Angst vor Sprechstunden beim Professor:Bis eine weint

Herzrasen, Panikattacken, kullernde Tränen - und alles nur, weil man gleich mit dem Professor sprechen soll: Manchmal ist die Angst der Studenten vor Sprechstunden größer als vor Prüfungen. Grund dafür ist ein alter Mythos.

Daniela Otto

Reden soll ja bei allem Möglichen helfen. Es kann Beziehungsprobleme lösen, Antworten auf Fragen bringen oder einfach das Gefühl der Gemeinsamkeit erzeugen. Doch wenn es plötzlich um die eigene Leistung geht und der Gesprächspartner der Professor ist, wie in der akademischen Sprechstunde, kann es auch viele Nerven kosten.

Das Ende der Angst: Neurosen können geheilt werden

Für viele Studentinnen und Studenten wird der Gang zum Professor zum Horrortrip - doch gegen die Ängste kann man etwas tun.

(Foto: dpa-tmn)

In der Schule haben diese Zusammentreffen noch die Eltern für einen erledigt, und zwar meist bis hinauf in die Kollegstufe, weil Lehrer ihre Schüler oftmals selbst dann noch für unmündig halten, wenn diese zu ihrem Pausenbrot eine Bierflasche trinken. Studenten jedoch bleibt das persönliche Gespräch mit dem Lehrpersonal nicht mehr erspart.

Und da nimmt die akademische Sprechtragödie ihren Lauf. Eigentlich fällt die Sprechstunde unter den Bereich der Betreuung, was heimelig klingt, jedoch schnell unheimlich wird. Für viele ist sie ein Ritual, das oft vor allem eines fördert: Die Bewusstwerdung der eigenen nichtigen Position auf der unteren Stufe der akademischen Machthierarchie.

Denn wenn Studenten meist überpünktlich vor der Dozententür eintreffen und viel Wartezeit damit verbringen, das eigene mickrige Wissen mit dem professoralen Gedankengut zu vergleichen, steigt der Stresspegel. Ein ironischer Kommentar vom Professor kann nicht nur eine hart erarbeitete These fortfegen, sondern auch das Gefühl der Unsicherheit massiv verstärken. Vielen Studenten erscheint das Projekt "Wie-hinterlasse-ich-einen-guten-Eindruck" wie eine unmögliche Mission. Die Gefahr, sich zu blamieren oder gar durch einen unvorteilhaften Auftritt eine gute Note zu riskieren, schürt Ängste.

Dann ist es soweit: Die Tür öffnet sich, der Professor empfängt. Die Farce beginnt bereits bei der Begrüßung: Schüttelt man seine Hand, schüttelt man sie nicht? Hat sich bereits der Angstschweiß auf den Handflächen so stark angesammelt, dass er denken könnte, die Hände seien nicht ordentlich, oder noch schlimmer: gar nicht gewaschen? Angesichts der professoralen Autorität ist jegliche Natürlichkeit im Verhalten dahin. Neigt man nicht ohnehin zu masochistischen Neigungen, stellt sich unmittelbar die Frage: Muss das so sein?

Die Antwort lautet "nein". Zwar sei das Autoritätsgefälle zwischen Studenten und Professoren hoch, allerdings sei der furchteinflößende und machtausübende Professor mehr Mythos denn Realität, wie Professor Rainer Holm-Hadulla, leitender Arzt der psychotherapeutischen Beratungsstelle der Universität Heidelberg, sagt. Insbesondere für Studenten, die aus einer bildungsfernen Schicht stammen, sei der Umgang mit akademischen Autoritätspersonen schwer. Ist der eigene Vater Arzt oder Professor, wüssten die Kinder besser um die Fehlbarkeit dieser Menschen.

Zwischen Bestechung und Racheakt

Dabei steht gerade das Zwischenmenschliche im Zentrum der Begegnung. Während Studenten oft bangen, ist das Prozedere zumindest aus der Sicht von Dozenten mehr als unaufgeregt. Meist handelt es sich dabei um eine reine Routineangelegenheit, die primär dem Austausch von Informationen oder der Besprechung von Hausarbeiten dient. Das Ganze sei in der Regel "so spannend wie ein Besuch im Einwohnermeldeamt", wie ein Münchner Professor, der namentlich nicht genannt werden will, sagt.

Während durch das studentische Hirn penetrant die gedankliche Warnung "Sag nichts Falsches und gib dich klug" läuft, sorgt für Professoren vielmehr die nonverbale Kommunikation für Irritation. Bei Ratsuchenden sei oftmals ein regelrechter "Kampf um die Körperhaltung" zu erkennen, berichtet der Münchner Professor: "Männliche Studenten demonstrieren gerne ihre absolute Coolness, lümmeln sich in relaxter Attitüde auf das Sofa und nehmen nur mit Widerwillen ihre Kopfhörer ab."

Der Aktenkoffer als Barriereschranke

Auch auf die nicht unwichtige Frage, 'Wo setze ich mich hin?', kann der Professor antworten: Nicht zu nah und nicht zu fern. Denn wie der Wissenschaftler erzählt, kompensieren manche Studenten ihre Fluchtimpulse, indem sie sich auf den allerletzten Zentimetern der Sitzmöglichkeit platzieren und einen Sturz vom Sofarand riskieren. Manche Studentinnen neigten hingegen durchaus dazu, einen gesunden räumlichen Abstand zu unterschreiten und den denkbar nächsten Platz zum Dozenten anzunavigieren. Wer also glaubt, all die Aktenordner, Bücherstapel und Zettelhaufen seien bloß willkürlich dem chaosliebenden Geniegeist geschuldet, der irrt. Geschickt platzierte, gestapelte Arbeitsunterlagen neben dem Professor stellen für ihn eine ideale Barriere dar.

Wenn auch nicht allzu oft, so kommen skurrile Szenen doch vor, so der Wissenschaftler. Manche Professoren mögen zwar nicht ohne Stolz verkünden, ihre Studentinnen zum Weinen gebracht zu haben. Wesentlich amüsanter seien aber Begegnungen mit Austauschstudenten. Bei Erasmus-Teilnehmern glichen diese manchmal einer babylonischen Sprachverwirrung, die nur dann erfolgreich gelöst werden könne, wenn der Professor seine im achtstündigen Volkshochschulkurs erworbenen spärlichen internationalen Sprachkenntnisse auspackt. Auch Geschenke in Form von Selbstgebackenem kämen vor, die allerdings je nach Qualität "zwischen Bestechung und Racheakt" balancieren, wie der Professor sagt.

Gute Vorbereitung ist unabdingbar

Die Sprechstunde kann also nicht nur für Dozenten, sondern auch für Professoren eine Herausforderung darstellen. Wer seine Ängste bekämpfen will, dem empfiehlt Holm-Hadulla den persönlichen Kontakt zu suchen. Insbesondere universitätsnahes Arbeiten, das Aufhalten in Bibliotheken und das Integrieren in das akademische Umfeld durch einen Job als Hilfskraft seien nützlich. Außerdem sei eine gute Vorbereitung nicht nur für Prüfungen, sondern auch für Sprechstunden unabdingbar.

Oftmals sei die Angst auch völlig unbegründet, wenn beispielsweise Studenten ihre Selbstkritik auf den Professor projizieren. Mit diesem Wissen kann das Gespräch mit dem Dozenten durchaus zu einer angenehmen und nützlichen Situation werden. Denn Reden kann ja bei allem Möglichen helfen. Auch bei der Lösung wissenschaftlicher Fragen.

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