Berater von Beruf:Coach für alle Fälle

Lesezeit: 4 min

Arbeitslose Manager und Personaler lassen sich gerne zum Coach ausbilden. Das zahlt sich nicht immer aus.

Von Christine Demmer

Helmut Walter war fast drei Jahrzehnte lang Manager, zuletzt Geschäftsführer in einem IT-Konzern. Vor sechs Jahren wurde er hinauskomplimentiert. Das gefiel dem ebenso kontaktfreudigen wie hoch verschuldeten Familienvater gar nicht, deshalb firmiert der 62-Jährige seither als "Management Coach". Meistens berät er allerdings Existenzgründer und Mittelständler und arbeitet als Lobbyist für einen Elektrokonzern. "Man muss sehen, wo man bleibt", sagt Walter, der in Wirklichkeit anders heißt und wie die beiden folgenden Coaches seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Systemisch oder psychologisch

Jörg Maurer wollte eigentlich ins Personalwesen. Nach vier frustrierenden Jahren in einem Chemiewerk stieg der Kölner Organisationspsychologe aus und eröffnete eine Praxis. Auf der Visitenkarte des 39-Jährigen prangt seit letztem Sommer: "Psychologischer Coach". Ein Freund, der als "systemischer Coach" unterwegs ist, hat ihm den Tipp gegeben. "Das kommt in der Wirtschaft besser an als nur Psychologe", sagt Maurer. Wenn die Wirtschaft gerade mal nicht bei ihm vorbei kommt, berät er Suchtkranke, Trennungsopfer und Menschen mit Prüfungsangst.

Cornelia Lambert verdiente ihre Brötchen bis vor wenigen Jahren als Webdesignerin, Telefonverkäuferin und NLP-Trainerin. Mit dem Ende der New Economy brach auch ihr Kundenstamm zusammen. Heute gibt sie als ihren Beruf "Professional Coach" an. "Damit bin ich für alles offen", sagt die 42-Jährige. Hier ein Marketingkonzept, dort eine Verkaufsberatung, für Januar ist sie als NLP-Trainerin gebucht. Einen Coaching-Kunden hat sie auch, ein schwieriger Fall. "Arbeitsloser Jurist", seufzt sie, "von mir will er Ideen haben, womit er sich selbstständig machen könnte."

Wie wär's mit Coaching? Immer mehr Unternehmen verankern Coaching (vom englischen "coachman", dem Kutscher) als Regelinstrument in ihrer Personalentwicklung. Nach einer Studie der Frankfurter Unternehmensberatung Böning-Consult wird Coaching in den nächsten fünf Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Das jedenfalls haben 86 Prozent der befragten 120 Personalmanager zu Protokoll gegeben. Stehen wir also vor einem Coaching-Boom? Zeichnet sich hier ein lukratives Auffangbecken für arbeitslose Manager, Psychologen, Personaler, Berater und Netzwerker aller Art ab?

"Ganz sicher nicht", warnt Christopher Rauen. Mit Sorge sieht er "einen völlig unreglementierten Markt, der seit dem Zusammenbruch der New Economy viele langjährige Manager auf den Gedanken gebracht hat, sich als Coach selbstständig zu machen". Als einer der Doyens der Branche bemüht sich der Psychologe seit Jahren um die Schaffung von Qualitätsmerkmalen und größere Transparenz im Coaching. In seiner Datenbank (siehe Artikelende) sind knapp 270 Coaches gelistet, die dafür eine fachbezogene Ausbildung und Praxiserfahrung nachweisen mussten.

Coach kann sich jeder nennen

Wie viele Einzelkämpfer darüber hinaus in Deutschland für ihre Dienste werben, weiß auch Rauen nicht genau. Allein die Gelben Seiten einer mittleren Stadt wie Bielefeld weisen mehr als 20 Coaching-Ausbilder und -Anbieter auf, in Großstädten wie München und Berlin sind es weit mehr. Denn "Coach" kann sich jeder nennen. Die Bezeichnung ist weder berufsständisch geschützt noch gibt es vorgeschriebene oder etablierte Ausbildungswege.

Aber dafür gibt es immer mehr wache Bildungsanbieter, die den Trend erkannt haben. Die Coaching-Ausbildungs-Datenbank (www.coaching-index.de) verzeichnet inzwischen 190 Anbieter mit 214 Ausbildungsgängen. Einer davon ist die Limburger Firma "At Move", eine Agentur für Marketing, Sales und Personalentwicklung. "Coaching ist zum Modewort geworden, im Sport und im Business", sagt Karin Simon, Seminarleiterin und Unternehmens-Coach. Hin und wieder meldeten sich Hochschulabsolventen ohne jegliche Praxis für die 30-tägige Ausbildung. Die Kosten von knapp 8000 Euro - durchaus im Rahmen derer anderer Institute - schrecken nicht ab.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB