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Arbeitsrecht:Was im Job gilt, wenn das Kind krank ist

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Ist das Kind krank, haben Eltern Rechte - vor einem schlechten Gewissen gegenüber Chef und Kollegen schützen die allerdings nicht.

(Foto: Imago Stock&People)

Stress im Büro und ein krankes Kind - das schafft Konflikte. Wie lange dürfen Eltern zu Hause bleiben? Und was gilt in der Kommunikation mit Chef und Kollegen?

Von Anne-Ev Ustorf

Anja Bachmann sitzt auf dem Holzfußboden ihres Wohnzimmers und baut einen Legoturm. Leon, ihr 18 Monate alter Sohn, sammelt die Steine auf und reicht sie ihr. Gestern noch lag er mit 39 Grad Fieber im Bett, vier Tage war er krank. Anja Bachmann freut sich, dass ihr Sohn wieder zu Kräften kommt - weil sie dringend ins Büro muss. In den vergangenen Monaten war sie nicht allzu oft da.

Drei Mittelohrentzündungen hat Leon hinter sich, in den letzten acht Wochen einen Magen-Darm-Virus, eine Bindehautentzündung und eine fiebrige Erkältung. Auf ihren Mann kann sie gerade nicht zählen, er hat kürzlich eine neue Stelle angetreten und traut sich nicht, zu Hause zu bleiben. "Ich bin ganz schön unter Druck", sagt Bachmann, die in Teilzeit als Texterin in einer Werbeagentur arbeitet. "Mein Chef und die Kollegen sagen zwar nichts, aber ich merke, dass sie genervt sind."

Anja Bachmann geht es so wie vielen Eltern: Dauernd sind die Kleinen krank. Gerade in den ersten Lebensjahren stecken sich Kinder ständig an, ihr Immunsystem muss erst lernen, die Viren abzuwehren. Dagegen lässt sich nicht viel ausrichten. Besonders schlimm sind die ersten Monate in der Kita, denn die hält fürs kindliche Immunsystem eine Vielzahl neuer Viren bereit, die sich im Morgenkreis oder beim gemeinsamen Buddeln in der Sandkiste hervorragend verbreiten. Ein Infekt jagt den nächsten, bisweilen werden die Eltern dann selbst krank und kommen über Wochen kaum ins Büro.

Eltern dürfen wegen kranker Kinder fehlen

Doch was tun, wenn die Kleinen schon wieder mit fiebrigen Augen und Rasselhusten das Bett hüten müssen? Wenn die Kollegen überlastet sind, der Chef auf die Einhaltung von Fristen pocht und das schlechte Gewissen übermächtig wird?

Immerhin gibt es gesetzliche Regelungen, die Eltern erlauben, für begrenzte Zeit bei ihren kranken Kindern zu Hause zu bleiben. Laut einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts dürfen Arbeitnehmer in Deutschland pro Kind mindestens fünf Tage im Jahr krankheitsbedingt der Arbeit fernbleiben - mit Lohnfortzahlung. Gesetzlich versicherte Arbeitnehmer, die also nicht privat versichert oder selbständig sind, dürfen sogar zehn Tage im Jahr ihre kranken Kleinen hüten, Alleinerziehende doppelt so lange.

Meist bleibt die Mutter im Krankheitsfall beim Kind

Dafür allerdings müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: Das kranke Kind darf nicht älter als zwölf Jahre sein und muss ebenfalls gesetzlich versichert sein, andere Pflegepersonen - wie Großeltern oder Kindermädchen - dürfen nachweislich nicht zur Verfügung stehen, und das Kind muss ein Attest des Kinderarztes vorweisen. Für schwerkranke Kinder gelten großzügigere Regeln. Allerdings sollten Eltern vor Inanspruchnahme der Krankentage immer ihren Arbeitsvertrag prüfen, um zu schauen, ob der Arbeitgeber spezielle Klauseln für Fehlzeiten aufgenommen hat. Tarifverträge zum Beispiel bieten Eltern oft Anspruch auf mehr Fehltage, je nach Bundesland gelten jedoch unterschiedliche Regelungen.

Doch Gesetze sind nur die eine Sache. Wie aber dem Druck standhalten, wenn beim Kind der vierte Infekt innerhalb von sechs Wochen zuschlägt und die Kollegen zunehmend gestresst sind?

Nicht jeder Vorgesetzte reagiert dann noch verständnisvoll. "Kurzfristige, durch Krankheit der Kinder bedingte Arbeitsausfälle können gerade für kleine und mittlere Unternehmen eine organisatorische Herausforderung sein", sagt ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. "Dann sind ein vertrauensvolles Miteinander und gegenseitiges Verständnis entscheidend, um im Krankheitsfall für beide Seiten befriedigende Lösungen zu finden."

Verständnis und Bereitschaft

Offenheit ist also wichtig: Wenn der Chef weiß, in welch misslicher Lage die Familie steckt, kann er mehr Verständnis für die Situation der Eltern entwickeln. Aber auch die Bereitschaft der Eltern, sich beim Aufpassen aufs kranke Kind abzuwechseln oder mal die Großeltern einzuspannen, ist wichtig für ein gutes Arbeitsklima. Manche Firmen sind längst vorbereitet auf die häufigen Ausfallzeiten junger Eltern und bieten ihren Mitarbeitern Gleitzeit oder Homeoffice-Modelle, um krankheitsbedingte Fehlzeiten auszugleichen.

Karrierefördernd ist das jedoch nicht. Vor allem für Frauen, denn in 91,5 Prozent der Fälle bleibt laut einer Studie der DAK die Mutter im Krankheitsfall beim Kind. Das geht nicht immer gut: Ein Sechstel aller zuvor angestellten Frauen bezeichnet sich laut Bundesagentur für Arbeit nach drei Jahren Elternzeit als arbeitssuchend - obwohl eine Kündigung in der Elternzeit eigentlich verboten ist. Vor allem in Führungspositionen sind häufigere Abwesenheiten nicht gern gesehen.

"Frauen in leitenden Positionen haben Schwierigkeiten"

"Tendenziell haben gerade hochqualifizierte Frauen in leitenden Positionen Schwierigkeiten, ihre Positionen mit Kind auszuüben", erklärt die Hamburger Karriereberaterin und Buchautorin Svenja Hofert. "Da stellen sich die Chefs quer. Aber es gibt natürlich branchenspezifische und verantwortungsspezifische Unterschiede. Im Medienbereich ist es besonders schlimm, im IT-Bereich deutlich entspannter, da herrscht mehr Nachfrage nach Fachkräften."

Anja Bachmann hofft, dass ihre Kollegen weiterhin kulant sind. Und dass ihr Sohn Leon bald nicht mehr ganz so oft krank wird. Spätestens mit Beginn der Schulzeit stabilisiert sich das Immunsystem der Kinder nämlich. Sie stecken sich seltener an. Dann ist Familie Bachmann voraussichtlich über den Berg.

© SZ vom 18.10.2014/jobr
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