Berufe auf Abruf:Leben zwischen Umzugskartons

Lesezeit: 5 min

Alle paar Jahre Kisten packen und umziehen - in einigen Jobs ist das Pflicht. Wie überstehen Familie und Freundschaften diese Zerreißprobe? Eine Pfarrerin, ein Soldat, ein Auslandskorrespondent und eine Diplomatin erzählen.

Von Bianca Bär

Jeder vierte Deutsche ist schon einmal wegen des Jobs umgezogen. Bei Berufstätigen mit Abitur sind es sogar 41 Prozent, wie eine repräsentative Infas-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung kürzlich ergab. Doch wer will ein Leben lang immer wieder die Umzugskartons packen, weil der Arbeitgeber es verlangt?

In einigen Berufsgruppen ist die Bereitschaft zum regelmäßigen Wohnortwechsel fast so etwas wie eine Schlüsselqualifikation. Sind Kinder und Partner im Spiel, kann das zur Zerreißprobe werden. Und je näher der Ruhestand rückt, desto drängender wird oft das Verlangen nach Sesshaftigkeit. Eine Pfarrerin, ein Soldat, ein Auslandskorrespondent und eine Diplomatin berichten, warum sie ihren Beruf bewusst gewählt und die Vorzüge des Nomadentums schätzen gelernt haben.

Sonja Sibbor-Heißmann hat schon als Kind erfahren, was es bedeutet, wenn die ganze Familie den Wohnort wechselt. Ihr Vater war Theologe und nahm kurz nach ihrer Geburt in Nürnberg eine Pfarrstelle in Garching an der Alz an. In der zweiten Klasse folgte der Umzug nach München, wo sie den Rest ihrer Schulzeit verbrachte. Nach einem Jahr Freiwilligendienst in Bolivien entschied sie sich ebenfalls für Evangelische Theologie und studierte in Neuendettelsau, München und Heidelberg. Zehn Jahre lang betreute sie ihre erste Pfarrstelle im niederbayerischen Hengersberg.

Seit Oktober ist Sibbor-Heißmann nun Studentenpfarrerin an der Universität Passau und fühlt sich dort bereits "sehr heimisch". Ihr erster Umzug fiel ihr allerdings schwer: "In Garching kannte ich jeden, in München herrschte Anonymität - das war eine große Umstellung." Mit ihrem Mann, der ebenfalls als Pfarrer arbeitet, hat sie inzwischen selbst eine Tochter. Die Vierjährige habe den Umzug nach Passau gut verkraftet, sagt Sibbor-Heißmann. "Sie wird noch lange genug in den Passauer Kindergarten gehen, um dort Fuß zu fassen."

Alle acht bis fünfzehn Jahre sollen Pfarrer umziehen. Im Gespräch mit dem Dekan erörtern sie, ob ihr Standort noch die persönliche Weiterentwicklung fördert oder eine andere Gemeinde neue Arbeitsbereiche bieten könnte. Durch die direkte Bewerbung auf eine bestimmte Pfarrstelle können sie den künftigen Einsatzort selbst mitbestimmen.

Dass sie den gleichen Beruf ausüben, ist für das Pfarrerspaar ein Glücksfall. "Wir können leicht zusammen umziehen. Wenn der Partner einem Beruf nachgeht, bei dem Versetzungen selten sind, müssen andere Lösungen her", sagt Sibbor-Heißmann. "Viele ziehen innerhalb des Dekanats um oder versuchen, länger als üblich dieselbe Pfarrstelle zu betreuen."

Sehnsucht nach mehr Sesshaftigkeit hat Sonja Sibbor-Heißmann nicht. Heimat sei für sie kein geografischer Punkt. "Als wir in der Schule einmal ein Bild von unserer Heimat malen sollten, habe ich einen Haufen Menschen in einer Wüste gezeichnet. Heimat verbinde ich mit Menschen, nicht mit einem Haus mit großen Garten." Trotzdem bleibt die Ungewissheit, was das Alter bringen wird. "Wenn man im Ruhestand das Pfarrhaus verlässt, stellt sich bestimmt die Frage: Wo soll ich jetzt hin?"

Für Jürgen Osterhage ist die alte Hansestadt Lemgo in Ostwestfalen der Inbegriff von Heimat. Wenn er in Indien ist, wo er derzeit das ARD-Studio Neu Delhi leitet, dehnt er den Begriff auf ganz Deutschland oder gar Europa aus. Seine Frau und die beiden jüngeren Kindern haben ihn nach Indien begleitet, die volljährigen Töchter sind in Deutschland geblieben. Für den elfjährigen Sohn und die neunjährige Tochter ist es der zweite Umzug.

"Wenn die Kinder klein sind, ist es weniger problematisch. Schwierig wird es, wenn sie schon an einem Ort Wurzeln geschlagen haben", sagt Osterhage. Aber nach der Eingewöhnungsphase überwögen auch für sie die Vorteile. "Der Fortschritt ihrer Englischkenntnisse ist beachtlich. Außerdem profitieren sie von den unzähligen neuen Eindrücken."

Immer wieder neue Kulturen kennenzulernen sei für ihn ein Abenteuer. In seinen Zuständigkeitsbereich fallen so verschiedene Länder wie Afghanistan, Pakistan, Nepal, Bhutan, Bangladesch, Indien, Sri Lanka und die Malediven. Auch seine Frau nutzt die Zeit im Ausland. "Sie ist Internistin. Weil sie in Indien nicht als Ärztin arbeiten kann, macht sie eine Ayurveda-Ausbildung, um später in Deutschland die klassische Schulmedizin und die traditionelle indische Heilkunst kombiniert anzuwenden", sagt Osterhage.

Seit 15 Jahren arbeitet er als ARD-Korrespondent und wechselt dabei alle drei bis fünf Jahre seinen Standort. Bereits zum zweiten Mal wählte er Neu-Delhi, zwischendurch berichtete er aus dem Hauptstadtstudio Berlin. Das ständige Einstellen auf eine fremde Umgebung sieht er als gute Lebensübung. Nach seiner Pensionierung will sich der 59-Jährige aber wieder in Berlin niederlassen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB