Arbeitszeit Die Arbeitszeit muss neu verteilt werden

Zu alldem kommt, dass sich auch die Arbeit selbst verändert hat. Tempo und Termindruck steigen, 80 Prozent aller Menschen, die Vollzeit arbeiten, klagen, sie seien ständig gestresst. Jenes dumpfe Gefühl manifestiert sich dann in psychogenen Belastungserkrankungen und Depression. Die verschriebene Menge Antidepressiva hat sich laut einer Studie der Techniker Krankenkasse in den vergangenen zehn Jahren mindestens verdoppelt, und jeder fünfte Arbeitnehmer hat schon einmal einen Burn-out erlebt.

In der Forschung ist heute unumstritten, dass zu viel Arbeit krank macht. Andersherum sind sich Wissenschaftler aber genauso einig , dass mehr Arbeit nicht unbedingt auch mehr Leistung bringt. Im Gegenteil. Untersuchungen zeigen, dass wir uns an einem Achtstundentag im Durchschnitt nur zweieinhalb wirklich konzentriert unserer Arbeit widmen.

Es waren genau solche Studien, die Andrew Barnes, den Chef von Perpetual Guardian, zu dem Experiment mit der Viertagewoche inspirierten. Um bei 32 statt 40 Wochenstunden die gleiche Menge an Arbeit erledigen zu können, wurden die Betriebsabläufe optimiert, Konferenzen beispielsweise reduziert und "Nicht stören"-Signale eingeführt. Nach acht Wochen stellten neuseeländische Forscher, die das Experiment überwachten, fest, dass die Arbeit nicht nur genauso gut erledigt wurde, sondern sogar besser als zuvor. Aber klar: So einfach ist es natürlich nicht immer. Denn Arbeit kann oft nicht weiter komprimiert werden, gleichzeitig darf sie auch nicht zu einem täglichen Kurzstreckenlauf werden, bei dem man keine Zeit hat, nach links oder rechts zu schauen.

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Damit eine Verkürzung wirkt, muss Arbeitszeit auch neu verteilt werden, notfalls auch auf mehr Stellen. Betriebswirtschaftlich gesehen klingt auch das natürlich wieder verrückt. Gerne wird an dieser Stelle das Beispiel eines Altenheims in Schweden angeführt, das 2015 für seine 80 Mitarbeiter testweise den Sechsstundentag einführte. 14 neue Pfleger mussten deswegen eingestellt werden, 1,25 Millionen Euro kostete das alles, nach zwei Jahren wurde das Experiment beendet.

Tatsächlich muss eine Arbeitszeitverkürzung aber nicht unbedingt mehr kosten. Forscher glauben, dass sich am Ende die Mehrkosten mit Einsparungen gegenrechnen könnten: Denn es gäbe zwar mehr Angestellte, jeder von ihnen wäre im Schnitt aber produktiver als zuvor und dazu auch noch weniger krank. In einem Altenheim bringt das nun nicht unbedingt mehr Einnahmen, in einer Fabrik oder Agentur aber schon. Beispiele für erfolgreiche Versuche gibt es hier darum auch viele, in Schweden, in Deutschland, in den USA und nun eben auch in Neuseeland.

Eine Lösung: Die Technik

Doch selbst wenn sich die Kostenfrage lösen ließe, sagen Kritiker, gäbe es immer noch ein weiteres, schwerwiegenderes Hindernis: den Fachkräftemangel. Der ist schon jetzt dramatisch. Berechnungen zeigen: Ohne Zuwanderung würde die Zahl der Menschen in Deutschland im erwerbsfähigen Alter von 54 Millionen auf 31 Millionen im Jahr 2060 sinken. Und wieder: Arbeitszeitverkürzung in dieser Situation? Dabei gäbe es auch für dieses Problem durchaus Lösungen.

Einmal ist da die Technik. Schon jetzt können sich Handwerker zum Beispiel den Materialeinkauf von Algorithmen abnehmen lassen. Für Krankenhäuser und Altenheime gibt es Sensoren, die dabei helfen, Patienten zu pflegen. Künstliche Intelligenz kann Verträge analysieren, und Roboter arbeiten autonom in der Fabrik. Gerade erst hat das Weltwirtschaftsforum eine Studie veröffentlicht, laut der schon 2025 Maschinen und Algorithmen mehr Arbeitsstunden verrichten werden, als Menschen. Ein Unternehmen, das sich jetzt schon auf all das vorbereitet, löst für sich nicht nur das Problem des Fachkräftemangels, es investiert auch in die Zukunft.

Abseits von der Technik gäbe es auch noch eine weitere, menschliche Lösung: Man müsste die vorhandene Arbeitszeit anders und vor allem gerechter verteilen. Denn jenen 18 Millionen Menschen, die dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung 2015 sagten, dass sie gerne Arbeitsstunden abgeben würden, standen schon damals fünf Millionen gegenüber, die gerne mehr gearbeitet hätten. Gehindert wurden sie daran beispielsweise von Steuern und Sozialabgaben, die jedes Plus an mehr Stunden und mehr Lohn aufgefressen hätten.