Karriere:Kampf um Geld, Anerkennung und Macht

Viele glauben das trotzdem und fühlen sich schlecht. Ziegelmayer nickt, er kennt das. "Wir orientieren uns immer noch an einem Organisationsmodell, bei dem nur der Anführer der Gruppe zählt. Der Kopf der Pyramide eben. Dabei ist dieses Modell total archaisch, überholt, von vorgestern. Fast alle arbeiten heute in Teams, selbst die Leute ganz oben fallen ohne die von unten wieder runter. Das zeitgemäße Modell ist der Kreis." Vom Kopf her leuchtet das sofort ein. Doch gefühlsmäßig ist unser Oberstübchen immer noch mit Pyramiden tapeziert, und deren Spitzen blinken uns zu: Hier ist dein Platz.

Heiner Thorborg, als Personalberater ein Fachmann für Pyramiden in Veränderung, hat viele Träume platzen sehen. Er ist überzeugt: "Wer mit 40 noch im mittleren Management sitzt, wird es nie nach ganz oben schaffen." Dennoch erspürt er bei erfolgreichen Mittvierzigern, meist Männern, oft die unausgesprochene Frage, ob es das nun gewesen sei. Oder ob es womöglich noch etwas anderes gebe. "Weil es im Unternehmen nicht weitergeht oder weil sie wissen wollen, ob draußen auf dem Markt noch mehr geht." Thorborg findet das - gut. "Ich kann jeden nur ermutigen, sich noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Dann sieht man ja, ob es geht oder ob man sich mit dem abfinden muss, was man erreicht hat."

"Da bleibt dann nur noch die Politik"

Sich abfinden müssen - das sagt sich leichter, als es getan ist. Wie überlistet man sein bei Rangkämpfen stehengebliebenes Reptiliengehirn? Psychologe Ziegelmayer rät, die unerfüllten beruflichen Ziele zu sezieren. "Worum geht es wirklich? Will man mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Macht?" Okay: mehr Geld. "Mit Mitte, Ende vierzig ist man üblicherweise schon in einer ganz anständigen Gehaltsklasse. Wie viel Triumph bringen da ein paar Hundert mehr im Monat?" Man möge einmal auf einen Zettel schreiben, was man damit machen würde - Monat für Monat. Und mit wie viel mehr Stress man das bezahlen muss - Tag für Tag.

"Wenn Geld das vorherrschende Motiv ist, kann man auch an der Börse spekulieren", sagt der Psychologe. Auch Anerkennung ließe sich anderweitig beibringen. "Ich bin zum Beispiel ehrenamtlich im Verband tätig", sagt Ziegelmayer über sich selbst. Das bringe ihn in Kontakt mit Kollegen und liefere ihm Beifall. "In einem Ehrenamt kann fast jeder sein Feld finden, wenn er den Blick vom Beruf löst und nachdenkt, wo er sich nützlich machen kann." Und wenn der Machtwille alles andere in den Hintergrund drängt? "Das wird schwierig", sagt er. "Da bleibt dann nur noch die Politik." Paul, der Jurist, hat auch schon daran gedacht.

© SZ vom 11.04.2015/mkoh
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