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Bayerisches Chemiedreieck:Ein Paradies für Absolventen

Für die einen ist es die Walachei, für die anderen das schönste Fleckchen der Welt: Bayerns Chemiedreieck zwischen Salzach und Inn kann mit Arbeitsplätzen bei Weltkonzernen punkten. An acht Standorten stellen 25 Unternehmen etwa 5000 Produkte her - aber das ist nicht der einzige Grund für die Attraktivität der Region.

"Dort drüben beginnt die Walachei", hieß es damals, als der frisch promovierte Chemiker Werner Goll mit seinem VW-Käfer von München aus in den Südosten Bayerns tuckerte. Ein Vorurteil, das auch heute noch in manchen Ohren klingt. Doch wer durch die schöne Landschaft mit ihren beschaulichen Örtchen fährt, wird überrascht von den hochmodernen Industrieparks mit ihren riesigen Türmen, die dort aufragen, wo man sie am wenigsten vermutet.

Im malerischen Burghausen zum Beispiel, bekannt für seine mittelalterliche Burganlage - und den Weltkonzern Wacker Chemie. Oder in der 10 000-Seelen-Gemeinde Burgkirchen, wo sich unter anderem die Linde Gas AG niedergelassen hat.

Eingerahmt von den Flüssen Salzach und Inn, nahe der österreichischen Grenze, befindet sich eine der stärksten Wirtschaftsregionen Deutschlands: das Bayerische Chemiedreieck. 25 Unternehmen, 25.000 Mitarbeiter, acht Milliarden Euro Umsatz jährlich. Walachei klingt anders. Dennoch kennt nicht jeder das Bayerische Chemiedreieck: "Wenn wir in Hochschulen gehen, sind die Studenten erst einmal überrascht, welche Vielfalt an Firmen und Konzernen hier beheimatet ist", sagt Werner Goll, Sprecher der Unternehmensinitiative ChemDelta Bavaria.

Der 69-Jährige ist selbst ein Beispiel dafür, welch steile Karrieren im Südosten Bayerns möglich sind. Goll wurde bald Personalverantwortung übertragen, er stieg zum Chef der Zentralen Forschung auf und führte als Konzernbeauftragter der damaligen SKW Trostberg AG weltweite Umweltstandards ein. Für dieses Engagement ehrte man ihn gar mit der Bayerischen Staatsmedaille für Umweltschutz. Der ehemalige Münchner ist mittlerweile tief in der Chemieregion verwurzelt, deren Bewohner fast alle auf irgendeine Weise mit der Branche verbandelt sind. In nahezu jeder Familie gibt es jemanden, der in einem Chemiebetrieb arbeitet - manchmal haben gar Opa, Vater und Tochter denselben Arbeitgeber. Weitere 50.000 Arbeiter hängen indirekt von der chemischen Branche ab.

Dass sich die Chemieindustrie ausgerechnet hier ansiedelte, verdankt die Region ihren Flüssen. Ihr starkes Gefälle machte die Alz, sein Wasserreichtum machte den Inn perfekt für die Energiegewinnung durch Wasserkraft, und Energie brauchte man reichlich - damals zur Herstellung des Düngemittels Kalkstickstoff. 1908 ließen sich die Bayerischen Stickstoffwerke (die heutige AlzChem) am Ufer der Alz nieder, 1922 folgte das Wacker-Werk, 1924 der Aluminium-Produzent VAW.

Mittlerweile sind große Namen hinzugekommen: die Linde AG, OMV, BASF oder der PVC-Hersteller Vinnolit. Lange schon reichen Alz und Inn nicht mehr aus, um den Energiebedarf des Bayerischen Chemiedreiecks zu stillen: Bis zu 5400 Gigawattstunden verbraucht das ChemDelta im Jahr, das sind etwa 75 Prozent des gesamten jährlichen Energiebedarfs der Millionenstadt München. Die Energiesicherheit und vor allem -konstanz ist für die Chemieriesen deshalb besonders wichtig.

Gibt es etwa bei der Reinsiliziumherstellung der Wacker Chemie länger als 100 bis 200 Millisekunden auch nur minimale Stromschwankungen, lösen die Sicherheitssysteme die Notabschaltung der Anlagen aus. Für den Konzern bedeutet das einen Millionenschaden, sagt Goll und weist darauf hin, dass die Unternehmen im Chemiedreieck der Energiewende daher nicht gerade erfreut entgegenblicken: "Mit dem Voreinspeiserecht der alternativen Energie ist die bisherige Stromkonstanz deutlich schwieriger zu erreichen."

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