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Benimm-Kurse in der Schule:Gekipptes Kaugummiverbot

Zwei Plätze weiter sitzt Giorgio. Er ist erst vor kurzem mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Sie stammen aus Rumänien, Giorgio spricht so gut wie kein Deutsch. Mit Händen und Füßen versucht Klassenleiterin Katrin Severa dem Jungen klarzumachen, dass er seinen Umhänge-Geldbeutel nicht als Lasso verwenden soll. "Man kann kaum glauben, wie viel Zeit ich oft verwenden muss, damit überhaupt erst ein Unterricht möglich ist", sagt Severa. Die Kinder sind aufgeregt, manche von ihnen sind das erste Mal in einem Restaurant. Wirt Gkonis bleibt sehr gelassen - in seiner Freizeit trainiert er ein Jugend-Fußballteam.

Richtig essen mit Messer und Gabel will gelernt sein. Manch eine Grundschule bietet Schülern spezielle Kurse an.

Schulen haben heute mehr denn je einen Erziehungsauftrag - vor allem, wenn es hier Defizite im Elternhaus gibt. "Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass nur Fachwissen vermittelt wird. Schule muss heute ganz andere Aufgaben übernehmen", sagt Jürgen Knorz, Schulleiter in Oberasbach. Dieser Entwicklung versuchen auch die Kultusministerien Rechnung zu tragen. Aufsehen erregt hatte 2004 die Einführung von "Benimm-Bausteinen" im Saarland, erstmals wurden Themen wie Verhaltenserziehung gezielt in den Lehrplan gehievt. Ähnliche Projekte gibt es inzwischen in Ländern wie Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Hessen. Und 345 Seiten dick ist allein das Praxishandbuch "Werte machen stark" des bayerischen Ministeriums.

Schulen lassen sich dabei ständig neue Ideen einfallen, um diesen Gedanken umzusetzen. Etwa die Förderung der Gesprächskultur: Im ersten Stock der Mittelschule Schliersee debattiert gerade die sechste Klasse - das Kaugummiverbot soll fallen. Im Klassenrat bilden sich Koalitionen, unterschiedliche Ansichten werden diskutiert. Eine Schülerin ist für Kaugummis im Unterricht: "Ich fände es gut, weil man sich bei Proben besser konzentrieren kann." Einer Kameradin ist die Sache dagegen nicht geheuer. "Was ist, wenn mir jemand einen Kaugummi unter die Bank klebt? Dann bekomme ich ja den Ärger", befürchtet sie. Die Schüler überlegen sich Lösungsvorschläge, eine Protokollführerin schreibt mit.

Klassenleiterin Regine Kau hat Bedenken. "Wir schaffen es ja noch nicht einmal so, den Raum ordentlich zu verlassen", sagt sie. Am Ende wird sie überstimmt, ihre Stimme zählt dabei so viel wie die eines Schülers. Bis zu den Weihnachtsferien ist die Schulordnung nun ausgehebelt und Kaugummikauen - probeweise - gestattet.

"In unserem Klassenrat werden viele Probleme auf einmal diskutiert - das tut auch dem Unterricht gut. Die Kinder sind konzentrierter, wenn diese Dinge aus der Welt geschafft sind", sagt Kau. Höflicher Umgang dank Basisdemokratie sozusagen.

Trotzdem sind Klassenräte, ein gemeinsames Essen im Restaurant oder ein Benimm-Training noch Ausnahmen an den meisten deutschen Schulen. "Von unseren jungen Kollegen hören wir immer wieder, dass in der Ausbildung kein Platz bleibt für Themen wie Werteerziehung", sagt Ute Landthaler. Als stellvertretende Schulleiterin in Schliersee besucht sie regelmäßig Fortbildungen zu dieser Materie. Projekte seien meist nur dem Engagement einzelner Lehrer zu verdanken, weiß sie, und diese nicht selten auf die Hilfe externer Partner angewiesen. Im fränkischen Oberasbach fördert ein Verein die Benimm-Kurse mit Andreas Lassen. Oft geht man davon aus, dass gerade Haupt- und Mittelschüler solche Kurse nötig hätten, sagt dieser. "Das stimmt aber nicht. Der Bedarf an Gymnasien ist mindestens genauso groß."

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