Süddeutsche Zeitung

Arbeiten in der Pharmabranche:Gesucht: Naturwissenschaftler plus

Berufseinsteiger verdienen bei Bayer und Co. schon mal 50.000 Euro. Aber Traumkandidaten sind rar, denn gefragt sind nicht die Fachidioten.

Berufseinsteiger in der Pharmabranche sollten vor allem eines nicht haben: eine Zahlenphobie. Wenigstens einen Hauch wirtschaftlichen Verständnisses sollten Anwärter mitbringen. "Unser Traumkandidat ist ein exzellenter Naturwissenschaftler mit sehr guten Kenntnissen in der Betriebswirtschaft und im Finanzwesen", skizziert Gerhard Tschentscher das Idealprofil. Er muss es wissen als Personalleiter bei Pfizer. "Doch diese Kandidaten sind extrem rar, da die meisten Studiengänge diese Kombination nicht vorsehen. Eine Ausnahme bildet da der Wirtschaftsingenieur."

Auch wenn es auf den ersten Blick irritiert, dass Medizinern ein bisschen BWL nicht schaden soll, wird schnell klar, warum: Die Fachkräfte steigen rasch in Führungspositionen auf und entscheiden da über Märkte, neue Produkte, Standorte. Und: In dieser Branche geht es immer um viel Geld, denn jede Investition in die Neuentwicklung eines Präparates ist ein hohes Risiko.

So kommt es, dass der Weg ins Pharmageschäft besonders hellen und vielseitig interessierten Köpfen vorbehalten ist. Bei Schering in Berlin formuliert man das so: "Wir sind nun mal in der Lage, nur die besten der Besten auszuwählen. Uns interessieren eher Absolventen mit einem sehr guten als mit einem guten Abschluss", sagt Personalreferentin Gabriele Liebmann. Das heißt auch: Auslandserfahrung und eine Promotion sind bei Akademikern ein Muss.

Wenig anders klingt das in den Personalabteilungen von Aventis bis Merck. Landauf landab macht sich noch ein weiterer Trend bemerkbar: Betriebswirte sind auf dem Vormarsch. "Seit etwa zwei Jahren ist speziell der Bedarf an Wirtschaftswissenschaftlern stark gestiegen, die etwa in den Bereichen Controlling, Finanzen und Steuern eingesetzt werden", so Dirk Pfenning, Personaler bei Bayer.

Fast scheint es, dass die Jobs in Forschung und Entwicklung für Biochemiker, Pharmazeuten und Mediziner eine nachgeordnete Rolle spielen. Verantwortlich dafür macht der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) die strenge Gesetzgebung in Deutschland und Europa, die die ohnehin international aufgestellten Unternehmen im außereuropäischen Ausland forschen lässt. Folge: Vor allem Vertrieb, Marketing und klinische Erprobung nach der Zulassung von Medikamenten spielen an den deutschen Standorten eine Rolle.

Harte Konkurrenz

Das wiederum bedeutet, dass vor allem Pharmaberater gesucht werden. Bislang war das ein Feld für Kandidaten mit Mittlerer Reife und für Abiturienten, die sich das Mühsal Studium ersparen wollten. Ein Blick in die Jobbörsen zeigt, dass diese Gruppe unverändert gute Chancen hat, vorausgesetzt das Zeugnis ist makellos, vor allem in Chemie, Biologie, Physik und Mathematik.

Neu ist aber, dass den Schulabgängern zunehmend eine harte Konkurrenz erwächst: "In diesem wichtigen Bereich sind die Einstiegschancen für Hochschulabsolventen sehr gut. Allerdings ist das Bewerberangebot sehr schwach, da vielen Naturwissenschaftlern eine Verkaufstätigkeit wenig attraktiv erscheint, und es ihnen abgesehen davon an entsprechenden Fähigkeiten mangelt", so Tschentscher. Zu erwarten ist, dass künftig Azubis im Außendienst weniger zum Zuge kommen werden.

Gesucht: Naturwissenschaftler plus

Freundlich bleiben die Aussichten für pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA), die vor allem an der Herstellung, Prüfung und Abgabe von Arzneimitteln mitwirken. Während sie zwar weniger in Apotheken unterkommen, fragen Industrie und medizinische Labors stärker nach, so dass die Beschäftigtenzahl nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarktforschung kontinuierlich von 42.745 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Jahr 1999 auf 50.031 im Jahr 2003 angestiegen ist.

Auch hier finden sich immer mehr ausgebildete Kräfte, die als Pharmaberater arbeiten, was wohl auch mit dem PTA-Gehalt zusammenhängt: Im ersten und zweiten Berufsjahr liegt das übliche Monatssalär nach Angaben der Pharma Currentis GmbH bei 1537 Euro, ab dem 15. Berufsjahr sind 2041 Euro üblich.

50.000 Euro für Berufseinsteiger

Deutlich üppiger fallen die Bezüge für Akademiker aus. Bei Pfizer kann ein Trainee ein Jahresgehalt von 35.000 bis 45.000 Euro erwarten; Direkteinsteiger liegen zum Teil bei 50.000 Euro. Bei Bayer bekommen Promovierte 53.000 Euro, bei Roche etwa 55.000 Euro.

Das sind Größenordnungen, bei denen viele vom Krankenhausalltag und vergleichsweise niedrigen Einstiegsgehältern frustrierte Jungmediziner ins Grübeln geraten. Kein Wunder, dass sie sich zunehmend in der Pharmaindustrie umsehen. Dort sind sie gern gesehen - vorausgesetzt, ihnen stellen sich bei der Verbindung Medizin und Marketing, Schmerzmittel und Saldo sowie Wundheilung und Wirtschaftlichkeit nicht die Nackenhaare auf.

Klassischerweise gelingt der Einstieg über ein Trainee-Programm, das bei Pfizer zum Beispiel 15 bis 24 Monate dauert. Neben fachlicher Fitness werden unisono folgende Fähigkeiten verlangt: analytisches Denken, ausgeprägtes Kommunikationsvermögen, Teamfähigkeit, sehr gutes Englisch, ein hohes Maß an Eigeninitiative, praktische Erfahrungen, möglichst im Ausland.

Chance für Exoten

Bayer wird in den kommenden vier Jahren mindestens 400 Hochschulabsolventen in Deutschland einstellen; im laufenden Jahr werden etwa 130 Absolventen einsteigen. Bei Boehringer Ingelheim werden in diesem Jahr zwischen 70 und 80 Nachwuchskräfte eingestellt. Auch Exoten, wie Biostatistiker, Biopharmazeuten und Maschinenbauer.

Allerdings verschiebt sich hier langsam ein Einstellungskriterium, was Jungakademiker betrüben dürfte: "Wir schauen immer stärker nach Kräften, die schon erste Erfahrungen in der Pharmaindustrie gesammelt haben. Das heißt, der Fokus verschiebt sich von Hochschulabsolventen hin zu Young Professionals", erklärt Manfred Hund, Leiter des Hochschulmarketings bei Boehringer Ingelheim.

Auch daran zeigt sich, dass der Druck in der Branche zugenommen hat. Die Kostenpolitik der Krankenkassen hinterlässt Spuren. Generika und die Gesundheitsreform machen den Branchenriesen das Leben schwer. Da verwundert es nicht, wenn Hund sagt: "Wir haben einfach zu wenig Zeit, Absolventen on the job praxistauglich zu machen."

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Quelle:
SZ vom 13.11.2004
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