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Die App-Entwicklerin:"Boss zu sein, war von klein auf mein großer Traum"

Piktograme sind eine universelle Sprache - und für alle einfach zu verstehen.

(Foto: NEYB'S; Zeichnung: Hafida Guebli; Bearbeitung: SZ.de)

Als Kind musste Hafida Guebli oft übersetzen und vermitteln. Ihre Eltern können weder lesen noch schreiben, ihr Vater ist taub. Daraus entstand eine Idee für eine Bildersprache, die heute auch Migranten hilft.

Protokoll von Ekaterina Kel

"Wenn man als junge Frau aus den Pariser Banlieues eine Geschäftsidee hat, ist nicht das fehlende Geld am schlimmsten, sondern das fehlende Selbstbewusstsein. Viele haben nicht den Mut zu sagen: 'So, ich mach das jetzt!'

Ich wollte immer ein Unternehmen gründen; Boss zu sein, war von klein auf mein großer Traum. Mit 23 eröffnete ich mein eigenes Café. Es lief gut, doch nach der Geiselnahme in einem Supermarkt in Paris vor dreieinhalb Jahren musste ich schließen, da es in direkter Nähe zum Tatort lag und die Gäste ausblieben. Der Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen, trieb mich weiter. Außerdem wollte ich Menschen helfen, miteinander ins Gespräch zu kommen - und zwar in einer für jeden verständlichen Sprache.

Aus der Serie "Meine Karriere"

In "Meine Karriere" stellt die PLAN W-Redaktion regelmäßig Frauen und ihren Berufsweg vor. Ob Gründerin, Managerin oder Abenteurerin: Viele Frauen nehmen Hürden, setzen sich neue Ziele und wagen den Neubeginn - und wir berichten davon. Sie wollen selbst eine Frau vorschlagen? Dann schreiben Sie uns gerne an planw@sueddeutsche.de

Die Idee für mein Start-up kam nicht von ungefähr: Meine Eltern kommen aus Marokko, ich bin mit fünf Geschwistern in einer Sozialwohnung aufgewachsen. Meine Mutter und mein Vater können nicht lesen und schreiben, mein Vater ist taub. Seit ich klein war, habe ich alles für sie übersetzt und die Kommunikation mit Behörden übernommen. Eines wusste ich deshalb: Piktogramme sind für alle einfach zu verstehen, sie sind eine universelle Sprache. Ich dachte mir, dass sie auch bei der Kommunikation in den großen Häuserkomplexen der Banlieues helfen könnten, denn da läuft im Alltag viel schief. Oft können Mieter dem Vermieter nicht klarmachen, dass die Toilette kaputt ist oder die Schließanlage nicht funktioniert. Und er kann ihnen die Haus regeln nicht vermitteln, weil sie nicht dieselbe Sprache sprechen. Mit einer App wollte ich den Menschen in einem Wohnblock helfen, miteinander zu kommunizieren. Und auf diese Weise könnten auch die, die gar nicht sprechen oder lesen können, mitreden. Die Idee war da. Ich fing an, Piktogramme zu zeichnen und sie meinen Eltern zu zeigen, um zu sehen, ob sie funktionieren.

Aber ich war ganz allein, ohne Netzwerk und ohne Know-how, wie man eine App programmiert. Also suchte ich nach einem Partner, der mich technisch unterstützt. Als er mich nach ein paar Monaten für einen Job bei einem großen Unternehmen stehen ließ, war ich natürlich enttäuscht. Aber ich machte weiter, recherchierte nach Schulen, an denen ich programmieren lernen konnte. Als ich zur HEC Paris kam, hatte ich vier Monate zuvor meinen Sohn Elias auf die Welt gebracht. Da waren die Kurse nicht einfach, aber ich habe so viel über Finanzen, Technologie und Strategie gelernt. Mittlerweile kann ich sogar selbst ein wenig programmieren! Und mein Mann und meine Familie geben mir privat den Halt, den ich brauche, um durchzustarten. Ich bin sicher, dass Informatik in Zukunft noch wichtiger wird. Und ich möchte noch mehr darüber lernen, wie ich die neuen Technologien nutzen kann, um Menschen zu helfen."

© SZ PLAN W vom 22. September 2018/swen
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