schilderungen schon um eine Stelle auf ihrer Station bewerben?

Wer Karriere machen will, muss den Beruf wechseln

Es gibt gar nicht so wenige Interessenten, wie man denken könnte. Während insgesamt immer weniger Jugendliche eine Lehre beginnen, ist die Zahl der Ausbildungsanfänger in den Pflegeberufen in den vergangenen Jahren meist gestiegen. Nur lockt der Beruf offenbar die Falschen: "Die Wenigsten wollen auf Dauer in die Pflege", sagt Jacobs, die in Köln Pflegeschüler als Mentorin betreut. Viele Abiturienten wollten mit der Ausbildung die Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz überbrücken und erste Erfahrungen im Krankenhaus sammeln.

Die angehenden Mediziner nutzen die Pflegeausbildung als etwas, was sie eigentlich nicht ist: ein Karrieretreppchen. Für Jacobs und ihre Kollegen ist das doppelt frustrierend: Sie geben sich Mühe mit der Einarbeitung und Betreuung und haben am Ende nur wenig davon. Durch das Auswahlmuster sei das Problem zum Teil selbstgemacht: "Das Abitur ist häufig Voraussetzung für die Pflegeschule. Wenn man sich die besten Absolventen holt, dann sind das auch die, die studieren und abwandern können."

Leistung müsste sich in der Bezahlung widerspiegeln

Selbst kommen die Pfleger nicht voran. Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Berufs, die laut Gesundheitsökonom Neubauer neben dem sozialen Prestige und der Bezahlung einen Verbleib attraktiver machen könnten, sind rar. Für ihren Einsatz in der Ausbildung bekommt Jacobs: nichts. Weiterbildungsmöglichkeiten sind zwar zahlreich - zum Beispiel in der Ernährungsberatung, der Wundversorgung und der Pflege von Krebspatienten, aber finanziell gewürdigt werden Zusatzqualifikationen auch nicht.

Die höchste Entgeltstufe ist schnell erreicht, und dann geht es nicht weiter. "Wir denken alle, wir müssten das mitmachen, weil wir doch so nette Menschen sind", sagt Jacobs. Leistungsbezogene Bezahlung hielte sie für eine gute Idee, es könnte Pflegekräfte auch motivieren, wenn auf arbeitsintensiveren Stationen mehr gezahlt würde als auf ruhigeren Posten.

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