Andreas Schleicher Umstrittener "Mr.Pisa"

Andreas Schleicher ist der leitet die Statistikabteilung im Pariser OECD-Bildungsdirektorat. Als "Mr. Pisa" lässt er keine Gelegenheit aus, die Defizite der Schulen in Deutschland anzuprangern.

Von Tanjev Schultz

Viele Kultusminister, vor allem die der Union, verdrehen die Augen, wenn sie den Namen Andreas Schleicher nur hören. Der OECD-Mitarbeiter setzt ihnen seit Jahren mit immer neuen Studien und Angriffen auf das deutsche Bildungssystem zu. Als "Mr. Pisa" lässt Schleicher keine Gelegenheit aus, die Defizite der Schulen in Deutschland anzuprangern. Der 43-Jährige, der die Statistikabteilung im Pariser OECD-Bildungsdirektorat leitet, steht auch nun wieder als "Miesmacher" da. Die Minister der Union fordern sogar seine Absetzung und stellen die künftige deutsche Beteiligung an den Pisa-Tests in Frage.

Schleicher hatte vor der Veröffentlichung der neuen Studie, die für Dienstag geplant ist, Teilergebnisse kommentiert und dabei die Euphorie über das gute Abschneiden der Deutschen gedämpft. Ob sich die Schüler wirklich verbessert hätten, sei nicht sicher, ein Vergleich mit den früheren Studien aus methodischen Gründen kaum möglich.

Nicht nur die konservativen Minister schütteln nun über Schleicher den Kopf. Auch so mancher SPD-Politiker wundert sich, will aber Schleicher, der gute Kontakte zur Lehrergewerkschaft GEW pflegt und mit seinem Eintreten für ein integriertes Schulsystem genehme Positionen vertritt, nicht unbedingt in den Rücken fallen. Offenen Unmut gibt es dagegen beim Team der deutschen Pisa-Forscher, die einen Vergleich der neuen mit den alten Daten sehr wohl für möglich halten. So zeigt sich in der Gemeinde der Wissenschaftler ein Schisma, das sich bereits in den früheren Studien abzeichnete.

Nüchterner Zahlenfex

Neben dem gebürtigen Hamburger Schleicher, der von Paris aus die Studien weltweit koordiniert, gibt es nämlich noch einen anderen deutschen Pisa-Papst: den Kieler Forscher Manfred Prenzel, der mit seinem Team die Tests in Deutschland betreut und auswertet. Genau genommen gibt es sogar noch einen dritten Papst, nämlich Prenzels Vorgänger Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Beide waren schon bei anderen Gelegenheiten unglücklich über Schleichers politische Interpretationen der Daten. Bei der Präsentation der neuen Pisa-Werte am Dienstag wird Schleicher sowohl Prenzel als auch den deutschen Ministern aus dem Weg gehen. Die Studie wird weltweit an mehreren Orten vorgestellt - Schleicher übernimmt den Termin in Washington.

In Kontrast zu seinen polarisierenden Meinungen steht Schleichers ruhiger Vortragsstil, in dem sich der Vater von drei Kindern als nüchterner Zahlenfex erweist. In Hamburg und Australien studierte Schleicher Physik und Mathematik. Während der Schulzeit gewann er mit einem Computer-Verfahren zur Spracherkennung einen Preis im Wettbewerb "Jugend forscht", sein Abitur schloss Schleicher mit 1,0 ab.

Die Leidenschaft, mit der Schleicher sich an den Schwächen der deutschen Schulen reibt, erklären sich manche auch aus einer frühen persönlichen Kränkung. Dem späteren Musterschüler hatte sein Grundschullehrer bescheinigt, er sei für das Gymnasium nicht geeignet. Schleichers Vater, ein Professor für Erziehungswissenschaften, setzte sich darüber hinweg und ließ seinen Sohn das Abitur machen.