Arbeiten mit Handicap:Arbeiten auf Probe mit "Budget für Arbeit"

Johannes Köhn ist Geschäftsführer der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen (LAG Hamburg). "Die Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt stärker zu unterstützen, ist für die Werkstätten gar nicht attraktiv", sagt er. "Dadurch verlieren sie ja ihre besten Mitarbeiter und schaffen ihre Stückzahlen nicht mehr. So wie die Werkstätten heute aufgestellt sind, fördern sie sicher nicht den Auftrag der Behindertenrechtskonvention."

Es gibt verschiedene Ansätze, um Menschen mit Behinderungen besser in die Arbeitswelt zu integrieren. In staatlich geförderten Integrationsunternehmen muss der Anteil der Schwerbehinderten zwischen 25 und 50 Prozent liegen. Derzeit sind ungefähr 11 000 Menschen mit Behinderungen in solchen Firmen angestellt. Sie erhalten Tarif- oder Mindestlohn, können allerdings - anders als in den Werkstätten - auch abgemahnt und gekündigt werden.

Martin Klein, Professor für Sozialwesen an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, hält das Modell für sehr erfolgreich. Ein Problem sei allerdings, dass die Förderung von Integrationsunternehmen von den Einnahmen abhängt, die die Bundesländer aus der Ausgleichsabgabe erhalten - also dem Geld, mit dem sich Unternehmen von der Verpflichtung loskaufen, die vorgeschriebene Zahl schwerbehinderter Mitarbeiter zu beschäftigen. In einigen Bundesländern sind diese Einnahmen nur gering. "Wenn Inklusion wirklich ernst genommen würde, müsste nach neuen Möglichkeiten gesucht werden, mehr Integrationsunternehmen zu fördern", sagt Klein.

Neue Wege aus der Werkstatt soll das individuelle "Budget für Arbeit" nach dem Bundesteilhabegesetz öffnen, das vom kommenden Jahr an jedem Werkstattbeschäftigten in Deutschland zusteht. Es ermöglicht dauerhafte hohe Lohnkostenzuschüsse für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welche die geringere Arbeitsleistung ausgleichen sollen. Wer die Anforderungen nicht erfüllt, kann auf seine alte Stelle in der Werkstatt zurückkehren.

Großbritannien hat Behindertenwerkstätten abgeschafft

In acht Bundesländern wird das Budget für Arbeit schon erprobt. Dass Behindertenwerkstätten schon bald überflüssig werden, hält Martin Klein allerdings für ausgeschlossen. "Die Inklusionsidee ist grundsätzlich richtig. Aber aufgrund der Erfahrungen, wie Inklusion bislang in den Schulen umgesetzt wurde, ist die Sorge berechtigt, dass das letztlich zu organisierter Verantwortungslosigkeit führt", warnt der Professor.

Auch Johannes Köhn von der LAG Hamburg ist gegen Forderungen nach einer radikalen Abschaffung der Werkstätten. Die möglichen Folgen lassen sich in Großbritannien besichtigen: 2013 wurden dort der Inklusion zuliebe die letzten Behindertenwerkstätten geschlossen. Heute ist die Hälfte der früheren Beschäftigten arbeitslos.

© SZ vom 16.09.2017/lho
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