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Berufliche Gymnasien:Technik trifft Ökologie

Illustration: Stefan Dimitrov

Ein neues Unterrichtskonzept an Beruflichen Gymnasien soll Ingenieurwissenschaften für Schüler attraktiver machen.

Von Christine Demmer

Das berufliche Gymnasium - in manchen Bundesländern heißt es noch Fachgymnasium - vermittelt neben dem allgemeinen Schulwissen auch berufliche Kenntnisse, zum Beispiel in den Schwerpunkten Gesundheit, Technik oder Wirtschaft. Insbesondere die Gymnasien mit ingenieurwissenschaftlicher Ausrichtung seien eine interessante Alternative zum regulären Gymnasium, finden die Unternehmen. Nicht ganz uneigennützig, denn ihnen droht demografiebedingt das technische Fachpersonal auszugehen. Schülerinnen und Schüler finden Maschinenbau und Elektrotechnik hingegen weniger spannend. Weil sie sich darin mit den Lehramtsstudenten einig sind, bleiben viele Klassen der beruflichen Gymnasien mit Schwerpunkt Technik leer. Doch Not macht erfinderisch. In Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen wurde vor Kurzem ein Modellversuch abgeschlossen, in Hamburg läuft er noch. Zu erwarten ist, dass die technische Bildung an beruflichen Gymnasien künftig nach dem Vorbild dieses Modellversuchs umgestaltet wird.

Bislang sind die schulischen Angebote sehr spezialisiert angelegt, so etwa in beruflichen Gymnasien für Maschinenbau oder Elektrotechnik. Das passe nicht zu den Jugendlichen, die sich immer weniger früh auf eine Disziplin festlegen wollen, findet Klaus Jenewein, Professor für Ingenieurpädagogik und gewerblich-technische Fachdidaktiken am Institut für Bildung, Beruf und Medien an der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg. Er begleitet und erforscht den länderübergreifenden Modellversuch und sagt: "Wir können in den technischen Bereichen des beruflichen Gymnasiums nicht so kleinteilig wie bislang weitermachen." Nötig sei eine Neuausrichtung der technischen Bildung mit dem Fokus auf das systemische Denken in größeren Zusammenhängen. Das damit verbundene Konzept einer "ingenieurwissenschaftlichen Orientierung" löst Technik aus der schmalen Spur einer einzelnen Disziplin und nimmt im Unterricht ebenfalls die Schnittstellen zu Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt in den Blick. "Das entspricht einem modernen Bildungsverständnis und ist auch Eltern wichtig", berichtet Jenewein.

Im neuen beruflichen Gymnasium für Ingenieurwissenschaften wird in der Einführungsphase in Klasse elf Orientierungs- und Überblickswissen ermittelt. Im Unterricht behandelt und in Projektarbeiten vertieft werden nicht mehr einzelne fachliche Grundlagen, sondern Systeme der Bau-, Elektro-, Informations- und Produktionstechnik mitsamt ihren ökosozialen Berührungspunkten. Früher mussten sich junge Menschen indes schon frühzeitig für Disziplinen wie Bautechnik und Metalltechnik entscheiden. Im Zentrum der Qualifizierungsphase in den Klassen zwölf und 13 stehen Gestaltungs-, Beurteilungs- und Reflexionswissen. Zum Beispiel: Wie konstruiert und produziert man technische Systeme? Wie nimmt man sie in Betrieb? Wie hält man sie instand? Und wie bewertet man Technik und Technikfolgen unter dem Aspekt sozialer, ökologischer und ökonomischer Wechselbeziehungen?

Seit dem Start des neuen Systems sind die Schülerzahlen kontinuierlich gestiegen

Dieses Vorgehen sei sinnvoller als die frühe Ausdifferenzierung der ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen, sagt Jenewein. Und vermeide, dass sich Schüler bereits in der gymnasialen Oberstufe auf bestimmte ingenieurwissenschaftliche Fachrichtungen festlegen müssten. Zwar ist es den Absolventen der beruflichen Gymnasien freigestellt, nach dem Abitur etwas ganz anderes als Ingenieurwissenschaften zu studieren. Aber so manche dürften Appetit bekommen haben.

Das Land Hessen nimmt nicht am Modellversuch teil, geht bei den beruflichen Gymnasien aber einen ähnlichen Weg. Manfred Tesch, Lehrer an der Heinrich-Kleyer-Schule in Frankfurt, beschreibt ihn: "Wir haben zwei Fächer, die es anderswo nicht gibt: Technologie und Technikwissenschaft. Als Leistungskurse bieten wir als erstes Fach Englisch, Mathematik, Physik oder Chemie an, für den zweiten Kurs wählen die Schüler Mechatronik oder Datenverarbeitungstechnik." Schmalspurabiturienten würden auf diese Weise nicht herangezogen. Bei den Abinoten liege man im Landesdurchschnitt, betont Tesch.

In Sachsen-Anhalt scheint die Rechnung aufzugehen - die breiter aufgestellte Technikausbildung motiviert offenbar die jungen Menschen. Seit Beginn des Modellversuchs an den inzwischen sechs beruflichen Gymnasien des Landes mit Schwerpunkt Technik im Jahr 2013/14 hat sich die Schülerzahl kontinuierlich auf nunmehr knapp 400 erhöht. Das Interesse der Schüler ist Jahr für Jahr gestiegen. Die Abiturienten gehen selbstbewusst an ihre Berufswahl heran: Fast zwei Drittel von ihnen gaben für eine Studie zu Protokoll, sich bereits in Klasse 13 entschieden zu haben, welchen Beruf sie später ausüben wollen.

© SZ vom 11.05.2018
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