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Beruflicher Neustart:"Kein Denkverbot, nur weil man 40 ist"

Letzter Arbeitstag

Der Abschied vom alten Job und die Entscheidung für einen beruflichen Neuanfang fallen vielen Arbeitnehmern nicht leicht.

(Foto: iStock)

Das eigene Alter, die Kosten, Furcht vor Veränderung: Das sind die Gründe, weshalb viele den Traum von der Zweitkarriere nie in die Tat umsetzen. Warum der berufliche Neustart lohnt - und wie man ihn angeht.

Als Frank Philipp mit dem Bauingenieursstudium begann, hätte er nie gedacht, dass er einmal mit Bikinis Geld verdienen würde. Er war zufällig an den Job als Produktmanager bei einer bekannten Unterwäschefirma geraten. Und er gefiel ihm gut, jedenfalls besser als die Baubranche, die er als Praktikant während des Studiums kennengelernt hatte. Doch nach sechs Jahren im Wäschegeschäft machte sich Ernüchterung breit. "Mir fehlte das Nachhaltige", sagt der Ingenieur. "Ich fragte mich, welchen gesellschaftlichen Mehrwert ich damit schuf, dass ich Leute zum Kauf von Bademode und Unterwäsche animierte, die sie eigentlich gar nicht brauchten."

Der Hamburger Psychologe Tom Diesbrock berät Menschen, die im Berufsleben unzufrieden sind. Er kennt Brüche im Lebenslauf aus eigener Erfahrung: Er studierte einige Semester Medizin, jobbte als Pfleger und Betreuer von Jugendlichen, leitete ein Popmusik-Projekt und arbeitete als Redakteur, bis er letztlich mit dem Psychologie-Studium begann. "Ein Glückstreffer", sagt Diesbrock. Heute hat er eine eigene Praxis und mehrere Ratgeber zum Thema Beruf-Neustart geschrieben.

Obwohl ihm seine vielfältigen Erfahrungen nutzen, rät Diesbrock davon ab, sich nur treiben zu lassen: "Angestellte müssen genauso planerisch denken und agieren wie Selbständige." Denn eine Festanstellung garantiere keine lebenslange Betriebszugehörigkeit mehr, und auf Karriereversprechen der Vorgesetzten könne man sich nicht verlassen: "Vielleicht haben Sie nächstes Jahr einen neuen Chef."

Umso wichtiger sei es, sich über die eigenen Interessen klarzuwerden. "Manche machen eine Weiterbildung, weil sie gerade angeboten wird, und hoffen, dass sich daraus etwas ergibt", sagt Diesbrock. Doch es sei verschwendete Zeit, wenn der Kurs sie nicht näher an ein klares Ziel bringe.

Mit der Kündigung kamen die Existenzängste

Sein neues Ziel entdeckte Frank Philipp auf Plakaten, die für Windenergie warben. Ihm wurde klar: "Das war das Nachhaltige, das ich suchte." Er war Mitte 30, hatte keine Familie zu ernähren und ein finanzielles Polster für die Ausbildungszeit. Er wagte den Absprung aus dem Beruf und schrieb sich für den Weiterbildungsstudiengang "Master of Renewable Energy and Energy Efficiency" an der Universität Kassel ein. Mit der Kündigung kamen aber auch die Existenzängste. "Nachts habe ich manchmal wach gelegen und mich gefragt: Was hast du da bloß getan?"

Angst vor Veränderung muss man ernst nehmen, sagt Coach Diesbrock. Doch damit Angst nicht Neues verhindere, müssten mögliche Probleme gründlich analysiert werden. Oft stellten seine Klienten fest, dass ein Umstieg tatsächlich möglich ist. "Da darf man sich kein Denkverbot auferlegen, nur weil man 40 Jahre alt ist. Schließlich hat man noch fast 30 Jahre in dem Beruf vor sich", sagt Diesbrock.

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Einige seiner Klienten hätten ihr Hobby zum Beruf gemacht. So arbeite eine Frau nun als Tierpsychologin, statt Wirtschaftsstatistiken zu analysieren. "Andere ziehen kleinere Lösungen vor, zum Beispiel der Werber, der sich mit Mitte 30 zu alt für die Branche fühlt und dann auf die Kundenseite wechselt", sagt Diesbrock. Die wenigsten ließen alles hinter sich, um etwa eine Bar in Thailand zu eröffnen. Wer gerade nicht viel Zeit und Geld in einen Umbruch investieren könne, etwa weil die Kinder noch klein seien, sollte parallel trotzdem auf sein Ziel hinarbeiten und passende Fortbildungskurse belegen.

Kaum noch Freizeit

Im vorigen Jahr haben sich nach einer Studie des Bundesbildungsministeriums so viele Deutsche zwischen 19 und 64 Jahren weitergebildet wie nie zuvor: 49 Prozent der Befragten, wobei auch persönliche Weiterbildungen wie das Erlernen einer neuen Sprache mitzählen. Immerhin 35 Prozent machten eine Schulung im Betrieb, während sich neun Prozent individuell um eine Weiterbildung kümmerten.

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Nicht alle können vor der Weiterbildung ein finanzielles Polster für diese Zeit anhäufen. Selbst wenn der Betrieb den Karriereschritt zum Beispiel vom Dreher zum Techniker unterstützt und den Mitarbeiter für eine zweijährige Ausbildung freistellt, verdient er in dieser Zeit nichts.

Wer jünger als 30 Jahre alt ist, kann Bafög beantragen. Andere machen die Fortbildung neben der Vollzeit-Arbeit, reduzieren diese oder suchen einen weniger anstrengenden Übergangsjob. Doch dann verlängert sich die Dauer, beim Techniker zum Beispiel auf drei bis vier Jahre - eine immense Belastung, da kaum noch Freizeit bleibt.

"Hobbys fallen erst mal weg"

"Wir haben keine Zahlen, wie viele Abbrecher es bei den Weiterbildungen gibt", sagt Paul Ebsen von der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Doch müsse sich jeder bewusst sein, dass er den Weg nur dann zurücklegen werde, wenn er das Ziel klar vor Augen habe und sich stark diszipliniere: "Hobbys fallen da erst mal weg." Noch dazu sei das Lernen selbst nach langen Arbeitsjahren ungewohnt. "Man muss sich von Anfang an dahinterklemmen, auch wenn man denkt, die Grundlagen kenne man ja schon. Sonst verliert man den Anschluss", sagt Ebsen.

Eine Altersgrenze gebe es nicht: "Heute gilt lebenslanges Lernen." Zwar rate er 55-Jährigen nicht mehr unbedingt zur Umschulung, doch wertvolle Zusatzqualifikationen könnten auch in einem halben Jahr erworben werden.

Frank Philipp hat seine Entscheidung nicht bereut, ist aber auch dankbar für die Erfahrung als Produktmanager. "Das kam bei den ersten Arbeitgebern gut an. Wenn wir Windparks planen, müssen wir das Projekt auch in den Gemeinden präsentieren, also dafür werben", sagt er. Inzwischen wurde er von einem Headhunter abgeworben und arbeitet bei einer anderen Firma als Projektentwickler für Windparks. "Ich bin da angekommen, wo ich hinwollte."