bedeckt München 17°

Arbeiten ohne Tageslicht:"Sieht doch alles ziemlich trostlos aus"

Bergarbeiter

Wer im Bergbau arbeitet, kann keinen Job mit frischer Luft und Sonnenschein erwarten. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, auch an die Dunkelheit. Mein Tag beginnt um halb vier Uhr morgens, weil ich Frühschicht arbeite und 80 Kilometer zu meinem Arbeitsplatz fahren muss. Seit dem Beginn des Zechensterbens Ende der Achtzigerjahre sind die Anfahrtswege für uns Bergarbeiter immer länger geworden. Um fünf Uhr geht's dann per Aufzug mit den Schichtkollegen runter in etwa 1000 Meter Tiefe. Bei der aktuellen Jahreszeit fahre ich also vom Dunkeln ins Dunkle - das ist ganz angenehm, da muss sich das Auge nicht umgewöhnen. Im Berg sind besonders die Hauptarbeitsplätze gut ausgeleuchtet, um die Arbeiter zu schützen. Mit dem Atmen gibt's auch keine Probleme, frische Luft wird durch den einen Schacht angesogen, verbrauchte Luft durch einen anderen rausgesaugt. Wenn wir in Strecken zu tun haben, die nicht durchschlägig sind, arbeiten wir mit speziellen Lüftern.

Natürlich ist der Job unter Tage nichts für jedermann. Aber durch die Dunkelheit, durch unseren von der Außenwelt abgeschotteten Arbeitsplatz, entsteht eine Gemeinschaft, die findet man sonst nirgends. Da steht jeder Kollege für den anderen ein, man fühlt sich wohl. Ich mache das seit mehr als 30 Jahren und würde es nicht anders haben wollen - auch wenn es nach der Schicht natürlich eine Weile dauert, bis man sich wieder an das Tageslicht gewöhnt hat. Das beißt erst mal ganz ordentlich in den Augen. Was im Berg fehlt: zeitliche Orientierung. Wenn ich keine Uhr trage, kann ich bis heute auf der Arbeit nicht einschätzen, wie lange ich schon unten bin. Ich kann mich ja nicht einfach mal nach der Sonne umdrehen.

Klofrau

Toiletten zu putzen, ist kein glamouröser Job, klar. Aber irgendwer muss es ja tun, und laut meinem Arbeitsvertrag bin ich: Reinigungskraft. Klingt besser als Klofrau. Ich arbeite in einem großen Kaufhaus, wo es nur auf einer Etage Toiletten gibt. Natürlich ganz oben, damit die Leute vorher einmal durch den ganzen Laden gehen müssen und vielleicht was kaufen. Zu den Toiletten führt dann ein langer Gang mit zwei Biegungen - Tageslicht aus dem Verkaufsbereich schafft es bis hierhin garantiert nicht. Vor den Eingangstüren zu Damen- und Herren-WC ist mein Platz, wenn ich nicht gerade in den Toiletten - die übrigens auch keine Fenster haben - zu tun habe. Ein Stuhl, ein Tisch, das war's. Immerhin sind wir ein Haus der gehobeneren Klasse, die Beleuchtung ist gut; nicht so schummrig, wie man es von anderswo kennt.

Aber es wäre schon viel netter, ein Fenster zu haben, wo man nicht nur die Sonne sehen, sondern auch mal ein bisschen frische Luft hereinlassen kann. Schade, dass das mit der neuen Verordnung nun wohl nichts wird und mein Arbeitgeber doch kein Fenster in der Nähe meines Platzes anbringen muss. Man hätte nur ein Loch in die Wand gegenüber von meinem Stuhl schlagen müssen, das wäre sogar eine Außenwand. Aber selbst wenn das Gesetz würde, bin ich mir sicher, dass mein Chef eine Möglichkeit fände, das zu umgehen. Keine Ahnung, ob sich ein Tisch und ein Stuhl vor den Toiletten überhaupt als Arbeitsplatz im rechtlichen Sinn definieren lässt.

Klofrau Klofrau in der Kundentoilette im Kaufhof am Alexanderplatz Berlin Mitte 05 05 2001

Reinigungskraft in einem Berliner Kaufhaus

(Foto: Rolf Zöllner/Imago)

Verkäuferin

Tagtäglich könnte ich so auf keinen Fall arbeiten. Ich bin in Teilzeit als Verkäuferin in einem Laden unter dem Münchner Karlsplatz/Stachus beschäftigt. Hier gibt es kein Tageslicht, kann es wegen der unterirdischen Lage natürlich auch nicht geben - und zur nächsten Rolltreppe haben wir von unserem Geschäft aus keine freie Sicht. Mir persönlich schlägt das immer gleiche künstliche Licht an einem acht-, auch mal neunstündigen Arbeitstag schon sehr aufs Gemüt. Immer sieht alles gleich aus, egal, ob es über unseren Köpfen regnet, hagelt oder ob draußen bei 30 Grad die Sonne scheint. Immerhin: Die Temperatur und Luftqualität sind wegen der nach dem Umbau noch sehr neuen Lüftungsanlage meist angenehm. Wenn wir zu zweit im Laden sind, achten wir trotzdem sehr darauf, im Wechsel regelmäßig für ein paar Minuten nach draußen zu gehen.

Ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass so ein Geschäft in einer Passage wie hier für Käufer sonderlich anziehend wirkt. Sieht doch alles ziemlich trostlos aus - ich würde da immer den Bummel auf der Einkaufsmeile im Freien vorziehen. Oder bei schlechtem Wetter in ein Einkaufszentrum fahren. Jedenfalls irgendwohin, wo nicht alles so grau und künstlich aussieht und man ab und zu ein Stück Himmel zu sehen bekommt.

© SZ vom 03.03.2015/mkoh
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema