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Auslandspraktika für Azubis:Raus aus der Backstube

Wer sich schon während der Ausbildung in die Welt hinauswagt, lernt nicht nur dazu, sondern entwickelt auch die eigene Persönlichkeit weiter und wird selbständiger. Davon profitiert auch der Betrieb zu Hause.

(Foto: Nora Frei/Mauritius Images)

Nicht nur für Studierende, auch für Azubis gibt es Förderprogramme, um im Ausland Neues zu lernen.

Hanna Haubold kann es gar nicht weit genug weg sein. Nach ihrem Abitur ging die 22-Jährige für ein Jahr nach Neuseeland, um als Au-pair zu arbeiten. Und um sich Gedanken darüber zu machen, welcher Schritt als nächster kommt. "Eigentlich habe ich überlegt, was ich studieren will", sagt sie. Letztendlich entschied sie sich aber dafür, eine Ausbildung zur Konditorin zu machen. In einer traditionellen Konditorei in Dresden, ihrer Heimatstadt.

Im zweiten Lehrjahr fuhr Haubold mit einer Gruppe aus der Berufsschule nach Paris, zu einem dreiwöchigen Auslandspraktikum. "Das habe ich richtig cool gefunden und ganz viel gelernt", erzählt sie. Und seither hat sie einige Konditoreien in Europa von innen gesehen. Und wie finanziert sie die Praktika, in Paris und London, in Oslo, Nizza und Edinburgh?

Die Antwort heißt: Erasmus plus. Dieses Programm wird gefördert von der Europäischen Union und ist dem Erasmus-Programm für Studierende ähnlich. "Man kann überall etwas lernen und mitnehmen - und das ist auch für den heimischen Betrieb gut", beschreibt Haubold den Sinn der Auslandsaufenthalte mit ihren eigenen Worten. Andere Techniken, die bei der Arbeit gebraucht werden, neue Ideen für die Verwertung der Zutaten. Sogar im Edel-Kaufhaus Harrods in London hat sie schon in der Pâtisserie gearbeitet, einen Monat lang. "Die waren begeistert von dem, was ich in der Ausbildung schon gelernt hatte", sagt die junge Frau. In London war sie für die Zubereitung eines Desserts zuständig. "Da ist man schon stolz, wenn man sein Werk hinter der Theke sieht."

Mobilitätsberater helfen jungen Leuten, das richtige Land zu finden

"Mit Erasmus plus können junge Leute während ihrer Ausbildung und bis zu einem Jahr nach dem Abschluss Praktika in den EU-Ländern machen und finanzielle Unterstützung beantragen", sagt Tamara Moll. Sie ist die Leiterin der zentralen Koordinierungsstelle des Bundesprogramms "Berufsbildung ohne Grenzen" beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Das ist ein bundesweites Netzwerk zur Förderung von Auslandsaufenthalten in der Berufsbildung. Erasmus plus ist der größte Anbieter, aber es gibt auch andere Möglichkeiten - sogenannte Pool-Projektträger. Das sind Einrichtungen, die über ein bestimmtes Kontingent an Stipendien verfügen, für die sich Interessierte entweder aus ganz Deutschland oder aus einer bestimmten Region bewerben können. Über entsprechende Programme informieren beispielsweise die Portale Azubi.mobil, Auslandspraktikum-europa sowie der Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben.

Im Zentrum der Beratung von Berufsbildung ohne Grenzen stehe "die betriebliche Mobilitätsberatung, die Azubis, jungen Fachkräften sowie Berufsbildungspersonal berufliche Lernerfahrungen in der ganzen Welt ermöglicht", erläutert Moll. Die Beratung richtet sich vorwiegend an kleine und mittlere Unternehmen, denn einige der größeren Unternehmen haben oft hausinterne Möglichkeiten, ihre Azubis in andere Niederlassungen zu entsenden. "Circa 50 Mobilitätsberater an Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern leisten professionelle Unterstützung bei der Umsetzung von Lernaufenthalten im Ausland als Teil der Berufsausbildung", berichtet Moll. Auch Konditorin Hanna Haubold kennt die zuständige Beraterin der Handwerkskammer in Dresden schon recht gut, denn sie hat mit ihr zusammen zahlreiche Anträge ausgefüllt und Projekte erdacht.

Derzeit ist Hanna, die ihre Gesellenprüfung nach zweieinhalb Jahren erfolgreich abgelegt hat, in Deutschland nicht mehr angestellt. Dafür reist sie, aktuell ist sie in Nordeuropa unterwegs. "Ich möchte einfach noch vieles sehen und kennenlernen", sagt sie. Und die Möglichkeit hat sie noch, denn solange sie unter 23 ist, kann sie sich noch über ihre Eltern versichern - auch das ist ein Punkt, den man bedenken muss. Ihre Reisen plant die Dresdnerin immer so, dass sie an den Präsenzveranstaltungen der Meisterschule teilnehmen kann - einen Großteil der Anforderungen für den Meistertitel hat sie schon erfüllt.

