Süddeutsche Zeitung

Berufe-Serie (VI):Was macht ein Environmental Verifier?

Lesezeit: 2 min

Wenn er ins Unternehmen kommt, denkt manch einer an etwas Esoterisches. Dabei hält sich Thorsten Grantner als Umweltgutachter streng an verbindliche Verordnungen - und tut damit Gutes für die Umwelt.

Tobias Brunner

Thorsten Grantner kennt die Zweifler nur zu gut. Wenn es um seine Dienste geht, fallen in den Chefetagen häufig die gleichen Klischees: Das ist zu teuer, zu bürokratisch und bringt sowieso nichts. "Oder sie denken gleich an irgendetwas Esoterisches", sagt Grantner. Und das nur wegen eines Namens: Öko-Audit-Verordnung. Dabei wurde Grantners Beruf eigens für diese Umweltprüfung erfunden. Umweltgutachter heißt der, so schreibt es das deutsche Gesetz vor. Aber manche bezeichnen Grantner auch schon mal als "Environmental Verifier".

1993 beschloss die Europäische Gemeinschaft unter dem Namen "Eco-Management and Audit Scheme" besagte Verordnung einzuführen, kurz EMAS. Firmen können sich damit verpflichten, ihre Umweltleistung zu verbessern und einmal pro Jahr einen Bericht zu veröffentlichen. Umweltgutachter prüfen diese Erklärung: Wurden alle Vorschriften eingehalten? Stimmen die Zahlen? Ist alles korrekt, unterschreibt der Gutachter, die IHK verleiht dann die EMAS-Urkunde. Zu den bekannten Firmen in Bayern mit Zertifikat zählen BMW, Audi oder Schaeffler.

Seit 1993 kamen weitere Gesetze für Gutachter hinzu: etwa den Handel mit Emissionszertifikaten für gültig erklären. Oder prüfen, ob jemand das Erneuerbare-Energien-Gesetz einhält und ihm damit bestimmte Stromvergütungen zustehen. Grantner selbst hat sich spezialisiert. 2009 gründete er seine Firma Omnicert in Bad Abbach bei Regensburg. Inzwischen zertifizieren er und seine 17 Mitarbeiter rund 30 Prozent aller Biogasanlagen in Bayern. EMAS aber bleibt für ihn die Königsdisziplin. "EMAS ist nicht nur reden, sondern liefern", sagt der 36-Jährige entschlossen.

Freilich gebe es weitere Normen für den Umweltschutz, die er begrüße. Doch viele seien in EMAS enthalten. Wie die Vorgabe, ein Umweltmanagementsystem einzuführen. Und sie verpflichten in der Regel nicht, am Ende bessere Werte vorzuweisen. Grantner spricht von "weichgespülten Varianten". Ein Vergleich: Wer in der Schule plötzlich eher als sonst für Prüfungen lernt, verfeinert zwar sein System. Bekommt er danach aber die gleichen Noten, hat er sein Ergebnis nicht verbessert. EMAS fordert effektives Lernen und bessere Noten - System und Zahlen, etwa spezifischen Wasserverbrauch und Abfall zu senken. Bei seinen Audits misst Grantner die Firmen deshalb auch an ihren Versprechen der vergangenen Jahre.

Und obwohl bei einem Mittelständler rund drei Monate bis zum Zertifikat vergingen, lohne es sich. Was viele nicht sehen: Wirtschaftlichkeit heißt nicht nur, die Umwelt zu schonen. Es bedeutet auch, die eigenen Kosten zu senken. Denn die Firmen müssen für ihren Bericht jeden Arbeitsschritt durchleuchten, den Energieverbrauch pro Euro Umsatz ermitteln, die Ausgaben zählen. "Will ich in zehn Jahren noch schwarze Zahlen schreiben, muss ich das sowieso machen", ist sich Grantner sicher. Gleichzeitig sei es ein positives Signal an die Mitarbeiter: "Wer EMAS einführt, hat Werte und kümmert sich."

Angesichts dieser Wirkung trägt Grantner viel Verantwortung. Alle zwei Jahre muss er seine Prüfungen der DAU melden, der Deutschen Akkreditierungs- und Zulassungsgesellschaft für Umweltgutachter. Dort legt er Stichproben seiner Unterlagen vor. Beschwert sich etwa ein Anwohner über eine zu laute Fabrik mit EMAS-Zertifikat, könnte der Fall mittendrin untersucht werden. Nur wenn Grantner keine Fehler macht, behält er seine Zulassung.

Die ist ohnehin schwer zu bekommen. Gefordert sind ein Studium sowie mindestens drei Berufsjahre mit Eigenverantwortung. Als Umweltgutachter - rund 230 sind es in Deutschland, zwei Drittel davon Männer - arbeiten meist Naturwissenschaftler oder Ingenieure. Grantner studierte erst Maschinenbau, wechselte später zu Umweltsicherung. Heute sind seine Kunden vor allem Mittelständler, Behörden - und Kirchengemeinden. "Die sehen es als ihre ureigene Aufgabe an, Ressourcen zu sparen", löst Grantner auf. Und das hat dann tatsächlich nichts mit Esoterik zu tun.

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Quelle:
SZ vom 24.08.2012
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