Süddeutsche Zeitung

Berufe:Jobs mit Zukunft - von UX-Designern und Data Scientists

Ständig entstehen neue Berufe. Doch erst wenn sie in der Datenbank der Agentur für Arbeit landen, steht fest: Hier gibt es Bedarf. Zwölf Beispiele.

Mit schöner Regelmäßigkeit rufen Trendscouts neue Berufe aus, vom Tele-Chirurgen bis zum urbanen Bauern. Die Wirklichkeit kann da nicht ganz mithalten: Manche Berufe sind reine Fantasieprodukte, andere - wie IT-Security-Experten - gibt es schon lange. Gern werden auch Fertigkeiten im Umgang mit neuen Technologien zu Berufen erklärt. Doch den oft prognostizierten "Experten für 3-D-Druck" wird es als einheitliches Berufsbild wohl nie geben, weil diese Technologie mit ganz verschiedenen Materialien in vielen Branchen von Industrie und Handwerk einsetzbar ist.

In die Datenbank Berufenet der Bundesagentur für Arbeit schafft es längst nicht jede neue Bezeichnung. "Unsere wichtigste Quelle ist die Arbeitsmarktbeobachtung", sagt Britta Matthes, Leiterin der Forschungsgruppe "Berufliche Arbeitsmärkte" im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Arbeitsagentur gehört. Wenn eine neue Bezeichnung häufiger in Stellenausschreibungen vorkommt oder von Jobsuchenden als Beruf angegeben wird, werden die Forscher aktiv und untersuchen, ob der Beruf nicht schon unter anderem Namen existiert. Die meisten, aber nicht alle Berufe, die in den letzten Jahren in die Datenbank aufgenommen wurden, sind durch die Digitalisierung entstanden. Hier eine Auswahl:

1. UX-Designer

Die seltsame Bezeichnung ist die Abkürzung von "User Experience Design". Oberstes Ziel der UX-Designer ist die Zufriedenheit der Online-Kunden: Um deren Bedürfnisse und Probleme herauszufinden, werten sie Befragungen aus und analysieren Klickbewegungen. Auf dieser Grundlage konzipieren UX-Designer neue Apps, Websites, Online-Services oder Internet-of-Things-Anwendungen, die Kunden glücklich machen und deren Treue sicherstellen sollen. Auch die Umsetzung, das Testen und Verbessern der Konzepte gehört zu den Aufgaben der UX-Designer, nicht aber die direkte Kommunikation mit Nörglern und Beschwerdeführern. Darum kümmern sich wie eh und je Mitarbeiter weiter unten in der Hierarchie, die heute gern "Customer Happiness Officer" genannt werden.

2. Roboter-Programmierer

In der Fabrik der Zukunft werden Maschinen untereinander und mit dem Internet vernetzt sein und intelligente Roboter fast die gesamte Arbeit übernehmen. Auch wenn erst wenige Unternehmen dieses Stadium erreicht haben, schreitet die Automatisierung der Fertigung doch schnell voran. Roboter-Programmierer werden gebraucht, um Anlagen und Roboter für den konkreten Arbeitsauftrag einzustellen und die Abläufe zu überwachen. Außerdem kümmern sie sich um Wartung und Reparatur. Die duale Ausbildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik bereitet am gezieltesten auf den Beruf vor. Viele Roboter-Programmierer haben auch eine allgemeine technische Ausbildung absolviert, etwa zum Mechatroniker.

3. Software-Architekten

Die Wünsche von Bauherren mit deren Budget und den Gesetzen der Statik zu vereinbaren ist oft leichter, als verschiedene Softwaresysteme unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Software-Architekten entwerfen IT-Infrastrukturen, die einen reibungslosen Datenaustausch in Echtzeit zwischen vielen Beteiligten ermöglichen sollen. Dazu müssen sie sich eng mit verschiedenen Unternehmensbereichen und häufig auch mit deren Kunden und Zulieferern abstimmen. Neben fundierten Informatikkenntnissen sind gute Nerven, Organisationstalent und diplomatisches Geschick unerlässliche Voraussetzung. Eng verwandt mit Software-Architekten sind Cloud-Architekten, die es trotz des Siegeszugs des Cloud-Computings noch nicht zu einem eigenen Eintrag in Berufenet gebracht haben.

