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Berichte von Aussteigern:"Mitarbeiter wurden wie seelenlose Automaten behandelt"

Der Banker

Alexander Hartmann, 48, war zuletzt Chief Compliance Officer bei der Schweizer Privatbankengruppe Sarasin. Das heißt, er wachte darüber, dass die Bank alle Regeln und Gesetze im In- und Ausland einhielt. Im Jahr 2010 warf er alles hin - und wurde Sozialarbeiter, zunächst als Praktikant.

Hartmann hatte bis dahin eine steile Karriere im Finanzbereich gemacht. Er hatte oft den Arbeitgeber gewechselt und war nun bei Sarasin angelangt. Dort gefiel es ihm so lange sehr gut, wie das Unternehmen von Teilhabern geführt wurde. Dann wurde die Bank in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und aufgekauft. Fortan sei es nur noch um "extreme Profitmaximierung" gegangen, auch persönlich bei den Geschäftsführern. Der Umgang miteinander habe sich dramatisch verschlechtert. "Die Mitarbeiter wurden wie seelenlose Automaten behandelt", sagt er. Der Bank sei es nur noch darum gegangen, so schnell wie möglich zu wachsen, egal wie.

Die Geschäfte seien zwar immer legal gewesen, brachten ihn aber immer mehr in Gewissensnöte. In seiner Funktion geriet er dadurch direkt in Konflikt mit der neuen Geschäftsleitung. Irgendwann litt er auch gesundheitlich und fragte sich, ob er sich das noch 20 Jahre antun wolle. Sein ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit führte ihn schließlich zum Bürgerlichen Waisenhaus in Basel, wo er, wie er sagt, "das härteste Bewerbungsgespräch" seines Lebens führte und eingestellt wurde. Rückblickend bereut er nichts. Alle körperlichen Beschwerden seien seither verschwunden. "Das ist phänomenal, was da passiert ist", sagt Hartmann. Aber er weiß auch: Ohne seine Frau und seine Freunde hätte er den Wechsel nicht geschafft.

Der Lehrer

Christian Huber, 62, war fast vier Jahrzehnte Lehrer, er unterrichtete an insgesamt drei bayerischen Mittelschulen und musste dann aufhören. Er war depressiv geworden und hatte psychotherapeutische Hilfe gesucht. Aus der Klinik kehrte er zunächst "total euphorisiert" zurück, kollabierte dann jedoch abermals.

Es waren viele Dinge zusammengekommen. Huber ist sehr selbstkritisch. Er sei natürlich immer älter geworden, sagt er. Die Organe, die man zum Lehrersein dringend brauche, hätten gelitten. Das Gehör zum Beispiel. Spät, mit 56 Jahren, sei er nochmals versetzt worden. Zuvor hatte der Schulleiter gewechselt. Auch die Gründung der Mittelschule hat indirekt mit seiner Berufsunfähigkeit zu tun. Huber hatte an der Hauptschule angefangen und war dort zufrieden. Auf der Mittelschule sei es ihm jedoch zunehmend schwergefallen, seine Ansprüche an den Lehrerberuf durchzusetzen und das Leistungsniveau zu halten.

Zudem respektierten ihn einige Schüler auf der neuen Schule wenig. Er macht ihnen keinen Vorwurf. "Schüler sind Produkte ihrer Zeit", sagt er. Im Klassenzimmer kam es zu einigen Vorfällen, die ihn sehr belasteten und ihm seine Ohnmacht vor Augen führten. Auch mit manchen Eltern gab es Schwierigkeiten. Huber begann, an sich zu zweifeln. Er hatte das Gefühl, seine Identität zu verlieren. Dabei ist er gern Lehrer, betont er. Seit einigen Monaten unterrichtet er erwachsene Asylbewerber, und das macht ihm Spaß.

Der Arzt

Klaus Müller, Ende 50, hat viele Jahre als Oberarzt an einer deutschen Uni-Klinik gearbeitet. Seinen richtigen Namen will er nicht genannt wissen, noch befindet er sich in einem Rechtsstreit mit seinem früheren Arbeitgeber. Er hat erlebt, wie die Ökonomisierung seinen Berufsstand erfasste. Besonders in der Pflege sei das Personal heruntergefahren worden. "Die Klinik verlor dabei ihre besten Kräfte", sagt er. Es sei immer weniger Zeit geblieben, den Patienten ihre Sorgen und Nöte zu nehmen. "Die Qualität der medizinischen Versorgung ließ sich immer schwieriger aufrechterhalten."

Müller hatte den Eindruck, "dass wirtschaftliche Zielsetzungen wie eine möglichst gleichmäßige Auslastung, also eine hohe Bettenbelegung, einen mittelbaren Einfluss auf medizinische Behandlungsindikationen haben können". Er meint damit: Es wurde operiert, nicht weil es notwendig war, sondern damit die Klinik möglichst viele Patienten hatte. "Die Gedanken drehen sich im Klinikalltag immer mehr um ökonomische Kennziffern statt um medizinische Fragestellungen." Gezielt würden Kliniken heute wirtschaftlich lukrative Bereiche stärken. Für seinen eigenen Arbeitsbereich, der im bestehenden Abrechnungssystem schlecht repräsentiert war, sah er keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Schließlich schied er "aus gesundheitlichen Gründen" aus.

© SZ vom 20.06.2015/mkoh
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