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Aufstieg dank Beziehungen:Was Elite-Zirkel wirklich für die Karriere bringen

Rotary und Lions Club, Alumni-Verein oder Studentenverbindung - elitäre Zirkel nutzen ihren Anhängern auch beruflich, heißt es. In manchen Fällen trifft das zu. Aber manchmal kann die Mitgliedschaft in Vereinigungen bei der Jobsuche sogar schaden.

Miriam Hoffmeyer

Wer aufsteigen will, sollte die richtigen Leute kennen. Seit diese Binsenweisheit aus dem Karriereratgeber unter der Überschrift "Networking" steht, wächst die Zahl der formalen Netzwerke und ihrer Teilnehmer stetig. Fast jede deutsche Hochschule hat innerhalb der letzten 20 Jahre eine Alumnivereinigung gegründet, die Business-Plattform Xing zählt schon fast elf Millionen Mitglieder.

Fronleichnam in München, 2010

Die Mitglieder einer katholischen Studentenverbindung in Couleur bei einem Treffen in München.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Neben diesen relativ jungen Netzwerken und den Berufsverbänden gibt es aber auch Organisationen, die schon seit hundert Jahren oder länger im Ruf stehen, die Karriere ihrer Mitglieder zu fördern. Sogenannte Service Clubs wie der 1905 gegründete Rotary Club, der Lions Club, Kiwanis, Soroptimist oder Round Table gelten als Edelzirkel, deren Mitglieder sich schon mal zu guten Geschäften und Posten verhelfen. Und die mehr als tausend deutschen Studentenverbindungen, deren Wurzeln bis tief ins 19. Jahrhundert reichen, verstehen sich seit jeher ausdrücklich als generationsübergreifender Lebensbund zur gegenseitigen Unterstützung.

Können die Mitglieder von Studentenverbindungen heute noch beruflich profitieren? Kommt darauf an, meint die Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth von der Universität Gießen. Man müsse zwischen den Burschen- und Landsmannschaften, deren Ruf wegen ihrer Kontakte zum rechtsextremen Milieu ruiniert sei, und anderen Verbindungen wie den katholischen Studentenverbindungen oder den Corps unterscheiden. Die Mitgliedschaft bei diesen könne durchaus nützen, wenn Alte Herren in den entsprechenden Schlüsselpositionen säßen.

Kurth warnt aber zugleich: "Wenn das nicht der Fall ist, kann es sogar sehr schaden, die Mitgliedschaft in einer Bewerbung zu erwähnen." Denn die Skandale um die Deutsche Burschenschaft hätten sich auf das Image aller Korporationen negativ ausgewirkt. "Die katholischen Verbindungen und die Corps haben sich lange Zeit nicht genügend von den Burschen- und Landsmannschaften abgegrenzt. Inzwischen tun sie das zwar, aber das öffentliche Bild wird sich so schnell nicht verbessern", meint Kurth. Auch deshalb ist inzwischen weniger als ein Prozent der Studierenden in Korporationen organisiert.

Die Verbindungen wollen zwar neue Mitglieder werben, auch mit dem Hinweis auf gute Karriere-Aussichten - andererseits aber das Image der Vetternwirtschaft vermeiden. In ihrem gemeinsamen Internetauftritt locken die Corps mit "jeder Menge an Netzwerk auch nach dem Studium" und einer internationalen Praktikumsbörse. Von den Kontakten könnten aber nur diejenigen profitieren, bei denen die Leistung stimme, betont Matthias Stier. Der 23 Jahre alte BWL-Student ist Mitglied des Würzburger Corps Nassovia und Vorsitzender des Kösener Senioren-Convents-Verbands, in dem sich die ältesten Studentenverbindungen im deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen haben. "Wenn man in eine Verbindung kommt, liegen natürlich nicht gleich zehn Praktikumsangebote auf dem Tisch", sagt Stier. Aber ein Corpsbruder habe ihm seinen Studentenjob bei einer Wirtschaftsprüfungskanzlei vermittelt. "Und ein Alter Herr in Führungsposition bei einer anderen großen Kanzlei hat mir Material für eine Seminararbeit besorgt."

Vorteile für Selbständige

Freiberufler sind in Studentenverbindungen traditionell stark vertreten. "Selbständige greifen gern auf Leute zurück, die sie aus ihrer Verbindung kennen - zum Beispiel Rechtsanwälte, die einen Partner für ihre Kanzlei suchen", sagt Wolfgang Braun vom Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen. In einem Großunternehmen sei das nicht so einfach: "Die alte Vitamin-B-Theorie funktioniert nicht mehr, so etwas kann sich ein angestellter Manager gar nicht leisten." Die Studenten würden aber in jedem Fall von der Erfahrung und dem Rat der berufstätigen Alten Herren profitieren.

Albrecht Fehlig, Sprecher der corpsstudentischen Verbände, hält es für noch wichtiger, dass die Corpsmitglieder in einer selbstverwalteten Organisation Verantwortung tragen: "Corps sind vergleichsweise klein, da muss jeder mal eine Aufgabe übernehmen. Das trainiert Redegewandtheit, Führungsfähigkeit und Durchsetzungsstärke."

Fast alle Verbindungen schließen Frauen nach wie vor aus, nehmen aber fast jeden männlichen Bewerber mit Kusshand auf. Service Clubs wie die Rotarier sind dagegen exklusiv: Sie fordern nur beruflich erfolgreiche Menschen auf, bei ihnen Mitglied zu werden. Trotzdem solle man sich von den Club-Kontakten nicht zu viel versprechen, warnt der Headhunter Heiner Thorborg, der seit Jahrzehnten bei den Frankfurter Rotariern Mitglied ist. "Man bekommt Zugang zu den besten Ärzten und Anwälten. Aber beruflich habe ich Rotary noch nie genutzt."

Viele Clubs seien vergreist, Alumnivereinigungen als berufsfördernde Netzwerke sehr viel zweckmäßiger. "Ich glaube, dass die Clubs als Karrierenetzwerk völlig überschätzt werden", meint auch der Soziologe Sebastian Gradinger, Autor einer Studie über die gesellschaftliche Funktion von Service Clubs. "Der hohe Zeitaufwand für soziale Projekte, Reisen und die wöchentlichen Treffen stehen in überhaupt keinem Verhältnis zu einem möglichen beruflichen Nutzen." Immerhin könnten vor allem Jüngere bei den Treffen mit anderen Clubmitgliedern einiges lernen: "Ich habe beispielsweise wertvolle Impulse zum Thema Personalführung mitnehmen können."

Für Studenten und Berufseinsteiger können unter Umständen die Jugendorganisationen der Service Clubs nützlich sein, die allen Interessierten zwischen 18 und 30 Jahren offenstehen. "Lernen - helfen - feiern" ist beispielsweise das Motto der mehr als 160 deutschen Rotaract-Clubs, des Nachwuchsvereins der Rotarier. Neben der karitativen Arbeit organisieren die Clubs Vorträge, Seminare oder Betriebsbesichtigungen und pflegen Kontakte zu den örtlichen Rotariern. "Im einen oder anderen Fall ergibt sich bestimmt ein Praktikum oder der Berufseinstieg - aber auch nur, wenn man sich bei der Arbeit für den Club besonders auszeichnet", sagt Constanze Abendroth, Vorsitzende von Rotaract Deutschland. "Wer nur beruflich weiterkommen will, sollte nicht zu uns kommen."

© SZ vom 05.11.2011/tina

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