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4. Data Scientists

Neues Gold, kostbarster Rohstoff, Schatz im Datensee - für das Geld, das mit Big Data zu verdienen ist, gibt es viele Metaphern. Zwar haben Mathematiker und Volkswirte auch früher schon große Datenmengen analysiert. Neu ist aber, dass heute dank moderner Softwarelösungen Echtzeitanalysen möglich sind. Data Scientists wählen geeignete Datenquellen aus, bereiten riesige, komplexe Datenmengen für die Analyse auf und suchen dann nach Mustern. Die Ergebnisse können dabei helfen, eine Vielzahl verschiedener Fragestellungen in Unternehmen und Organisationen zu beantworten. Data Scientists, die in der Regel Mathematik oder Informatik studiert haben, sollten deshalb auch etwas von Betriebswirtschaft verstehen und ihre Ergebnisse gut kommunizieren können.

5. Solartechniker

Der deutschen Solarindustrie geht es schlecht, chinesische Hersteller haben ihr längst den Rang abgelaufen. Den Handwerkern, die Solarzellen aufs Dach bringen, kann das nur recht sein. Denn die Nachfrage nach ihren Leistungen ist gestiegen, gerade weil die Technik aus China immer wieder anfällig ist. Solartechniker beraten Kunden, welche Photovoltaik- oder thermischen Solaranlagen auf ihren Dächern technisch möglich und wirtschaftlich zu betreiben sind. Im Anschluss planen und montieren sie die Anlagen und erklären den Kunden, wie man sie betreibt und überwacht. Solartechniker sind in der Regel Dachdecker oder Elektroinstallateure mit Meistertitel und haben eine Weiterbildung der Handwerkskammer absolviert. Der Beruf hat auch noch einen schöneren Namen: Solarteur.

6. Ingenieure für Biomechanik

Die Paralympics sind längst auch eine Leistungsschau der Ingenieurkunst: Die Rekorde beinamputierter Spitzensportler im Laufen und Weitspringen wären undenkbar ohne Hightech-Prothesen, die von Ingenieuren für Biomechanik entwickelt werden. Diese Spezialisten messen menschliche Bewegungsabläufe, bilden sie in Computersimulationen nach und übertragen die Methoden der Mechanik auf den Stütz- und Bewegungsapparat. Die Ergebnisse fließen in die Entwicklung von therapeutischen Programmen und Prothesen ein, wobei die Ingenieure eng mit Ärzten zusammenarbeiten. Sie sind aber auch an der Entwicklung von Trainingsmethoden und Produkten für gesunde Sportler beteiligt - beispielsweise von Schuhen, Geräten oder Hallenbelägen.

7. Ingenieure für Systems Engineering

Von der Entwicklung über Produktion, Betrieb, Kosten und Logistik bis hin zur Wiederverwertung - Ingenieure für Systems Engineering haben den gesamten Lebenszyklus eines technischen Produkts im Blick. Gemeinsam mit ihren Auftraggebern planen sie große und komplexe Systeme, etwa mit Robotern bestückte Fertigungsstraßen. Um die Prozesse zu optimieren, erstellen sie Computersimulationen aller Abläufe in der Fertigung. Als Generalisten mit Kenntnissen in Technik, Informatik und Betriebswirtschaft sind Ingenieure für Systems Engineering häufig als Projektmanager tätig und tragen die Verantwortung für Budgets und Zeitpläne. Viele Hochschulen bieten Studiengänge in Systems Engineering mit unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten an.

8. Game Programmer

Wer in der Spieleindustrie arbeitet, hat sein Hobby oftmals zum Beruf gemacht. Doch während Game Designer sich Figuren und Handlung von Computer-, Video- und Handyspielen ausdenken, sind Game Programmer gewissermaßen im Maschinenraum tätig: Sie schaffen die softwaretechnischen Grundlagen für das Spielvergnügen. Nach den Vorgaben der Game Designer und den Entwürfen der Grafiker programmieren sie Spiele entweder komplett selbst oder passen schon fertige Editoren, Werkzeuge oder Grafikprogramme dafür an. Obwohl der Spiele-Markt in Deutschland sehr stark wächst, profitieren Game Programmer wie auch Game Designer davon nur begrenzt: Ungefähr 95 Prozent des Umsatzes werden mit Spielen gemacht, die im Ausland entwickelt und programmiert wurden.

