bedeckt München 20°

Arbeitsmarkt:"Wichtig ist, zu erkennen, dass 'anders' nicht schlechter ist"

Wie stark diskriminiert wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab: "International operierende Großunternehmen haben dieses Problem eher nicht", sagt Scherr. Je kleiner das Unternehmen, desto größer sei die Gefahr von Diskriminierung. Das liege oft vor allem an fehlender Erfahrung - eine Art Teufelskreis des Nicht-Wissens. "Das Diskriminierungsrisiko sinkt massiv, wenn der Ausbildungsbetrieb oder der vorherige Arbeitgeber signalisiert, mit dem Mitarbeiter war alles in Ordnung", so Scherr.

All diese Faktoren haben gravierende Folgen im Arbeitsalltag. Julian Mayer wird zwar selten angepöbelt, auch offen angefeindet wurde er bisher nicht. Es sind eher subtile Dinge, Doppeldeutigkeiten - oder schlicht unangenehme Situationen. Immer wieder wurde er auf Dienstreisen mit Kunden und Geschäftspartnern als einziger am Flughafen ausführlich kontrolliert, teils in separaten Räumen. "Das fällt sehr negativ auf und trägt nicht dazu bei, dass man als ,normales' Mitglied der Gruppe gesehen wird", sagt er.

Bewerbung Frauen mit Kopftuch müssen viermal so viele Bewerbungen schreiben
Diskriminierung

Frauen mit Kopftuch müssen viermal so viele Bewerbungen schreiben

Eine Studie zeigt, dass Personaler lieber Frauen ohne Kopftuch zum Vorstellungsgespräch einladen. Auch der Name der Bewerberin spielt für die Unternehmen eine Rolle.

Vor allem in den vergangenen drei Jahren hat er den Eindruck, dass sich vieles zum Schlechteren verändert hat. Das ist nicht nur für den Einzelnen und die Gesellschaft problematisch, sondern ein wirtschaftliches Problem. Mayer erzählt von seiner besten Freundin, die Maschinenbau in Oxford studiert, und von anderen Kumpels, die Angebote aus dem Ausland haben. "Die gleichaltrigen Deutschen bleiben hier und ziehen aufs Land, meine Freunde mit Eltern aus dem Ausland gehen eher weg", sagt er. Dabei sei das Gefühl, weniger erwünscht zu sein als andere, nicht der Hauptgrund, "aber eine zusätzliche Komponente". Und selbst bei weniger hoch Qualifizierten hat es Auswirkungen: Wer wiederholt abgelehnt wird, resigniert und zieht sich zurück. Und gerät bei der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt ins Hintertreffen.

Doch was lässt sich tun gegen Diskriminierung? Immerhin: Wer diskriminiert wurde, kann sich seit 2006 an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) wenden. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz reicht nach Auffassung von Scherr nicht weit genug - zumal es für Betroffene schwer ist, Diskriminierung nachzuweisen. Zugelassen sind nur Individualklagen, die Chancen auf Erfolg eher schlecht. Scherr fordert deshalb zusätzlich öffentliche Kampagnen.

Viele Unternehmen versuchen bereits, gegenzusteuern - das ist auch dem Fachkräftemangel geschuldet. Vor elf Jahren wurde die "Charta der Vielfalt" ins Leben gerufen, mittlerweile haben mehr als 2700 Firmen unterzeichnet. Bei der Telekom beispielsweise gab es Versuche mit anonymen Bewerbungen. Zwar ist der Konzern davon abgekommen, aber das Unternehmen setzt auf persönliche Gespräche - um Vorurteile aufgrund von Namen oder Foto durch die Begegnung aufzulösen.

60 Prozent

Weit mehr als die Hälfte aller bayerischen Unternehmen fürchtet den Fachkräftemangel. Bei einer Umfrage der IHK für München und Oberbayern im Herbst dieses Jahres benannten bayerische Firmen die fehlenden Arbeitskräfte als eines der größten Geschäftsrisiken, vor dem sie im kommenden Jahr stehen werden. Noch sieben Jahre zuvor hatte nur knapp jedes dritte Unternehmen den Fachkräftemangel als ein Risiko angegeben. Das Thema hat in den Befragungen andere Probleme überholt. Arbeitskosten, wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie die Nachfrage im Inland gaben jeweils nur rund 40 Prozent der Unternehmer als ein mögliches Geschäftsrisiko an.

Zudem achten Unternehmen zunehmend darauf, ihre Mitarbeiter gezielt zu schulen. Alexander Reeb ist interkultureller Trainer in Göttingen. In Seminaren setzt er darauf, dass Teilnehmer ein Bewusstsein entwickeln: Was empfinde ich als fremd und warum? Wann fühle ich mich selbst fremd? Dabei geht es auch um das Verhalten von Bewerbern. Während eine deutsche Kandidatin Blickkontakt hält, schaut manch ausländischer Bewerber eher auf den Boden, weil das in seinem Kulturkreis als respektvoll gilt. "Wichtig ist, zu erkennen, dass 'anders' nicht schlechter ist", so Reeb.

Eine solche Herangehensweise ist aufwendig. Aber, so glaubt er, sie kann sich auch für einen Handwerksbetrieb lohnen, der sich neue Märkte oder Kundenkreise erschließen möchte. So ein Betrieb habe nichts gewonnen, wenn er einen Lehrling mit Migrationshintergrund einstellt, der aber die Ausbildung wegen zwischenmenschlicher Probleme dann nicht beendet. Ein interkulturelles Training sei da ein Investment ähnlich wie die Anschaffung einer neuen Maschine, so Reeb. Diese Erkenntnis haben immer mehr kleine Unternehmen. Und so wächst mit dem Fachkräftemangel die Bereitschaft, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund einzustellen, nicht zuletzt, weil Vielfalt im Zweifelsfall sogar gut für den Umsatz ist.

Aufwendig oder nicht, nötig ist es auf jeden Fall. Langfristig, glaubt Julian Mayer, wird er sonst nicht der Einzige sein, der seiner Heimat den Rücken kehrt. "Immerhin ist man im Ausland tatsächlich fremd. Das ist besser, als sich in vertrauter Umgebung fremd zu fühlen", sagt er.

bewerbung

Wie muss ein Bewerbungsschreiben aussehen? | Darf ich im Lebenslauf schummeln? | Was gilt es im Vorstellungsgespräch zu beachten? | Wie läuft ein Assessmentcenter ab? Der Bewerbungs-Ratgeber von SZ.de gibt Tipps.