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Benimm-Kurse in der Schule:Knigge im Klassenzimmer

Essen mit Messer und Gabel und Reden ohne Kaugummi: Weil Wirtschaft und Lehrer häufig über ungehobelte Schüler klagen, setzen Schulen auf Benimm-Kurse - mit überraschenden Resultaten.

Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Lackschuhe. So steht Andreas Lassen vor einer Gruppe von Achtklässlern. Eigentlich betreibt er eine Tanzschule, heute aber steht Benimm-Unterricht auf dem Stundenplan. An der Mittelschule in Oberasbach, nicht weit von Nürnberg, soll er den Schülern gute Manieren beibringen, ihnen zeigen, wie man mit ungewohnten Situationen umgeht, wie man sich richtig vorstellt oder sich im Gespräch mit dem Chef verhält. Zweimal 45 Minuten - diese Zeit steht ihm dafür zur Verfügung. Es ist noch nicht lange her, da war ein Tanzkurs für viele Jugendliche ein wichtiger Schritt in die Erwachsenenwelt. Und nebenbei, spätestens zum Abschlussball, kam dabei auch das zur Sprache, was Andreas Lassen "moderne Umgangsformen" nennt, und nun doziert. Denn gutes Benehmen soll Schule machen.

Wie stellt man sich angemessen vor? Benimm-Kurse in Schulen sollen Schüler auf das Leben vorbereiten.

(Foto: lks)

Tugenden wie Höflichkeit oder Pünktlichkeit - zuweilen als spießig verschriene Werte - feiern Renaissance. Ratgeber wie "Der neue Knigge" stehen in den Verkaufsregalen und Knigge-Päpste und Benimm-Gräfinnen laden zu Business-Coachings und zum strengen Festbankett. Konnte es Lehrern bislang eher egal sein, wie sich Kinder etwa am Esstisch benehmen, so ist das Thema inzwischen im Schulalltag angekommen. Jugendliche verbringen durch Ganztagsangebote immer mehr Zeit in der Schule.

Hinzu kommen konkrete Klagen: Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zufolge sind immer weniger Bewerber ausbildungsreif. Nicht nur Rechnen oder Schreiben seien dabei das Problem, vielmehr fehle es oft an Disziplin, Pünktlichkeit und Teamfähigkeit - schlicht an den Grundvoraussetzungen für eine Berufsausbildung.

Grüßen und Konversation ist Teil der heutigen Lektion in Oberasbach. Daniel ist an der Reihe, er soll sich vorstellen. Er nennt seinen Vor- und Nachnamen, spricht bestimmt und freundlich. Nur: Er hat seine Kappe auf dem Kopf. Darauf angesprochen, nimmt er sie ab, pfeffert sie in eine Ecke und setzt sich wieder wortlos. "Ich werde hier keine starren Regeln predigen", sagt Coach Lassen, "ich möchte nur einige Fettnäpfchen zeigen, in die man leicht treten kann." Die Kappe ist so eines. Die Schüler sind 14 oder 15 Jahre alt, bald schon müssen sie Bewerbungen schreiben. Sie sind keine Kinder mehr, aber erwachsen auch noch nicht. Bei einem Bewerbungsgespräch entscheiden in der Regel das Auftreten und der erste Eindruck darüber, ob der Bewerber einen Ausbildungsplatz bekommt - oder eben nicht.

Betont lässig sitzen die Jungs vor Andreas Lassen. In einer Ecke kichern drei Mädchen, als sich Dominik vorstellt. Weniger, weil er seinen Nachnamen anfangs unsicher vor sich hin stammelt, sondern weil er als Hobby "Klarinette" zu Protokoll gibt. Als die erste der drei kichernden Mädchen an der Reihe ist, bekommt sie aber selbst kaum ein Wort heraus. Sie stellt fest, dass das alles "voll peinlich" sei, und setzt sich wieder. Die nächste gibt an, dass ihr Hobby "eigentlich alles" sei. "Ich telefoniere meistens, chatten, rausgehen, was mit Freunden", meint sie und nestelt an ihrem Klamotten. Überzeugendes Auftreten sieht anders aus.

Szenenwechsel: Ioannis Gkonis ist nicht Pädagoge oder Tanzlehrer, er betreibt das Wirtshaus "Wendelstein" im oberbayerischen Schliersee. Normalerweise kommen viele Touristen in sein Lokal, an diesem Vormittag aber ist es noch ruhig. Wären da nicht die 21 Zweitklässler, mit denen er gerade geduldig eine lange Tafel eindeckt, rechts das Messer, links die Gabel. Die Schüler sollen beweisen, dass sie sich in einem Restaurant zu benehmen wissen, und auch eine Portion Spaghetti kein Problem für sie darstellt. Während sich ein Teil der Kinder schwertut, überhaupt ruhig am Tisch zu sitzen, erklärt die kleine Vanessa ihrer Sitznachbarin seelenruhig, wie man das Besteck und die Serviette benutzen muss.

