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Arbeitsblockaden:Warum Aufschieben nicht weiterhilft

Jeder kennt das Problem: Keller oder Garage müssen entrümpelt werden. Allein: Es fehlt die Lust. Das ist eine Weile nicht so schlimm, sagt Psychologe Hans-Werner Rückert. Wenn man allerdings mehr aufschiebt als erledigt, zumal an der Uni oder im Job, kann es gefährlich werden.

Verena Wolff

Seit Wochen, Monaten und Jahren schieben viele Menschen wichtige Aufgaben vor sich her - und schaffen es einfach nicht, sie zu erledigen. Hans-Werner Rückert ist Diplompsychologe und Psychoanalytiker. Als Leiter der Studienberatung an der Freien Universität Berlin hat er schon vielen Jahrgängen von Aufschiebern dabei geholfen, endlich ihre Seminar-, Abschluss- oder Doktorarbeiten zu Ende zu bringen. 

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Süddeutsche.de: Warum schieben wir so gerne etwas auf?

Hans-Werner Rückert: Aufschieben ist eine allzu menschliche Angewohnheit, allerdings keine, auf die wir besonders stolz sind. Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig - ebenso wie die Art und Weise, wie wir damit umgehen. Das Problem der meisten Aufschieber allerdings ist immer dasselbe: Alles, was mit negativen Gefühlen belastet ist, wird verschoben. Und: Das Trägheitsprinzip gehört zu unserer Natur. Das bedeutet, dass wir Energie investieren müssen, um ein Vorhaben zu erledigen. Darüber allerdings denken wir lieber erst zwei Mal nach.

Wir sind also faul?

Nein. Mit Faulheit hat das Aufschieben nichts zu tun - denn wer faul ist, vermeidet Anstrengung im Allgemeinen. Wer aufschiebt, macht etwas anderes als er eigentlich machen sollte: Er macht also die Wohnung sauber, statt einen Bericht zu schreiben, der dringend abgegeben werden muss. Oder er spült ab, statt die Garage zu entrümpeln. Oft muss man ein Vorhaben aufschieben, weil man nicht gleich damit loslegen kann und erst umfangreich planen müsste: eine Weltreise zum Beispiel.

Aber das ist nicht der typische Grund, etwas aufzuschieben.

Oft sind beim Aufschieben bewusste oder unbewusste Widerstände und Konflikte im Spiel. Wir machen nichts, nur weil wir es uns vorgenommen haben. Wir machen etwas dann, wenn es zu mindestens 70 Prozent mit guten Gefühlen verbunden ist. Oft geht es darum, eine Beschädigung des Selbstwertgefühls abzuwehren. Wenn die großen Pläne final scheitern, kann das als übles Versagen erlebt werden. Wenn ich lieber von meinem Roman schwärme, an dem ich schon ewig arbeite, statt ihn fertigzuschreiben, ist das ein großes Versprechen. Zwar weiß jeder, dass es wahrscheinlich nichts wird mit dem Buch, dennoch erscheint eine vage Erwartung zu hegen positiver, als den Traum aufzugeben.

Sind wir Angsthasen?

Angst kann eine entscheidende Rolle beim Aufschieben spielen: Angst, sich mit einer schlechten Arbeit zu blamieren, beim Chef mit einem Vorhaben abzublitzen. Im Job kann es auch die Angst vor dem Erfolg sein. Wer hier eine gute Arbeit macht, könnte in die Ferne geschickt werden, um dort ein ähnliches Projekt zu realisieren. Wenn das mit Stress bei Familie und Freunden einhergeht, kann das als bedrohlich erlebt werden. Auch eine innere Kündigung, die Rebellion gegen die Arbeitssituation kann der Grund für Aufschieber sein: Sie verhalten sich aus Trotz so, fühlen sich nicht genügend beachtet und gelobt. Darum schieben sie die Arbeit vor sich her.

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