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Arbeitswelt:Frollegen - das große Missverständnis

Bens Bar, Clemensstraße 7

Freunde oder Kollegen? Das ist oft gar nicht mehr einfach abzugrenzen.

(Foto: Florian Peljak)

Kollektives Duzen, Team-Building im Kletterpark, After-Work-Party: In der Arbeitswelt von heute verschwimmt die Grenze zwischen Freund und Kollege. Das ist schlecht für die Karriere - und das Privatleben.

Von der deutschen Sängerin Annett Louisan gibt es ein Lied mit dem Titel "Wir nicht". Es ist, wie sich das für Popsongs so gehört, eigentlich eine Abrechnung mit einer alten Liebe - aber der Refrain wäre auch ein guter Soundtrack für deutsche Büros. "Wir können keine Freunde sein/ wir nicht mehr/ wir nicht."

Die Arbeitswelt von heute treibt viele seltsame Blüten, aber kaum eine ist so skurril wie der kollektive Hang zum Vortäuschen von Freundschaft. Büros sind eine Utopie des Amikalen geworden, und mitunter ist die Inszenierung so überzeugend, dass die Grenze zwischen Freunden und Kollegen tatsächlich zu verschwimmen scheint. Das ist, um es deutlich zu sagen, schlecht. Denn es schadet allen Beteiligten.

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Kollektives Duzen und legere Garderobe

Dass es zu diesem riesigen Missverständnis kommen konnte, hat mehrere Gründe. Da ist zum einen der Umgangston, der sich verändert: In vielen, besonders in kreativen Branchen, wird heute kollektiv geduzt. In den Unternehmen, vor allem solchen, die im Digitalgeschäft arbeiten, gibt es immer häufiger sehr junge Chefs, die sich nicht mit Statussymbolen oder Ritualen aus einer vergangenen Zeit aufhalten wollen.

Auch die Kleidungsgewohnheiten sind in vielen Sparten leger geworden, sehr viele Menschen unterscheiden nicht mehr zwischen ihrer Garderobe für den Job und der für die Freizeit. Kurz: Es gibt also weder sprachlich noch optisch einen sofort und deutlich erkennbaren Unterschied zwischen dem beruflichen und dem privaten Ich.

Diese Vermischung setzt sich auf anderen Ebenen fort, etwa bei der zeitlichen: Erreichbarkeit auch außerhalb der Arbeitszeiten setzt sich immer stärker durch. Dank der neuen technischen Möglichkeiten werden E-Mails rund um die Uhr gelesen und beantwortet, und es ist nicht immer klar, ob das eine Erleichterung oder ein Albtraum ist.

Für die Ambitionierten gilt heute zudem strategisches Netzwerken als selbstverständlich. Man steht also aus beruflicher Motivation bei irgendwelchen Champagner-Empfängen, After-Work-Partys und Diskussionsveranstaltungen rum und soll sich aus strategischen Gründen mit möglichst vielen Menschen gut verstehen und in Kontakt bleiben. Insgesamt hat man die Arbeit also immer irgendwie dabei: die E-Mails auf dem Smartphone, die strategische Überlegung im Hinterkopf.