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9. Interface-Designer

Wer jemals vor einem Automaten verzweifelt aufgegeben hat, bringt tüchtigen Interface-Designern die größte Hochachtung entgegen: Sie entwerfen und designen digitale Benutzeroberflächen von Computerprogrammen, Apps, Automaten oder auch Robotern und sorgen dafür, dass sie intuitiv und ohne großes Kopfzerbrechen bedient werden können. In Zeiten, in denen Menschen den größten Teil des Tages am Computer oder am Smartphone verbringen, am Flughafen selbst einchecken und im Supermarkt an Self-Service-Kassen bezahlen, ist das Gelingen der Mensch-Maschine-Kommunikation wichtiger denn je. Interface-Designer müssen sich nicht nur mit Design, sondern auch mit digitaler Technik und den Grundlagen von Kommunikation und Didaktik auskennen. Mehrere Hochschulen bieten dazu inzwischen spezielle Studiengänge an.

10. Social-Media-Manager

Facebook, Instagram, Twitter, Youtube - viele Kanäle müssen regelmäßig und fachgerecht bespielt werden, wenn Unternehmen bei Kunden oder Bewerbern im Gespräch bleiben wollen. Viele beschäftigen deshalb Social-Media-Manager, die ihre Zielgruppen zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Bildern, Texten und Videos versorgen, zugkräftige Hashtags auswählen und die Zusammenarbeit mit Influencern organisieren. Die Schnelllebigkeit von Internettrends verlangt Social-Media-Managern viel Flexibilität und häufige Strategiewechsel ab. Die direkte Kommunikation mit den Nutzern gehört streng genommen nicht zum Berufsprofil, sondern ist der Job der "Community Manager", die auch schon in Berufenet stehen. Aus Kostengründen müssen viele Social-Media-Manager trotzdem beide Aufgabenbereiche übernehmen.

11. Kaufleute im E-Commerce

Der Online-Handel gilt als Wachstumsfeld schlechthin, 2018 wurden schon mehr als zehn Prozent der Gesamtumsätze des Einzelhandels im Internet erzielt. Im vergangenen Herbst startete die neue Ausbildung zum "Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce" mit bundesweit rund tausend Auszubildenden. Damit hat ein Beruf, den viele in der analogen Welt ausgebildete Händler schon längst ausüben, endlich eine eigene Bezeichnung bekommen. Für Kaufleute im E-Commerce stehen Themen wie Präsentation und Vermarktung der Waren über Online-Shops und -Portale sowie soziale Medien, die elektronische Kundenkommunikation und die Zahlungsabwicklung im Mittelpunkt. Buchhaltung und Controlling müssen sie natürlich ebenfalls beherrschen. Den neuen Auszubildenden prophezeit der Handelsverband Deutschland (HDE) beste Zukunftschancen.

12. Operationstechnische Assistenten

Auch in der Chirurgie spielt Computer- und Robotertechnik eine immer größere Rolle: Der Ablauf von OPs wird mit bildgebenden Systemen unterstützt, Skalpelle sind mit Sensoren ausgestattet, ferngesteuerte Roboter führen hochpräzise minimalinvasive Operationen aus. Operationstechnische Assistenten haben dieselben Aufgaben wie OP-Pfleger, sind aber nicht für die stationäre Pflege ausgebildet. Sie bereiten Geräte und Instrumente vor, assistieren den Chirurgen und überwachen Atmung und Kreislauf der Patienten während der Operation. Die dreijährige Berufsfachschulausbildung basiert bislang nur auf einer Empfehlung der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Nach einem Beschluss des Bundesrats soll das Berufsbild jetzt bundeseinheitlich geregelt und staatlich anerkannt werden.

Info: Berufenet, eine Datenbank der Bundesagentur für Arbeit, liefert trotz einer wenig einladenden Oberfläche nach wie vor die umfassendste Auflistung von Ausbildungs- und Tätigkeitsbeschreibungen. www.berufenet.arbeitsagentur.de

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SZ vom 23.03.2019/mkoh
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