Berlin-Kreuzberg Hauptschule einmal anders

Gemeinsam mit Handwerkern, Schauspielern oder Bildhauern wecken Berliner Lehrer die Kreativität ihrer Schüler.

Von Birgit Taffertshofer

Serdal setzt die Messerklinge an und zieht sie mit einem Ruck über den Schleifstein. Die Maschine heult auf. Funken sprühen. "Mensch, pass doch auf", ruft der breitschultrige Mann, der neben Serdal steht. "Da stimmt was nicht." Dirk Zeiher nimmt dem 17-Jährigen das Messer aus der Hand und beugt sich über das Gerät. "Der Schleifwinkel ist falsch eingestellt, so wird das nie scharf", sagt der gelernte Zimmermann.

Jede Woche kommt Dirk Zeiher nach Berlin-Kreuzberg, um in die Ferdinand-Freiligrath-Schule ein Stück echte Welt zu bringen. Zurzeit baut er mit Serdal und seinen Mitschülern einen Holzpavillon für den Pausenhof. Dazu brauchen die Schüler nicht nur handwerkliches Geschick: Sie müssen die Statik berechnen, Bauanträge bei Behörden einreichen und Material anfordern. Jetzt aber soll Serdal lernen, wie man ein Hobelmesser schärft. Und das wird ihm trotz der Anfangsprobleme recht gut gelingen.

Die Ferdinand-Freiligrath-Schule ist eine jener Schulen, an denen sich alle sozialen Probleme Kreuzbergs bündeln. 75 Prozent der Schüler sind Kinder ausländischer Eltern, zumeist Türken und Araber. Viele dieser Jugendlichen sind entwurzelt, bei einigen sind die Familien in einem desolaten Zustand. Oft müssen sie mit Lebensbedingungen zurechtkommen, die sie von vornherein als Verlierer abstempeln.

Konstruktive Störfaktoren

Bereits Ende der achtziger Jahre war die Kreuzberger Schule dort angelangt, wo jetzt die Rütli-Hauptschule in Neukölln und viele andere stehen. Nichts schien mehr zu gehen. Die Zukunftsangst der Schüler und das Gefühl des Ausgeschlossenseins entluden sich in Zerstörung und Verweigerung. Als ein Schüler nach dem anderen in Gesprächen erklärte, er fühle nur noch "Scheiße" in sich, fasste die Schulleiterin und Psychotherapeutin Hildburg Kagerer einen Plan: "Jeder Mensch hat Stärken und die wollen wir rauskriegen."

Schritt für Schritt entstand so das Projekt "Kreativität in die Schule" (KidS), das seit 1990 läuft und inzwischen Vorbild für Schulen in ganz Deutschland ist. Die Idee: Die Schule soll eine Arena sein, die zur Gesellschaft hin offen ist. Profis aus der Praxis sollen die Kreativität der Schüler wecken und ihnen Anerkennung verschaffen, die sie oft vermissen. Außerdem sollen die Jugendlichen so die Arbeitswelt kennen lernen.

Für dieses Schulkonzept fand Kagerer schnell Verbündete und Finanziers. Erst zahlte die Bosch-Stiftung, dann BMW und Siemens, später die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, seit sechs Jahren auch der Berliner Senat. Unter der Formel "Schule = Schüler + Lehrer + Dritte" garantiert er das Honorar für die inzwischen vierzehn Experten aus unterschiedlichen Berufszweigen. Der Aufwand hält sich in Grenzen - die Profis von außen kosten laut Kagerer gerade einmal so viel wie eine Lehrerstelle.

Fast die Hälfte der 30 Unterrichtsstunden pro Woche gehört so inzwischen den "Arenen". In ihnen arbeiten die Schüler klassenübergreifend mit Lehrern und Fachleuten aus der Praxis. Neben Zeiher kommen Schauspieler, Künstler, Akrobaten und Gastronomen in die Schule.

