bedeckt München 27°

Arbeiten im Alter:Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Die Kinder brauchen finanzielle Unterstützung, der kranke Ehepartner muss gepflegt werden und die eigene Rente reicht gerade mal zum Überleben. Wie ist es, wenn man im Alter weiterarbeiten muss, weil sonst das Geld nicht reicht? Die Geschichte einer Wuppertaler Leierkastenfrau.

Natürlich müssen Leierkastenspieler alt sein, sonst wären sie ja keine richtigen Leierkastenspieler, diese Logik hatte einem schon als Kind eingeleuchtet. Da war dieser Mann mit der Schiebermütze, der im Hamburger Hafen seine Seemannslieder orgelte und so uralt aussah, als wäre er nie jung gewesen. Oder die Dame in Montmartre, die ihre Chansons mit einer Stimme durch Paris schickte, wie sie so nur in 100 Jahren verwittern konnte. So einfach war das damals, und nie fragte man sich, warum die da eigentlich noch standen, in dem Alter, bei dem Wetter.

Im Alter die Hände endlich in den Schoß zu legen - das geht für Rentner wie Ingrid Patzer nicht. Weil das Geld nicht reicht, ist die Leierkastenfrau auch auf das angewiesen, was man ihr in den Klingelbeutel wirft.

Es ist ein verregneter Augusttag in Wuppertal, ein Sommer so grau wie die Stadt, aber Ingrid Patzer hat trotzdem an ihrem Stammplatz in der Fußgängerzone Stellung bezogen. "Komm, komm, komm mein Schatz, nimm an meiner Seite Platz", singt sie und schunkelt und kurbelt, so kennen sie die Leute hier seit Jahren. Keiner scheint sich zu wundern, dass die alte Dame nicht langsam aus dem Stadtbild verschwindet. Weil Frau Patzer Leierkasten spielt, muss sie alt sein, so gehört sich das eben.

Daran, dass auch der Umkehrschluss zutrifft, denken wohl die wenigsten: Weil Frau Patzer alt ist, muss sie Leierkasten spielen. Die paar Euro, die Passanten dafür in die kleine, hohle Porzellangans auf ihrer Drehorgel werfen, braucht sie zum Leben. Mit ihrer Rente allein würde es eng. "Ich bekomm' ungefähr einen Tausender", sagt Ingrid Patzer später, davon müsse sie Miete, Versicherungen, Essen und ihr altes Auto bezahlen. "Da ist am Monatsende Ebbe."

So wie der früheren Altenpflegerin Ingrid Patzer geht es immer mehr Rentnern in Deutschland: Sie sind gezwungen, aus Armut zu arbeiten. So jedenfalls interpretieren Gewerkschaften und Sozialverbände neue Zahlen des Bundesarbeitsministeriums, wonach im vergangenen Jahr 660 000 Rentner einer geringfügigen Beschäftigung nachgingen, fast 250 000 mehr als zehn Jahre zuvor. Ein Anstieg um 57 Prozent.

Für Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK, sind diese offiziell gemeldeten Mini-Jobber erst der Anfang. "Wer sich unter der Hand mit kleinen Putz- oder Gärtnerarbeiten etwas dazuverdienen muss, ist gar nicht erst erfasst", sagt sie. Für sie lassen die Zahlen keinen Zweifel zu: "Die Altersarmut ist auf dem Vormarsch."

Im Arbeitsministerium sieht man das entspannter: Parallel zur Zahl der arbeitenden Rentner sei die Zahl der Rentner insgesamt gewachsen. Man habe es also bloß mit einer statistischen Logik zu tun. Zudem seien die fleißigen Senioren oft gar nicht arm, sondern fühlten sich nur zu fit, um sich ganz aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen. Um diese Aussage zu verstehen, um also die ganze Bandbreite der Gründe kennenzulernen, aus denen Rentner in Deutschland weiterarbeiten, lohnt es sich, nach dem Besuch bei Frau Patzer nach Hamburg zu reisen. Dort arbeitet der Apotheker Herbert Nolte, 69 Jahre alt.

  • Themen in diesem Artikel: