Arbeiten an der Hochschule Wissenschaft zum Nulltarif

Sie arbeiten für 0 bis 400 Euro pro Semester - ohne Vertrag, ohne Sozialversicherung, ohne Lohnzettel. Jetzt wehren sich die Lehrbeauftragten der Münchner Hochschulen.

Von Martin Thurau

Irgendwann fällt das Wort "Sklave". Kein sehr freundlicher Begriff, und um ihn zur Selbstbeschreibung zu wählen, braucht man schon eine gehörige Portion Sarkasmus. Oder Unmut. Den jedenfalls demonstrieren die Redner reichlich an diesem Abend in der Universität München (LMU). Fast "zum Nulltarif" müssten sie ihre Seminare halten, klagen die Lehrbeauftragten der Hochschule. Sie bekämen dafür "zwischen 0 und 400 Euro" im Semester, keine auch nur im Entferntesten angemessene Bezahlung. Hunderte von Nachwuchswissenschaftlern seien so in die Lehre eingespannt, sagt der Ethnologe Magnus Treiber, "ohne Arbeitsvertrag, ohne Lohnzettel, ohne Sozialversicherung". Jetzt will eine Initiative an der LMU den Protest organisieren. Am Anfang steht der Diskussionsabend über "prekäre Karrieren für die Elite-Universität".

Lehren zu Sätzen, die man sonst nur bei un- und angelernten Arbeitern kennt: Nachwuchswissenschaftler.

(Foto: Foto: photodisc)

Mehr als 1000 Lehraufträge vergibt die LMU Semester für Semester. Meist befinden sich die jungen Kräfte in der Phase der Promotion oder Habilitation, halten sich mit fachfremden Brotjobs über Wasser und hoffen ansonsten auf den regulären Einstieg in den akademischen Apparat - als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Assistent oder Juniorprofessor. "Wir brauchen die Lehrerfahrung für unsere berufliche Qualifikation", sagt Treiber. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite sind die Nachwuchskräfte mehr als nur eine wesentliche Stütze in der Lehre. Beispiel Ethnologie: Nur noch vier Professoren betreuen rund 1300 Studenten, bald werden es nur noch drei sein, sagt Institutsleiter Matthias Laubscher. Weitere Posten im Mittelbau der akademischen Mitarbeiter und Stellen, die über Drittmittel finanziert waren, sind ebenfalls weggefallen. "Wir sind auf die Lehrbeauftragten unmittelbar angewiesen", so Laubscher, sonst könnten die Studenten nur doch die Basics hören, nicht aber das Neue, das Spannende von den Rändern der Teildisziplinen.

Die Fakultät für Kulturwissenschaften habe für ihre mehr als 60 Lehrbeauftragten einen Etat von nur 18.000 Euro pro Semester, sagt der Dekan, der Indologe Jens-Uwe Hartmann. Zehn Euro pro Stunde zahlt die Fakultät, nicht angerechnet werden dabei die Stunden für Vor- und Nachbereitung. Solche Sätze kenne man sonst nur bei un- und angelernten Arbeitern, kommentiert Verdi-Funktionärin Barbara Zahn. Auch Hartmann beklagt sich, dass er zur "absoluten Mängelverwaltung" gezwungen werde.

Es sei völlig klar, dass die Bezahlung "außerordentlich bescheiden, um nicht zu sagen erbärmlich" sei, räumt auch LMU-Rektor Bernd Huber auf Anfrage der SZ ein. Die Universität habe nur ein sehr begrenztes Budget zur Verfügung. Sie sei aber daran interessiert, einerseits das Lehrangebot zu verbreitern und andererseits möglichst vielen jungen Wissenschaftlern zu ermöglichen, über Lehraufträge Qualifikationen zu erwerben. Er sehe wenig Möglichkeiten für die LMU, an der Lage etwas zu ändern, sagt Huber. An einem solchen Beispiel werde einmal mehr manifest, wie "chronisch unterfinanziert" die Hochschulen seien.

Auch an der Fachhochschule (FH) München, spielen Lehrbeauftragte eine wesentliche Rolle, schon weil der FH der Mittelbau fehlt. 750 Lehrbeauftragte decken dort bis zu 20 Prozent der Lehre ab. "Wir brauchen sie zur Vernetzung mit der Wirtschaft, und wir sichern damit den Praxisbezug der Ausbildung", sagt FH-Sprecherin Christina Kaufmann. Die Kräfte erhielten eine "ideelle Zuwendung", anders als an der LMU und deren Geisteswissenschaften seien sie aber meist Mitarbeiter von Industrieunternehmen. Ähnlich dürfte es an der Technischen Universität München liegen.

Wie sich die Lage entschärfen ließe, weiß keiner so recht. "Ich bin ratlos", gesteht Institutschef Laubscher. "Wir können nur als Bettler auftreten". Das Wissenschaftsministerium spricht angesichts steigender Studentenzahlen von einem insgesamt wachsenden Finanzbedarf der Hochschulen, spielt den Ball ansonsten aber zurück an die Universitäten: Sie legten die Vergütung von Lehraufträgen fest, für die es im Übrigen Regelsätze "zwischen 21 und 50,50 Euro" pro Stunde gebe.

In der LMU-Ethnologie droht der Unmut indes in den Mut der Verzweiflung umzuschlagen. Dort denken die Lehrbeauftragen laut darüber nach, im Sommersemester keine Lehraufträge zu übernehmen.