Auch wenn Auszubildende für mehrere Wochen ins Ausland gehen, müssen sie sich weiterhin um ihre Aufgaben an der Berufsschule kümmern, ebenso wie die zu Hause gebliebenen Azubis. Es sei denn, sie legen ihren Auslandsaufenthalt in die Ferienphasen der Berufsschule. Auch die Schule muss dem Vorhaben zustimmen, doch meist ist das nur Formsache. In der Regel lassen sich geeignete Mittel und Wege finden, sodass möglichst wenig Schulstoff verpasst wird. "Eine Möglichkeit ist, Materialien per E-Mail zu verschicken", sagt Stephanie Pletsch vom Förderprogramm "Ausbildung Weltweit". Das Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt weltweite Auslandspraktika von Azubis in all den Ländern, die nicht über Erasmus plus gefördert werden.

Angehende Winzer, die nach Australien gehen oder Industriekaufleute, die in asiatischen Ländern in die Büros schauen - "Ausbildung Weltweit" hat bisher Aufenthalte in 40 Ländern auf allen Kontinenten gefördert. "Vor allem die USA und China erfreuen sich großer Beliebtheit", sagt Pletsch, auch die Schweiz, Russland und Ziele in Afrika oder Lateinamerika sind gefragt. "Englischsprachige Länder sind bei den Azubis besonders beliebt, da hier die geringsten Sprachbarrieren bestehen und die Sprache ihnen in vielen Ländern der Welt weiterhilft."

Um Stipendien für Azubis zu erhalten, braucht der Chef eine Partnerfirma im Ausland

Selbst ungewöhnlichere Sprachen sind nach Worten von Pletsch im Handwerk und der Industrie kein so großes Problem. "Denn wer Baupläne hat oder seine Maschinen kennt, versteht sich meist auch mit wenigen Worten. Der Rest geht mit Händen und Füßen." Trotzdem ist Nachwuchs aus dem Handwerk in den Förderprogrammen vergleichsweise gering vertreten. "Das liegt auch daran, dass die Betriebe meist nicht so groß sind und dann ein Mitarbeiter fehlt", sagt sie. Eher stark repräsentiert bei Aufenthaltsaufenthalten sind Berufe der kaufmännischen und technischen Betriebswirtschaft, Büro- und Sekretariatskräfte, Kaufleute in Groß- und Einzelhandel sowie Berufe der Informatik und Bankkaufleute. Das zeigt die Studie "Auslandsaufenthalte in der Berufsausbildung 2017" der Nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NABIBB).

Für einen Auslandsaufenthalt spricht auch, dass die Auszubildenden in dieser Zeit ihre Persönlichkeit weiterentwickeln - sie werden deutlich selbständiger. Davon profitiert am Ende auch wieder der Heimatbetrieb. Um ins Ausland zu gehen, müssen deutsche Azubis keine besonderen Voraussetzungen erfüllen, außer dass ihr Betrieb zustimmt. Unternehmen, die sich bei den Programmen um Stipendien für ihre Azubis bewerben, müssen ein Partnerunternehmen im Ausland haben. Das zu finden, ist gar nicht so schwer. "Städtepartnerschaften, Auslandshandelskammern oder Branchenverbände können Anknüpfungspunkte bieten", erklärt Pletsch. Das Internet und die sozialen Medien erleichtern zudem die Recherche.

Wie viel Geld man über die Programme bekommt, hängt auch davon ab, wohin das Praktikum führt. Mit Blick auf das Programm "Ausbildung Weltweit" sagt Pletsch: "Es gibt eine Pauschale für die Anreise zum Praktikumsort und Geld für jeden Tag, den die Azubis im Partnerbetrieb arbeiten." Als Vollstipendium gilt das Geld nicht, "aber wer gut wirtschaftet, kommt damit ganz gut über die Runden", sagt Moll mit Bezug auf Erasmus plus. Denn die Sätze seien den Lebenshaltungskosten am jeweiligen Ort angepasst. Der Ausbildungsbetrieb zahlt während des Praktikums den normalen Ausbildungslohn weiter.

Hanna Haubold hat während ihrer Ausbildung und als Gesellin schon so einige Backstuben und Konditoreien in verschiedenen Ländern gesehen. Und sie will weitere Erfahrungen machen. "Ich suche mir immer wieder Orte und Unternehmen, die ich noch nicht kenne", sagt sie. Ihr Englisch ist fließend, das Französisch inzwischen passabel. Und mit wirtschaftlichen Aspekten hat sie sich auch beschäftigt. Denn Hanna hat ein Ziel, wenn sie ihren Meister hat und sesshaft wird. "Dann möchte ich mein eigenes Café eröffnen, mit dem Besten, was ich unterwegs gesehen und gelernt habe."

Informationen: https://eu.daad.de/de, www.erasmusplus.de, www.berufsbildung-ohne-grenzen.de, www.azubi-mobil.de, www.auslandspraktikum- europa.de, www.arbeitundleben.de

© SZ vom 06.12.2019
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