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Befristete Arbeitsverträge:Wegwerfware Mitarbeiter

Business documents and touchpad at workplace on background of man by the window model released Symb

Mehr als drei Millionen Arbeitsverträge waren zuletzt befristet, doppelt so viele wie noch zur Jahrtausendwende.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Millionen Menschen haben nur befristete Jobs. Sie können ihr Leben kaum planen, nur damit Arbeitgeber minimal Flexibilität gewinnen. Die SPD trat mit dem Versprechen an, Zeitverträge einzudämmen - und vergisst es jetzt. Es ist erbärmlich.

Kommentar von Bernd Kramer

Betriebe dürfen ihre Angestellten hierzulande wie Wegwerfartikel behandeln, kurz gebraucht und dann billig entsorgt, Vertrag zu Ende, macht's gut. Das Arbeitsrecht lässt es zu, in Deutschland darf befristet werden, dass sich die Balken biegen.

Vor ein paar Jahren fiel einem hoffnungsvoll in den Umfragen emporgeschossenen Kanzlerkandidaten der SPD plötzlich auf, wie unwürdig diese Regelung ist. "Wenn inzwischen fast jede zweite Neueinstellung befristet ist, läuft etwas gehörig schief", sagte Martin Schulz 2017 und setzte mit dem Verbot der sachgrundlosen Befristung ein unerwartet markantes Wahlkampfthema. Im Koalitionsvertrag konnten sich SPD und Union darauf verständigen, die Befristung zumindest minimal zu erschweren. Und nun, da die Beschäftigungsfrist dieser Regierung sich dem Ende neigt? Scheint selbst daraus nichts zu werden. Es ist erbärmlich.

Ein Nischenproblem ist die Befristung von Arbeitsverträgen nämlich längst nicht mehr. Vor allem jüngere Beschäftigte bekommen heute Jobs mit Verfallsdatum, der Einstieg ins Berufsleben ist in vielen Fällen prekär, trotz des doch so boomenden Arbeitsmarktes, den es bis zur jüngsten Zeit gab. 3,2 Millionen Stellen waren nach Berechnung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung im Jahr 2018 befristet, doppelt so viele wie noch zur Jahrtausendwende. Unter dem Entfristungsversprechen des Koalitionsvertrags und in der Regierungszeit der zwischenzeitlichen Entfristungspartei SPD ist diese Zahl zunächst sogar weiter gestiegen. In den meisten Fällen befristen Firmen dabei nicht einmal, weil jemand offiziell für einen Kollegen einspringt, der krank oder in Elternzeit ist, was man ja noch verstehen kann (aber längst nicht muss, Betriebe könnten auch für Vertretungsfälle genügend Personal vorhalten). Bei 1,8 Millionen Befristungen stand zuletzt nicht einmal ein Sachgrund im Vertrag. Anders gesagt: Arbeitgeber lassen Menschen ohne jede Erklärung zappeln, halten sie im Ungewissen, ohne sich dafür überhaupt rechtfertigen zu müssen.

Wie zermürbend Zeitverträge sind, belegen unzählige Studien. Menschen in befristeten Jobs bekommen weniger Kinder, sie sind unzufriedener mit ihrer Arbeit, fühlen sich öfter von der Gesellschaft ausgeschlossen, erkranken häufiger psychisch. Das Leben zu planen oder nur die nächsten paar Jahre - unmöglich, wenn die Stelle bald ausläuft und sich in der Firma niemand bequemt, wenigstens mal einen Anschlussvertrag, natürlich befristet, vage in Aussicht zu stellen.

Mit Zeitverträgen halsen Betriebe ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Maximum an Leid auf und gewinnen dafür ein Minimum an zusätzlicher Flexibilität. Denn es ist ja nicht so, dass man Menschen nie mehr loswürde, wenn man ihnen ordentliche Arbeitsverträge gäbe. Unternehmen können eine Probezeit von bis zu sechs Monaten vereinbaren, innerhalb derer sie neue Angestellte nach selbst gewählten Kriterien schnell wieder vor die Tür setzen können. Wer jung ist und noch nicht lange im Betrieb, genießt auch über eine solche Probezeit hinaus einen geringeren Kündigungsschutz.

Verfechter des Zeitvertrags wie das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft verklären ihn gern als Sprungbrett und rechnen vor: Nach drei Jahren habe gut die Hälfte der Befristeten einen Arbeitsvertrag ohne Ablaufdatum. Die Zahl kann man freilich auch ganz anders interpretieren: Selbst nach drei langen Jahren hat ein erheblicher Teil eben nicht die ersehnte Sicherheit. Ein Sprungbrett? Mit viel Fantasie vielleicht, zumal es überhaupt kein Sprungbrett irgendwohin bräuchte, wenn von vornherein vernünftige Stellen angeboten würden. Das Institut argumentiert außerdem aus, dass Befristungen vor allem in Unternehmen vorkommen, die expandieren und Personal aufbauen, sie also zu Arbeit in zukunftsträchtigen Bereichen führen. Aber auch das macht die Verteidigung des Hinhaltevertrags nicht stimmiger: Warum sollten ausgerechnet Firmen, die dauerhaft mehr Leute brauchen, unbedingt die Befristungsregeln für sich nutzen müssen?

Aus dem Haus von SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil heißt es nun, im Moment gebe man Maßnahmen den Vorrang, die die Corona-Folgen eindämmen. Das Befristungsrecht gehört nicht dazu. Eine merkwürdige Kurzsichtigkeit: Denn gerade diese Krise mit Millionen Kurzarbeitern hat vielen erst verdeutlicht, wie schnell der Absturz, wie nah selbst in vermeintlich sicheren,unbefristeten Jobs die Kündigung sein kann. Da wäre es schön zu wissen, dass die nächste Stelle keine befristete ist.

© SZ vom 18.09.2020

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