Arbeitszeugnis:Geheimsprache entschlüsseln

Arbeitszeugnis

Arbeitszeugnisse müssen wohlwollend und wahrheitsgetreu formuliert sein - eine oft kaum zu bewältigende Aufgabe.

(Foto: Thalia Engel/dpa)

Leerstellen, Andeutungen, Umschreibungen - mit Codes und Tricks sollen schlechte Bewertungen in Arbeitszeugnissen umgangen werden. Doch nicht jeder versteht die versteckten Hinweise.

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Der Gesetzgeber verbietet negative Bewertungen in Arbeitszeugnissen, daher hat sich eine Art Geheimsprache entwickelt. Längst nicht alle Verfasser von Zeugnissen beherrschen die geheimen Codes, und auch die Adressaten können sie nicht immer zuverlässig entschlüsseln. Hier ein paar Beispiele:

Unfähig. "Er bemühte sich, den Anforderungen gerecht zu werden" oder "Er setzte sich im Rahmen seiner Fähigkeiten ein" heißt übersetzt: "Der Mitarbeiter war unfähig."

Nachlässig. "Er verstand es, alle Aufgaben erfolgreich zu delegieren." Gemeint ist: "Er war faul." Oder: "Sie machte sich mit großem Elan an die ihr übertragenen Aufgaben." Gemeint ist: "Sie verbreitete Chaos."

Unselbständig. "Durch ihre Pünktlichkeit war sie ein gutes Beispiel." Gemeint ist: "Mehr als pünktlich war sie leider nicht." Oder: "Sie erledigte alle Aufgaben ordnungsgemäß." Gemeint ist: "Sie machte nur, was man ihr sagt, und zeigte keine Initiative."

Großspurig. "Er verfügte über Fachwissen und ein gesundes Selbstvertrauen." Gemeint ist: "Mangelhaftes Fachwissen glich er mit Arroganz aus." Oder: "Sie war tüchtig und wusste sich gut zu verkaufen." Gemeint ist: "Sie war eine nervige Wichtigtuerin."

Schwierig. "Er war ein anspruchsvoller und kritischer Mitarbeiter." Gemeint ist: "Er war schwierig im Umgang und fiel durch ausgiebiges Meckern auf." Oder: "Er war in der Lage, seine Meinung zu vertreten." Gemeint ist: "Er kann keinerlei Kritik vertragen."

Taktlos. "Sie zeigte eine erfrischende Art im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten." Gemeint ist: "Sie ist vorlaut und redselig." Oder: "Seine Geselligkeit trug zur Verbesserung des Betriebsklimas bei." Gemeint ist: "Er hatte ein ernsthaftes Alkoholproblem."

Unbequem. "Er trat innerhalb wie außerhalb des Unternehmens engagiert für die Interessen der Kollegen ein." Gemeint ist: "Er hat sich gewerkschaftlich engagiert."

Darüber hinaus gibt es weitere Techniken, in Zeugnissen versteckte Kritik zu üben.

Leerstellen. Eine schlechte Bewertung lässt sich vermeiden, wenn bestimmte Arbeitsbereiche einfach ausgeblendet werden. Das fällt vor allem dann auf, wenn die fehlenden Bereiche eigentlich wichtig für den Job sind.

Betonung. Man rückt Nebensächlichkeiten in den Vordergrund, etwa die Organisation eines Betriebsausflugs. Wichtige Arbeitsbereiche werden entweder erst weiter hinten im Zeugnis genannt oder kaum akzentuiert.

Knappheit. Das Zeugnis umfasst nur die nötigsten Informationen. Mit einer besonders knappen Form lässt sich eine geringe Wertschätzung des Mitarbeiters ausdrücken.

Widerspruch. Versteckte Widersprüche verbergen eine negative Bewertung. Ein Mitarbeiter wird beispielsweise als selbständig beschrieben, aber nur "wenn er nach vorgegebenen Richtlinien arbeiten kann".

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