Süddeutsche Zeitung

Überqualifiziert:"Die Barrieren für einen Wechsel werden immer größer"

Wer zu lange in einer unpassenden Position verharrt, wird unter Umständen ausgebremst. Das trifft vor allem Frauen, sagt die Sozialwissenschaftlerin Carola Burkert.

Interview von Sigrid Rautenberg

Carola Burkert ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Zusammen mit Peter Schaade veröffentlichte sie Mitte des Jahres die Studie "Adäquat beschäftigt? Formale Überqualifizierung von Beschäftigten in Hessen".

SZ: Was ist so schlimm daran, überqualifiziert beschäftigt zu sein?

Carola Burkert: Ich würde das gar nicht bewerten. Häufig ist das auch nur ein vorübergehendes Phänomen in einer bestimmten Lebensphase und hat praktische Gründe. Wenn jemand ein Haus besitzt und ihm der kurze Weg zur Arbeit wichtig ist oder die junge Mutter keine adäquate Teilzeittätigkeit findet, nehmen er oder sie das schon mal in Kauf. Auch kann die Suche nach einer ausbildungsfremden Tätigkeit eine Strategie sein, um aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen.

Warum leiden überqualifizierte Arbeitnehmer dann oft unter ihrer Situation?

Wir haben nicht untersucht, ob jemand leidet - aber die entscheidende Frage ist immer, ob jemand freiwillig oder unfreiwillig in der Situation ist. Allerdings tritt nach einer Weile der sogenannte Lock-in-Effekt auf - die Barrieren für einen Wechsel werden immer größer.

Wer ist am häufigsten formal überqualifiziert?

Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Das liegt aber auch an den ausgeübten Berufen. So arbeiten etwa mehr Frauen als Männer in den Reinigungsberufen. Viele von ihnen haben eine Berufsausbildung, üben dort aber nur Helfertätigkeiten aus, für die sie eigentlich keine Ausbildung bräuchten. Aber auch Akademikerinnen arbeiten häufiger als Akademiker nicht ihrer Ausbildung entsprechend. Prinzipiell sind jüngere Arbeitnehmer bis etwa 50 Jahre häufiger überqualifiziert, vor allem Frauen in der Phase nach einer Familienzeit. Auch bei Ausländern ist der Anteil höher, weil beispielsweise ihr im Ausland erworbener Berufsabschluss hier nicht anerkannt wird.

Welche Faktoren spielen darüber hinaus eine Rolle?

Je nach Region kann es große Unterschiede geben - in Abhängigkeit von der Wirtschaftsstruktur, ob die Wirtschaft gut läuft, den Verdienstmöglichkeiten und dem Bildungsstand. In Regionen, die einem Strukturwandel ausgesetzt sind, ist der Anteil Überqualifizierter höher, vor allem, wenn die Menschen keine langen Arbeitswege auf sich nehmen können oder wollen. Allerdings können sich Nachfrage und Angebot nach bestimmten Qualifikationen durch Strukturwandel oder auch zunehmende Digitalisierung schnell ändern. Dann könnten bisher adäquat Beschäftigte erwerbslos werden und in ihrer Region kaum noch passende Stellen finden.

Welche Berufe oder Branchen betrifft das am meisten?

Auffallend ist, dass in der Land- und Forstwirtschaft mit ihren vielen Helfertätigkeiten mehr als jeder Dritte formal überqualifiziert arbeitet. Aber ebenso viele auch im Bereich Finanz- und Versicherungsdienstleistungen: Wo früher ein Bank- oder Versicherungskaufmann genügt hat, macht heute ein Hochschulabsolvent den Job. Sehr gering ist der Anteil dagegen in der Öffentlichen Verwaltung mit ihren formellen Kriterien sowie im Baugewerbe und Handel.

Welche Rolle spielt die formale Qualifikation heute überhaupt noch? Ist der Arbeitsmarkt nicht durchlässiger geworden?

Abschlüsse und Qualifikationen sind nach wie vor enorm wichtig. Wir haben in Deutschland immer noch einen beruflich zertifizierten Arbeitsmarkt. Ohne Schulabschluss oder Ausbildung gelingt schon der Einstieg in den Arbeitsmarkt kaum. Auch für Jobwechsel sind Zertifikate wichtig. Aber sie verlieren an Bedeutung, je länger man dabei ist. Und natürlich ist mit höheren Qualifikationen die Wahrscheinlichkeit für eine Erwerbstätigkeit, höhere Bezahlung und Arbeitsplatzsicherheit auch größer. Bildung schützt vor Arbeitslosigkeit.

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Quelle:
SZ vom 26.09.2020
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