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Arbeitszeit:Es spricht einiges dafür, sich von Acht-Stunden-Tagen/Fünf-Tage-Wochen zu verabschieden

Auf der anderen Seite werden mehr Hochqualifizierte gebraucht. Nach einer Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit von 2011 könnten 2,8 Millionen Wochenstunden mehr Arbeit erledigt werden, wenn die zeitlichen Wünsche von Müttern in Teilzeit erfüllt würden. Trotzdem arbeiten gut ausgebildete Frauen oft unterhalb ihrer Qualifikation, weil in ihrer Liga Teilzeit nicht angeboten wird. Auch der demografische Wandel spricht für Flexibilität: 2030 werden 3,4 Millionen Menschen pflegebedürftig sein - die Notwendigkeit, die Prioritäten zeitweise zu verschieben, kann in Zeiten, wo viele Menschen keine Geschwister haben, jeden treffen.

Parallel dazu wollen mehr Männer aktiv am Familienleben teilhaben, und die Zahl der Frauen, die arbeiten wollen und müssen, ist gleichzeitig gestiegen. Das geht nur, wenn eine fairere Aufteilung privater Aufgaben erfolgt. Selbst wenn keine äußeren Zwänge vorliegen: Derzeit wächst eine Generation heran, die - je nach Sozialisation in unterschiedlichem Maß - ein anderes Verständnis davon hat, was Arbeit bedeutet und welchen Anteil die in ihrem Leben haben soll. Oder wie es Kerstin Bund in ihrem Buch über die Generation Y beschreibt: "Meine Generation wünscht sich eine Arbeitswelt, in der es auf Ergebnisse ankommt. In der Leistung nicht daran bemessen wird, wie viele Stunden wir im Büro verbringen, sondern daran, was am Ende dabei herauskommt." Es ist eine Generation, die sich von Work-Life-Blend (Verschmelzung) mehr verspricht als von Work-Life-Balance: Der Job soll sie froh machen, dafür darf das Handy am Wochenende klingeln. Und es ist nicht nur die junge Generation. Zuletzt hat eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes - nicht eben ein Hort der Hipsterkultur - gezeigt, dass mehr als zwei Drittel der Vollbeschäftigten weniger arbeiten möchten.

Es spricht also einiges dafür, sich von den Achtstundentagen/Fünftagewochen zu verabschieden. Ebenso klar ist: Wer einen flexiblen Arbeitsmarkt will, steht vor Herausforderungen. Nicht umsonst arbeitet Bundesarbeitsministerin Nahles derzeit an einem Weißbuch zur Arbeit der Zukunft. Noch sind die gesetzlichen Hürden hoch. Zwar besteht seit dem Jahr 2001 formell ein Anspruch auf Teilzeit, inklusive Diskriminierungsverbot. Tatsächlich arbeiten nicht einmal sechs Prozent aller Väter mit minderjährigen Kindern in Teilzeit. Auch Ruhezeiten und andere Vorgaben behindern ein flexibles Arbeiten - das deutsche Arbeitszeitgesetz schreibt eine Maximalarbeitszeit von acht und eine Mindestruhezeit von elf Stunden vor und stammt aus dem Jahr 1994 - zum Vergleich: Das ist das Jahr, in dem der erste Computer mit CD-ROM-Laufwerk auf den Markt kam.

Organisatorisch gibt es ebenfalls Hürden. Verschiedene Arbeitszeitmodelle zu koordinieren, verursacht Aufwand. Dass es geht, zeigt Bosch mit mehr als 100 verschiedenen Arbeitszeitmodellen. Doch selbst wenn Unternehmen offen sind, ist die Idee, dass nur eine Vollzeit arbeitende Kraft auch eine vollwertige Arbeitskraft ist, auf vielen Ebenen verankert. Der Widerspruch zwischen hehren Zielen von der Firmenwebsite und dem Alltag zeigt sich auf grauen Bürofluren: Als sie nach der Elternzeit begonnen habe, Teilzeit zu arbeiten, erzählt Martina Ludwig, die heute eine Jobsharing-Agentur leitet, sei sie in eine Ecke mit anderen "Muttis" gesetzt worden. Nicht, weil sie weniger Lust auf Arbeit hatte - sondern weil Teilzeit eine Schublade war, weit weg von der Schublade, in die Menschen mit dem Label "Potenzial" gesteckt wurden.

Es ist ein Umdenken nötig, auf mehreren Ebenen: Die Beschäftigten müssen ihr Misstrauen besiegen und akzeptieren, dass der Kollege nebenan seine Arbeit gern macht und nicht nach Wegen sucht, sich zu drücken - und dass viel am Arbeitsplatz sein nicht das Gleiche ist, wie viel zu schaffen. Wirklich setzt sich ein Gesinnungswandel erst durch, wenn wie bei Microsoft seit 1998 Vertrauensarbeitszeit herrscht: Weil dann derjenige, der zweimal die Woche später kommt, nicht die heimlich beneidete Ausnahme ist - und der Daueranwesende nicht mehr bedrohliche Konkurrenz. Ein Umdenken muss auch auf Führungsebene stattfinden: Bei Trumpf wird seit bald 20 Jahren mit Arbeitszeitmodellen experimentiert. Dort betont die Geschäftsführung immer wieder, dass sie möchte, dass Arbeitnehmer das nutzen. Aber nur, wenn Chefs auch mal 80 Prozent arbeiten, wird ein Mentalitätswandel stattfinden.

Über all dem schwebt natürlich die sozialpolitische Frage der Finanzierbarkeit. Doch gerade weil klar ist, dass die jetzige Situation - eine schwindende Zahl sozialversicherter Jobs, eine wachsende Zahl prekär Beschäftigter und eine steigende Altersarmut - nicht tragbar ist, gilt es, umzudenken. Und da sind einzelne Modellprojekte vielversprechend, aber nicht die Lösung. Ein neues Verhältnis von Arbeits- und Lebenszeit entsteht eben nicht durch das Recht des Einzelnen auf eine 80-Prozent-Stelle und Förderung des Kita-Platzes. Sondern dadurch, dass das Zusammenspiel aus Arbeit und Leben neu gedacht wird. Dazu braucht es eine Arbeitszeitgestaltung, die sich an Lebensphasen orientiert: flexible Vereinbarungen zum Renteneintrittsalter etwa oder eine Familienarbeitszeit, wie von Familienministerin Schwesig gefordert.

Aber auch die Durchschnittsarbeitszeit von 32 Stunden, die die Soziologin Jutta Allmendinger postuliert hat, oder ein Konto für die Lebensarbeitszeit können Ansätze sein, den individuellen wie den unternehmerischen Anforderungen gerecht zu werden und dennoch nicht die Sozialsysteme kollabieren lassen. "Die Zukunft gehört den Mutigen", diagnostiziert Forscherin Hofmann in einem Blogeintrag. Die müssen sich aber nicht nur unter Chefs und Angestellten finden. Sondern überall.

© SZ vom 15.10.2016/mkoh
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