Arbeit Neugier wird belohnt

Ein Praktikum ist eine Orientierungshilfe bei der Berufswahl - und manchmal auch die Eintrittskarte für den ersten Job.

Von Sabine Hense-Ferch

(SZ vom 6.4.2001) Wer sechs Wochen lang Kaffee kocht und am Kopierer steht, macht irgendetwas falsch. Ein Praktikum ist die beste Möglichkeit, als Student den Berufsalltag kennen zu lernen, ohne gleich eine langfristige Verpflichtung einzugehen. Hinter vielen Praktika verbirgt sich zudem ein potenzieller Arbeitsplatz. Allein bei den top twenty der deutschen Unternehmen sind jedes Jahr rund 6000 Praktika zu vergeben. Und 60 Prozent der Absolventen, so eine Bilanz des Instituts "Student und Arbeitsmarkt" an der Münchner Uni, finden ihren ersten Job bei einem früheren Praktikumsbetrieb.

"Ich kann jedem jungen Menschen nur raten, mindestens zwei bis drei Praktika zu machen", sagt Ute Neuschäfer, Referatsleiterin bei der Allianz-Versicherung. "Und das so früh wie möglich, am besten schon in der Zeit zwischen Abitur und Studienbeginn, auf jeden Fall aber im Grundstudium, damit man die Schwerpunkte im Studium noch verändern kann. " Denn nur wer wisse, was ihn im Arbeitsleben erwarte, könne sich für das richtige Fach oder die passende Berufsausbildung entscheiden. Wie aber findet man eine Praktikumsstelle, bei der man nicht nur den Laufburschen spielt oder als Mädchen für alles die Wurfsendungen eintütet?

Heißer Draht

"Umhören, Kommilitonen fragen, Professoren fragen - die kennen oft Betriebe, weil in vielen Fachrichtungen Pflichtpraktika absolviert werden müssen", meint Ute Neuschäfer. "Und vorher das ausgewählte Unternehmen zwei- bis dreimal besuchen. Nur so bekommt man ein Gespür für das Betriebsklima. " Selbst wenn einen das Gefühl beschleiche, dass man nur Arbeiten erledigen solle, die sonst keiner übernehmen will, sei es dennoch eine wichtige Erfahrung: "Nämlich, wie es im Betrieb zugeht, wie man sich verhält, sich kleidet, wie wichtig Pünktlichkeit ist, wie man spricht und kleine Netzwerke knüpft - und sei es nur der heiße Draht zur Sekretärin. "

Auch Hans Bernd Fischer, der als Abteilungsleiter bei Siemens in München häufig mit Praktikanten zu tun hat, ist überzeugt: "Ein Unternehmen rechtzeitig von innen kennen zu lernen, ist eine wichtige Entscheidungshilfe für die spätere Berufswahl. " Wer noch gar nicht weiß, wohin die Reise gehen soll, kann das Praktikum nutzen, um eine Branche kennen zu lernen. Dafür reicht auch eine Testphase von drei Wochen. Anfänger sollten sich aber keine Illusionen machen: In dieser kurzen Zeit wird es gerade mal gelingen, einem Profi über die Schulter zu schauen. Um einen Praktikanten in eine sinnvolle Aufgabe einzuweisen, braucht ein Betrieb mindestens sechs Wochen. Erst dann kann auch er vom Praktikanteneinsatz profitieren.

Ute Neuschäfer weiß den Wert engagierter junger Leute zu schätzen. Vor einigen Jahren hat sie die Konzeption der Festplatten-Organisation von 2000 Computern mit nur zehn Praktikanten in einem halben Jahr bewältigt. "Seitdem arbeite ich regelmäßig und gern mit Praktikanten", so die Referatsleiterin. "Wichtig ist allerdings, dass sie drei Monate bleiben. " So lange dauere es in der Regel, bis sie sich eingewöhnt hätten. Dann brächten sie zum Teil außergewöhnliche Leistungen, entwickelten Organisationstalent und seien vielseitig einsetzbar.

Neue Impulse

Gute Erfahrungen mit Praktikanten hat auch Gerd Koslowski von der Bertelsmann AG gemacht. In seinem Referat bleiben die Studenten normalerweise drei Monate und arbeiten an Rede-Entwürfen mit, recherchieren für Publikationen, beschaffen Material aus Archiven, Bibliotheken oder dem Internet. Dafür gibt es 900 Mark pro Monat und die Möglichkeit, eigene Beiträge zu Projekten zu leisten. "Dafür erwarten wir aber auch eine gewisse Selbständigkeit, eine gute Schreibe, englische Sprachkenntnisse und die Fähigkeit, mit Computer und Internet umgehen zu können", sagt Koslowski.

Firmen erhoffen sich von Praktikanten in der Regel, dass sie neugierig und aufgeschlossen sind und Impulse geben, wo langjährige Mitarbeiter längst betriebsblind geworden sind. "Wenn man dem Praktikanten Vertrauen entgegenbringt und ihm auch etwas zutraut, dann kommt meist auch viel Engagement zurück", sagt Fischer. Dabei kommt es nicht auf die Größe und das Renommee der Firma an. Die Chancen, als Praktikant einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, sind oft größer, je kleiner der Betrieb ist. "Bei einem mittelständischen Unternehmen ist man vielleicht der erste Praktikant in einer Abteilung und nicht die Nummer 100. Man wird schneller in Arbeitsabläufe eingebunden, weil es häufig sowieso an Personal mangelt", sagt Margret Sitzler vom Bildungsservice der Handelskammer Hamburg.

Viele Firmen rekrutieren aus dem Pool ihrer Praktikanten auch den Führungskräftenachwuchs. "Wer schon Praktika absolviert hat oder als Werkstudent gearbeitet hat, braucht erfahrungsgemäß eine kürzere Einarbeitungszeit und ist nicht erst nach sechs Monaten ein Mitarbeiter, der die volle Produktivität bringt", so Neuschäfer.

Auch Hans Bernd Fischer kennt mehrere junge Leute, die als Schüler mit einem ersten Schnupperpraktikum die Firma kennen lernten, später als Werkstudenten wieder kamen und nach dem Studium sofort einen festen Vertrag erhielten. "Studenten binden sich heute viel früher an ein Unternehmen. Viele stehen dem Arbeitsmarkt nach der Uni gar nicht erst zur Verfügung", sagt Fischer, "weil sie gleich zu dem Unternehmen gehen, das sie durch verschiedene Praktika kennen. "