Ausländische Fachkräfte über Arbeiten in Deutschland:"Jaja bedeutet bei euch nein"

Plötzlich müssen sie zu ihren Kollegen "Sie" sagen, ihren Urlaub ein Jahr im Voraus festlegen und die Stöckelschuhe zu Hause lassen: Was ausländische Arbeitnehmer in Deutschland erleben.

Maria Holzmüller

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(Foto: Allianz)

Die Debatte um die Integration ausländischer Arbeitskräfte ist in vollem Gange. Trotz drohenden Fachkräftemangels wird der kulturelle Hintergrund einzelner Bewerber plötzlich zum Thema. Zahlreiche Berufsabschlüsse aus dem Ausland werden hier nicht anerkannt, wer in Deutschland arbeiten möchte und nicht aus einem EU-Land oder der Schweiz kommt, muss schon vor der Einreise eine Stelle vorweisen können. "Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist grundsätzlich auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt und bedarf grundsätzlich der vorherigen Zustimmung der Arbeitsverwaltung", warnt das Auswärtige Amt.  Wer diese Hürden überwunden hat und schließlich doch für ein deutsches Unternehmen arbeitet, steht vor einer neuen Herausforderung: dem deutschen Arbeitsalltag.  Wir haben zehn Angestellte aus dem Ausland nach ihren Erlebnissen befragt. Vanja Sinanovic-Absmaier aus Bosnien-Herzegowina, Quality Management Consultant, Allianz, München. Sie arbeitet seit fünf Jahren in Deutschland, seit vier Jahren ist sie bei der Allianz. "Die Arbeitswelt in Deutschland kommt mir viel förmlicher vor als in den meisten anderen Ländern. Zum Beispiel gibt es zu jeder Besprechung eine offizielle Einladung, sogar das "Networking" ist formalisiert. Eine weitere erstaunliche Lernerfahrung für mich war es, dass es für alles ein Formular oder einen Prozess gibt. Ganz gleich ob du Büromaterial, Urlaub, einen Besprechungsraum oder sogar einen Mentor brauchst, Du musst einfach nur ein Formular ausfüllen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Deutschen immer schon im Vorhinein an alles gedacht haben. Auch in der Freizeit werden Regeln mit Disziplin verfolgt. Wenn ich mit dem Fahrrad nur das kurze Stück zur Post auf der falschen Straßenseite fahre, weil ich nicht zweimal die Straße überqueren will, warnt mich jeder, sogar die Frau, die auf der Straße Blumen verkauft. Die Bürokleidung ist ähnlich wie daheim. Aber es dominieren doch eher dunkle Farben, denn meinen Kollegen fallen immer meine roten oder orangenen Jacken auf. Die größten Vorteile des Arbeitslebens hier sind die Arbeitsbedingungen. Die Anzahl der Urlaubstage, die Wahrung der Arbeitnehmerrechte, Fortbildungen und das Arbeitsumfeld finde ich großartig."

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(Foto: Allianz)

Prashant Grover aus Indien, Operations Expert, Allianz, München: "Die größte Umstellung hier in Deutschland war für mich die Pünktichkeit. Ich persönlich war beeindruckt zu erleben, wie alle immer genau pünktlich zu Besprechungen, zum Essen und sogar privaten Terminen erscheinen. Aber auch die Kleiderordnung unterscheidet sich sehr stark von meinem Heimatort Delhi. Die meiste Zeit ist es dort sehr, sehr heiß und wir haben eine hohe Luftfeuchtigkeit. Daher ist es unbequem,  täglich Anzug und Krawatte zu tragen, wie es hier üblich ist. Bevor ich nach Deutschland kam, wurde mir gesagt, dass ich die Leute mit ihrem Titel, also Frau, Herr, Doktor ansprechen sollte, weil dies ein Zeichen von Respekt sei. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, dass das nur zutrifft, wenn man mit jemandem deutsch spricht und nicht englisch."