Woche für Woche bringen "die Dritten", wie sie dort heißen, neue Impulse in die Klassenzimmer. "Konstruktive Störfaktoren" nennt Kagerer sie, weil die Experten aus der Arbeitswelt die verhärteten Fronten zwischen Schülern und Lehrern aufweichen sollen. Der Lehrer wird selbst zum Lernenden und muss zugeben, nicht alles zu wissen. Die Schüler gewinnen Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Vertrauen. "Die Schule ist doch zu wichtig, um sie allein den Lehrern zu überlassen", sagt die Leiterin. Alle müssten Verantwortung für die junge Generation übernehmen.

Zum KidS-Konzept gehört auch, dass die Schüler mit dem, was sie produzieren, an die Öffentlichkeit gehen. Jedes Halbjahr endet mit Bewährungsproben außerhalb der Schulmauern. Die Gastronomie-Arena richtet Feste aus, die Technik-Arena repariert Fahrräder, die Bildhauer laden zu Ausstellungen ein. Ein Drittel der Erlöse gehört den Schülern.

Dass gerade der Schritt an die Öffentlichkeit den Ehrgeiz der Jugendlichen weckt, merkt man, wenn die 14-jährige Julia über ihre Arbeit im Arena-Atelier spricht. Mit einem bunt gesprenkelten Malerkittel steht sie vor der Leinwand und tupft mit dem Pinsel blaue Farbe darauf. Immer wieder weicht sie ein paar Schritte von der Staffelei zurück, um zu prüfen, ob die feinen Farbschattierungen in der Pupille schon sichtbar sind.

Julia malt ein weinendes Auge. Das Gemälde will sie demnächst in Baden-Baden ausstellen. Ein Rechtsanwalt stellt den Berliner Schülern dort seine Kanzlei zur Verfügung. Julia will auf jeden Fall bei der Vernissage dabei sein. Vergangenes Jahr habe sie fünf von sechs Bildern verkauft. Das sei schon ein Erfolgserlebnis gewesen. "29 Euro kostete das teuerste Bild, darunter will ich keines mehr verkaufen", sagt sie stolz.

Nicht alle ziehen mit

In den Zimmern und Fluren der integrierten Haupt- und Realschule hängen zahlreiche Fotos und Gemälde der Schüler. Dahinter verbergen sich verdreckte Wände, die zum Teil provisorisch mit Farbe überstrichen wurden. Bald werde das Gebäude richtig renoviert, sagt Schulleiterin Kagerer, während sie mit Elan den Gang durchschreitet.

Wenn die zierliche, schwarzhaarige Schulleiterin von ihren Errungenschaften und Plänen spricht, wirbeln ihre Hände wild gestikulierend durch die Luft. Die vergangenen Jahre habe sie sich vor allem um einen arabischen Mitarbeiter bemüht. Er soll gemeinsam mit seinem türkischen Kollegen an der Schule eine Brücke zu den Eltern schlagen. Denn genau an dieser Stelle liege noch immer das größte Manko: "Manche Eltern erreiche ich nicht", sagt Kagerer. "Wir brauchen hier Kulturdolmetscher."

Doch auch von den Schülern ziehen nicht alle mit. "Einige kriegt man einfach nicht", klagt Lehrerin Birgit Blum. Sie leitet mit Dirk Zeiher die Arena in der Holzwerkstatt. Wenn ein Schüler sich verweigere, dann fehle jegliche Handhabe. Immer wieder komme es vor, dass Jugendliche die Arena nur zum Herumtollen nutzen, die Bohrmaschine sausen lassen oder sich weigern aufzuräumen. "Die erhalten dann Werkstattverbot und Theorieunterricht", beschreibt Zimmermann Zeiher die einzigen Sanktionsmöglichkeiten.

Der 17-jährige Serdal hingegen hat die Kurve gekriegt, ist Zeiher überzeugt. Nach langer Motivationsarbeit zeige er richtig Talent. Den Handwerker plagt dennoch manchmal ein ungutes Gefühl. Irgendwie mache man den Jugendlichen auch etwas vor. "Viele werden ja doch keinen Job bekommen." Selbst auf dem Bau müsse man rechnen können - und da sehe es bei manchen Hauptschülern schlecht aus. "Man müsste einfach noch früher ansetzen", sagt der Experte aus der Praxis.