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Studie:Jede achte Frau wird am Arbeitsplatz sexuell belästigt

  • Rund jeder elfte Beschäftigte in Deutschland ist einer Studie zufolge in den vergangenen drei Jahren im Job sexuell belästigt worden.
  • Am häufigsten kam es zu verbalen Belästigungen wie Sprüchen.
  • Der Untersuchung zufolge gehen die Übergriffe mehrheitlich von Männern aus.

Die Angestellte eines Unternehmens wird vom Meister über Textnachrichten zu privaten Treffen aufgefordert, er umarmt sie und streichelt ihr über die Haare. Seit sie sich an den Betriebsrat gewandt hat, wird sie in der Firma gemobbt. Sie sieht keine andere Wahl mehr, als den Arbeitsplatz zu verlassen. Das ist nur eines von vielen erschütternden Beispielen sexueller Belästigung am Arbeistplatz, die der Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Bernhard Franke, am Freitag in Berlin aufzählte.

Nach einer aktuellen Studie seiner Behörde hat jede elfte der 1531 befragten erwerbstätigen Personen in den vergangenen drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt, das entspricht neun Prozent. Frauen waren mit einem Anteil von 13 Prozent mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer. Jede achte Frau wurde Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

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Die Übergriffe reichen von sexualisierten Kommentaren und Witzen über belästigende Blicke und Gesten bis hin zu unerwünschten Berührungen und Entblößen vor dem Opfer. Vor allem Frauen in Führungsposition und in männertypischen und akademischen Berufen sind häufig betroffen. Fast ein Drittel der Frauen berichtet zudem, dass sie gleich zwei oder drei solcher Situationen erlebt hätten. In den meisten Fällen zeigt sich laut dem Antidiskriminierungsbeauftragten Franke ein klares Muster: Fast immer seien Männer die Täter und Frauen die Opfer. Fast immer gehe es um das Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen. Und in sehr vielen Fällen endeten die Vorfälle damit, dass die betroffenen Personen versetzt werden oder ihren Job verlieren - und nicht die Täter.

Sie waren in mehr als der Hälfte der Fälle Kunden, Patienten oder Klienten. Besonders stark betroffen sind das Gesundheits- und Sozialwesen sowie Dienstleistungsberufe. Bei 43 Prozent der angegeben Täter handelte es sich um Kolleginnen oder Kollegen.

"Jeder Fall ist einer zu viel", sagte Familienministerin Giffey

Trotz der fortschreitenden Gleichberechtigung und der "MeToo"-Debatte, die zu mehr Offenheit und Sensibilität geführt habe, mangele es in vielen Betrieben immer noch an Prävention und Beschwerdestrukturen, sagte Franke. Hinzu kommt, dass mehr als die Hälfte der Befragten laut der Studie nicht wissen, dass es in den Betrieben eine Beschwerdestelle für Diskriminierung und Belästigung gibt, die nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) für alle deutschen Betriebe verpflichtend ist. Entsprechend wenige Vorfälle werden zur Anzeige gebracht.

Nur 23 Prozent der Belästigten haben sich offiziell beschwert, den Rechtsweg hat nur ein einziges Opfer beschritten. Laut Studienleiterin Monika Schröttl sind die Betroffenen entweder mangelhaft informiert oder sie fürchten negative Folgen für ihr Berufsleben. Besonders abhängige und berufsunerfahrene Personengruppen wie Auszubildende und Praktikanten falle es besonders schwer, entsprechende Vorfälle zu melden. Die psychischen Folgen sexueller Belästigung sind indes schwer. So sagten fast 50 Prozent der Frauen, sie hätten sich dadurch mittel bis sehr stark erniedrigt und abgewertet gefühlt.

Im Zentrum der Studie steht auch die Frage, wie man Belästigungen am Arbeitsplatz verhindern kann. Eine Schlüsselrolle kommt Schröttle zufolge Menschen in Führungspositionen zu. Sie müssten Betroffene konsequent schützen und Verursacher zur Verantwortung ziehen. "Sie können durch die eigene Vorbildfunktion sexuelle Belästigung weitgehend verhindern und beenden." Unternehmen müssten mehr darauf achten, dass ihre Hilfsangebote möglichst anonym, qualifiziert und niedrigschwellig sind.

Außerdem fordert Schröttle, externe Anlaufstellen flächendeckend ausreichend finanziell auszustatten; auch über branchenbezogene Anlaufstellen müsse nachgedacht werden. Familienministerin Franziska Giffey (SPD) will die Ergebnisse aus der Studie zum Anlass zu nehmen, um weitere rechtliche Mittel auszuloten. "Jeder Fall ist einer zu viel", sagte sie. "Sexuelle Belästigung darf niemals als Kavaliersdelikt gelten."

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