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(Foto: privat)

Yulia Funk aus Russland, Personalreferentin im Geschäftsbereich Power Tools bei Bosch, Stuttgart: "Das größte Problem war am Anfang die Sprache. Ich konnte einfache deutsche Sätze verstehen und auch sprechen. Aber plötzlich waren alle E-Mails, Termine und Gespräche beim Mittagessen  auf Deutsch. Die ersten drei Monate fühlte ich mich wie in einem Vakuum. Auch die Kleiderordnung ist hier ein bisschen anders als in Russland. Die High Heels haben deutlich niedrigere Absätze und werden seltener getragen als in Russland. Frauen haben hier viel seltener Röcke an. An den Gebrauch der Nachnamen musste ich mich erst gewöhnen. In meinem Heimatland nutzen wir vor allem die Vornamen und auch zweite Vornamen in Kombination mit Du oder Sie. Nachnamen werden in Russland als sehr formale Anrede gesehen. Und an eine Sache habe ich mich immer noch nicht gewöhnt:  Daran, dass "jaja" "Nein" bedeutet."

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(Foto: Allianz)

Dyana Hasbun aus Kolumbien, Vorstandsassistentin des Chief Operating Officer, Allianz, München, seit dreieinhalb Jahren in Deutschland. "Am Anfang fand ich am schwierigsten, plötzlich alles zu planen! In Deutschland plant man alles im Voraus, nicht nur Projekte und Besprechungen, sondern auch das Mittagessen, Kaffee, Verabredungen mit Freunden und Urlaub. In meiner ersten Arbeitswoche hier war ich geschockt, als ich meine Urlaubsplanung für den Rest des Jahres angeben sollte...es war erst Februar! Erstens wusste ich nicht, was ich mit so vielen Urlaubstagen anfangen sollte (in Kolumbien haben wir nur 15 Tage, und plötzlich hatte ich doppelt so viele) und zweitens wusste ich nicht mal, was ich in zwei Wochen machen sollte! Die Bürokleidung ist in Kolumbien ziemlich ähnlich. Generell trägt man Anzug oder Kostüm zur Arbeit. Bei der Freizeit-Kleidung ist es etwas anders, besonders bei Frauen. In Kolumbien achten Frauen eher auf mehr Make-up, Schmuck und Accessoires und tragen öfter hohe Absätze und Kleider. Und völlig anders ist der Umgang mit Feiern im Büro. Wenn man in Kolumbien Geburtstag hat oder in eine andere Abteilung versetzt wird, dann kaufen die Kollegen Kuchen oder veranstalten eine Verabschiedung, zu der man eingeladen wird. In Deutschland ist es genau umgekehrt. Entweder organisiert man das selber und lädt die Kollegen ein, oder es gibt gar keine Feier! Aber ein großer Vorteil des Arbeitens hier ist die Work-Life-Balance! In Deutschland respektiert man die Arbeitszeiten. Niemand sieht Dich schief an, wenn Du nach acht Stunden Arbeit nach Hause gehst, auch wenn es am frühen Nachmittag ist. Urlaub nehmen ist "normal' und man kann generell die Tage, die einem am besten passen, nehmen."

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(Foto: privat)

Anne Marie Martin aus Chicago, International Graduate Trainee, Schott AG, Mainz. Nach einem erfolgreichen Praktikum in Deutschland wollte ihr Arbeitgeber sie gleich dabehalten. Seit April arbeitet sie fest in Mainz. "Ausländer müssen in Deutschland doppelt so hart arbeiten, um sicherzustellen, dass vorgelegte Aufträge verstanden und bestmöglich erledigt werden können. Aber die Vorteile des Arbeitens hier sind groß: Neben vielen Urlaubstagen haben Deutsche standardmäßig eine sehr gute Krankenversicherung - und es wird viel Wert auf Work-Life-Balance gelegt. Ich bin dankbar und auch sehr froh über die Gelegenheit, in diesem wunderschönen Land arbeiten zu dürfen. Was die Bürokleidung angeht, musste ich mich nicht groß umstellen, aber es gibt  hier keine "Motto-Tage", wie zum Beispiel einen Hawai- oder Sport-Trikot-Tag, wie in einigen Unternehmen in den USA. Noch nicht gewöhnt habe ich mich an die Ladenöffnungszeiten. In den USA kann man sonntags einkaufen  und viele Läden haben sogar 24 Stunden geöffnet. Hier muss man den Tag genau planen, um alle Einkäufe und sonstige Anliegen zu erledigen."

