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Arbeitszeiten:Sind Arbeitskräfte knapp, kann dies bei der Personalsuche helfen

Die schwedischen Arbeitgeber, die es anders machen und deswegen von der Presse belagert werden, kann man fast an einer Hand abzählen. Allerdings steigt die Zahl: Immer mehr Unternehmen und Kommunen experimentieren mit kürzeren Arbeitszeiten. Das Göteborger Sahlgrenska-Universitätskrankenhaus zum Beispiel hat im Sommer sein Sechs-Stunden-Projekt um ein Jahr verlängert. Die Klinik hatte sich schwer getan, genügend Personal für seine orthopädische Abteilung zu finden. Dort bei Operationen zu assistieren und Patienten zu betreuen ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Knochenjob. Das Krankenhaus hat die Schichten der Pflegekräfte deswegen auf sechs Stunden verkürzt, als Anreiz.

Es hat funktioniert. "Wir sind jetzt voll besetzt", sagt Abteilungsleiter Peter Dahm, er ist verantwortlich für das Projekt. Zudem sei die Produktivität in seiner Abteilung um 18 Prozent gestiegen. Möglich ist das, weil die Mitarbeiter nun in zwei Schichten arbeiten. So sind die sieben OPs der Abteilung zweieinhalb Stunden am Tag länger besetzt, auch wenn jede der 120 Pflegekräfte und Krankenschwestern kürzer arbeitet.

Die Stadt Sundsvall im Osten des Landes findet nicht genügend Sozialarbeiter. Und wer in dem Job arbeitet, wurde zuletzt häufiger krank. Den 38 Menschen, die sich in der Stadt um Drogenabhängige kümmern und um vernachlässigte Kinder, spendiert die Stadt deswegen seit September einen Sechseinhalb-Stunden Tag, ein Jahr soll das Angebot dauern. Weiter nördlich, in Umeå, haben sie im Sjöjungfrun-Altenheim gerade ein ähnliches Experiment wie in Göteborg beendet, ein Jahr haben die Pflegerinnen dort kürzer gearbeitet.

"Es ist besonders hart für die Beschäftigten in den Pflege- und den sozialen Berufen, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern", sagt Sozialwissenschaftler Roland Paulsen. "Deswegen versuchen sie, diesen Jobs zu entkommen. Eine Möglichkeit, sie zum Bleiben zu bewegen, sind kürzere Arbeitszeiten." Er glaubt nicht, dass das grundlegende Problem dieser Berufe damit gelöst ist. Die Arbeit müsse grundsätzlich leichter werden, egal wie lang eine Schicht dauert, sagt er. Dafür müsse mehr Geld reingesteckt, mehr Leute in diesen Berufen eingestellt werden. Schweden sollte die kürzeren Arbeitstage für alle zur Regel machen, findet Paulsen. "Weil wir produktiver werden, sollte es offensichtlich sein, dass wir weniger arbeiten können."

Das Team von Filimundus, einem Entwickler von Spiele-Apps für Kinder, arbeitet bereits seit Ende 2014 nur sechs Stunden am Tag, drei Stunden vor und drei nach der Mittagspause. Gehalt, Sozialversicherung, Rente bleiben davon unberührt. Firmenchef Linus Feldt fand, dass die Leute zu viel Zeit auf der Arbeit und zu wenig Zeit mit der Familie verbringen. Von seinen Mitarbeitern verlangt er, dass sie sich in den sechs Bürostunden voll auf ihre Arbeit konzentrieren. Dazu gehört, dass sie nicht ihre Facebook-Seite anschauen, die vielen kleinen Dinge weglassen, die man so tut, wenn die Konzentration nachlässt - was in acht Stunden Schreibtischarbeit automatisch passiert. Die Firma verliert also nicht volle zwei Arbeitsstunden, rechnet Linus Feldt, sondern vor allem Zeit, die die Mitarbeiter ohnehin irgendwie vertrödelt hätten.

2015 hat er mit einer amerikanischen Internetzeitung über seine Idee gesprochen. "Warum Schweden sich zum Sechs-Stunden-Tag bewegt" stand über dem Interview. Großartige Überschrift, findet Linus Feldt, nur leider nicht wahr. All das erklärt er auf DIN-A4-Seiten, auf denen er sein Projekt beschreibt. Interviews? Bitte nicht, zu viele Anfragen, steht dort. Und für so etwas ist im Sechs-Stunden-Tag einfach kein Platz.

© SZ vom 03.01.2017/mkoh
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