Bewerbungsgespräche

Verräterische Körpersprache

Gekipptes Kaugummiverbot

Zwei Plätze weiter sitzt Giorgio. Er ist erst vor kurzem mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Sie stammen aus Rumänien, Giorgio spricht so gut wie kein Deutsch. Mit Händen und Füßen versucht Klassenleiterin Katrin Severa dem Jungen klarzumachen, dass er seinen Umhänge-Geldbeutel nicht als Lasso verwenden soll. "Man kann kaum glauben, wie viel Zeit ich oft verwenden muss, damit überhaupt erst ein Unterricht möglich ist", sagt Severa. Die Kinder sind aufgeregt, manche von ihnen sind das erste Mal in einem Restaurant. Wirt Gkonis bleibt sehr gelassen - in seiner Freizeit trainiert er ein Jugend-Fußballteam.

Richtig essen mit Messer und Gabel will gelernt sein. Manch eine Grundschule bietet Schülern spezielle Kurse an.

Schulen haben heute mehr denn je einen Erziehungsauftrag - vor allem, wenn es hier Defizite im Elternhaus gibt. "Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass nur Fachwissen vermittelt wird. Schule muss heute ganz andere Aufgaben übernehmen", sagt Jürgen Knorz, Schulleiter in Oberasbach. Dieser Entwicklung versuchen auch die Kultusministerien Rechnung zu tragen. Aufsehen erregt hatte 2004 die Einführung von "Benimm-Bausteinen" im Saarland, erstmals wurden Themen wie Verhaltenserziehung gezielt in den Lehrplan gehievt. Ähnliche Projekte gibt es inzwischen in Ländern wie Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Hessen. Und 345 Seiten dick ist allein das Praxishandbuch "Werte machen stark" des bayerischen Ministeriums.

Schulen lassen sich dabei ständig neue Ideen einfallen, um diesen Gedanken umzusetzen. Etwa die Förderung der Gesprächskultur: Im ersten Stock der Mittelschule Schliersee debattiert gerade die sechste Klasse - das Kaugummiverbot soll fallen. Im Klassenrat bilden sich Koalitionen, unterschiedliche Ansichten werden diskutiert. Eine Schülerin ist für Kaugummis im Unterricht: "Ich fände es gut, weil man sich bei Proben besser konzentrieren kann." Einer Kameradin ist die Sache dagegen nicht geheuer. "Was ist, wenn mir jemand einen Kaugummi unter die Bank klebt? Dann bekomme ich ja den Ärger", befürchtet sie. Die Schüler überlegen sich Lösungsvorschläge, eine Protokollführerin schreibt mit.

Klassenleiterin Regine Kau hat Bedenken. "Wir schaffen es ja noch nicht einmal so, den Raum ordentlich zu verlassen", sagt sie. Am Ende wird sie überstimmt, ihre Stimme zählt dabei so viel wie die eines Schülers. Bis zu den Weihnachtsferien ist die Schulordnung nun ausgehebelt und Kaugummikauen - probeweise - gestattet.

"In unserem Klassenrat werden viele Probleme auf einmal diskutiert - das tut auch dem Unterricht gut. Die Kinder sind konzentrierter, wenn diese Dinge aus der Welt geschafft sind", sagt Kau. Höflicher Umgang dank Basisdemokratie sozusagen.

Trotzdem sind Klassenräte, ein gemeinsames Essen im Restaurant oder ein Benimm-Training noch Ausnahmen an den meisten deutschen Schulen. "Von unseren jungen Kollegen hören wir immer wieder, dass in der Ausbildung kein Platz bleibt für Themen wie Werteerziehung", sagt Ute Landthaler. Als stellvertretende Schulleiterin in Schliersee besucht sie regelmäßig Fortbildungen zu dieser Materie. Projekte seien meist nur dem Engagement einzelner Lehrer zu verdanken, weiß sie, und diese nicht selten auf die Hilfe externer Partner angewiesen. Im fränkischen Oberasbach fördert ein Verein die Benimm-Kurse mit Andreas Lassen. Oft geht man davon aus, dass gerade Haupt- und Mittelschüler solche Kurse nötig hätten, sagt dieser. "Das stimmt aber nicht. Der Bedarf an Gymnasien ist mindestens genauso groß."

FBI-Agent erklärt Körpersprache

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