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Berufswechsel und Quereinstieg:Nicht immer ist der Jobwechsel das Richtige

Auch Andrea Gutmann warnt ihre Kunden, wenn sie das Gefühl hat, dass sie sich verrennen: "Manche Menschen würden sich gerne selbständig machen, aber nicht jeder ist dafür gemacht", sagt die Beraterin. Dann rate sie dazu, Selbstbestimmtheit anders zu erlangen, zum Beispiel in einem kleinen Team.

Gutmann will sich in der Beratung vom Lebenslauf der Ratsuchenden lösen. "Wir gehen mit den Kunden auf die grüne Wiese", erklärt sie. Die Beraterin klopft mit den Umsteigern Interessen und Stärken, aber auch das eigene Wertesystem ab. Nicht immer rät Gutmann zum Jobwechsel.

So gewann eine Frau die Freude an ihrer Arbeit zurück, indem sie vom Land in die Stadt zog und in ihrer Freizeit mehr Kultur genießen konnte. In einem Großteil der Fälle empfiehlt die Beraterin den Ratsuchenden aber einen Wechsel. Aus einer Bankerin wurde eine Physiotherapeutin, aus einem Frühstückskellner ein Biobauer. "Oft sind die Menschen gefangen in ihren Lebensläufen", stellt Gutmann fest. Um zu erfahren, was überhaupt möglich ist, könne der Blick von außen hilfreich sein.

Auch einige Ältere wagen den Wechsel

Es sind nicht nur junge Leute wie Christina Glaser, die daran zweifeln, den richtigen beruflichen Weg eingeschlagen zu haben. Die Menschen, die zu Andrea Gutmann oder Olga Saitz in die Beratung kommen, sind oft erfahrene Arbeitnehmer. "Ich habe immer mehr Kunden jenseits der 50 oder 60", sagt Gutmann. Man müsse realistisch sein, "auf dem klassischen Arbeitsmarkt sinken mit steigendem Alter die Chancen, eine Stelle zu finden". Einige Ältere wagten aber noch mal einen wohlgeplanten Wechsel, den Schritt in die Selbständigkeit oder fänden eine Lehrtätigkeit, berichtet die Beraterin.

Einige Unternehmen setzen jedoch ganz bewusst auf altersgemischte Teams und bieten erfahrenen Quereinsteigern eine Chance. Sabine Keller drückte im Alter von 51 Jahren noch mal die Schulbank und machte bei der ING Diba eine Ausbildung zur Bankassistentin. Nach der Trennung von ihrem Mann wollte die einstige Kunstgeschichtestudentin, Hausfrau und Büroangestellte einen Neuanfang und wurde auf das Angebot der Bank aufmerksam.

"Es war schon anstrengend, sich wieder ganz neu in ein Thema einzuarbeiten", sagt die heute 54-jährige Mutter von vier Kindern. Ein Jahr lang lernte sie in einer Klasse mit anderen 50-plus-Azubis Theorie und Praxis im Bankgeschäft kennen. Seit zwei Jahren ist sie jetzt fest im Bereich der Baufinanzierung angestellt. "Es hat sich gelohnt, noch mal etwas komplett anderes zu machen", sagt Keller.

Quereinstieg schrittweise

Bank-Azubi Keller stieg direkt Vollzeit in die neue Ausbildung ein. Es gibt aber auch andere Modelle, sagt Beraterin Gutmann. Manchmal funktioniere der Quereinstieg schrittweise, indem man zum Beispiel parallel stundenweise im alten Job arbeitet und für die neue Aus- oder Fortbildung büffelt.

Christina Glaser hat vor einigen Wochen ein Praktikum in einer Konditorei absolviert und fühlt sich seitdem in ihrem Traum bestärkt, Konditorin zu werden. Ihr Studium will sie trotzdem noch abschließen. "Vielleicht kann ich irgendwann beides verbinden und neben der Arbeit in der Konditorei an der Berufsschule lehren", sagt Glaser. Menschen etwas beizubringen, mache ihr schließlich Spaß. Nur Informatik und Englisch müssten es nicht sein. Lieber, wie man die perfekte Torte backt.

© SZ vom 13.10.2015/sks
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