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(Foto: Allianz)

Jackie Wan aus Hong Kong, Controlling Manager, Allianz Reinsurance, München. Seit viereinhalb Jahren arbeitet er in Deutschland. "Ich habe gelernt, dass man mit den Deutschen direkt und  präzise sprechen soll. Außerdem ist es üblich, förmliche Einladungen zu Geschaftsterminen und zum Mittagessen mit deutschen Kollegen zu schicken. Der größte Vorteil hier sind das ausgereifte Arbeitsrecht, das die Arbeitnehmer vor unfairer Behandlung schützt und die hochprofessionellen Kollegen mit Berufsethik."

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(Foto: Allianz)

Sinéad Browne aus Irland, Chief Operating Officer, Allianz Reinsurance, München, seit sechs Jahren in Deutschland. "In Deutschland dauert es länger, bis man nach Analysen, Fragestellungen und der Einbeziehung sehr vieler Interessenvertreter zur Entscheidungsfindung kommt. In Irland, wo ich herkomme, ist die Geschäftskultur angelsächsisch geprägt, Entscheidungen werden schneller gefällt, ohne dass immer jedes mögliche Szenarium durchgespielt und beantwortet wird. Auch Hierarchien werden hier viel mehr respektiert, in Irland geht es lockerer zu."

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(Foto: Allianz)

Ece Berkün aus der Türkei, Executive Project Consultant, Allianz, München. Seit sieben Jahren ist sie Deutschland, arbeitete in der Zeit aber projektbezogen auch in Thailand, Kanada, Brasilien und Großbritannien. "Ich dachte, das größte Problem am Anfang würde die Sprache sein. Was ich nicht erwartet hatte war, dass die Läden um 18 Uhr schließen! Anfangs habe ich mir die Lebensmittel aus dem Automaten im Büro geholt, weil ich fast jeden Abend den Ladenschluss verpasst habe. Außerdem musste ich lernen, immer pünktlich zu sein! Präzise zu sein, zum Beispiel zu sagen "Ich bin in sieben Minuten da" - nicht in fünf Minuten und nicht in zehn Minuten.  Es dauerte auch, bis ich akzeptierte, dass geteilte Kosten im Restaurant keine einfach Teilung der Rechnung bedeuten, vielmehr wird der Bedienung gesagt, was man verzehrt hat und der genaue Betrag bezahlt. Heute finde ich das fair."

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(Foto: Allianz)

Gianpaolo Garotti aus Italien, Senior Project Manager, Allianz, München. Seit Juli 2007 arbeitet er in Deutschland. "Hier hält man sich stärker an Regeln und Abläufe, in Italien geht es lockerer zu. Daran musste ich mich erst gewöhnen. In Italien zeigen wir im Gespräch oft mit dem Finger auf andere. Das gehört hier nicht zum guten Ton. Ich muss zugeben, damit habe ich teilweise immer noch Schwierigkeiten."

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(Foto: privat)

Camille Boyer-Chammard aus Frankreich macht das "International Graduate Program" der Schott AG, Mainz. Sie kannte Deutschland schon, machte mehrere Praktika hier und wurde vom Unternehmen Schott übernommen. Dort arbeitet sie seit Januar 2010. "Die Deutschen sind direkter und sagen was sie denken, egal ob es gut oder schlecht ankommt. Im Gegensatz dazu sind die Franzosen diplomatischer und achten drauf, niemanden zu beleidigen, was aber manchmal bedeutet, nicht immer zu 100 Prozent ehrlich zu sein. Gewöhnungsbedürftig war das Duzen/Siezen. In Frankreich duzt man automatisch eine Person im gleichen Alter, vor allem wenn die beiden Personen jung sind. In Deutschland ist das nicht immer selbstverständlich. Dafür sind die Arbeitszeiten angenehmer. Die Franzosen fangen später an und machen längere Mittagspausen, so dass sie erst später nach Hause kommen."

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