bedeckt München
vgwortpixel

Analphabeten im Job:Wenn Buchstaben bremsen

Mit Buchstabenkarten, Stift und Papier üben Erwachsene in einem Alphabetisierungskurs der Arbeiterwohlfahrt lesen und schreiben.

(Foto: Imago Images)

Die Brille vergessen, die Schrift zu klein: Weil sie sich schämen, lügen viele Analphabeten ihre Chefs und Kollegen an. Was können Betriebe tun, um Ängste abzubauen?

Mehr als sechs Millionen Erwachsene in Deutschland können kaum lesen und schreiben. Viele haben einen Job, arbeiten mit Kollegen zusammen, die nichts ahnen. Es gibt Fälle, in denen sie Beförderungen und Weiterbildungen aus fadenscheinigen Gründen ablehnen. Das eigentliche Problem: Die Betroffenen haben Angst, dass sie bei der neuen Stelle mehr lesen und schreiben müssten. Aber auch im Alltag hangeln sich viele von Ausrede zu Ausrede. Vergessene Brille, verletzte Hand, keine Zeit, wichtiger Termin. Manche lernen seitenweise Dokumente auswendig, andere orientieren sich an Farben. Funktionale Analphabeten können zwar oft Buchstaben, Wörter oder auch einzelne Sätze lesen und schreiben, aber keinen längeren zusammenhängenden Text.

Tim-Thilo Fellmer war lange selbst Analphabet und hat erst mit Mitte 20 richtig Lesen und Schreiben gelernt. Heute arbeitet er als Kinderbuchautor in seinem eigenen Verlag. Eignet sich das Thema denn überhaupt, um es am Arbeitsplatz anzusprechen? Und wie sollten Kollegen oder Vorgesetzte am besten vorgehen? "Ganz wichtig ist, dass niemand anderes im Raum ist." Man müsse auf jeden Fall mit der Person allein sein. Außerdem sollte man sich für das Gespräch ausreichend Zeit nehmen. "In Firmen muss mehr Aufklärung stattfinden, um das Stigma aufzulösen", sagt er. Fellmer hat nach der Hauptschule eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker gemacht. "Ich konnte mir nur einen Beruf aussuchen, der sehr wenig mit Schriftsprache zu tun hat." Ganz ohne ging es aber auch in der Werkstatt nicht. Felllmer schrieb sich Spickzettel und arbeitete viel mit Abkürzungen. VDD stand zum Beispiel für Ventildeckeldichtung. Viele Begriffe hätten sich immer wieder wiederholt, sagt er. "Ich habe wie die meisten Betroffenen versucht, es so gut wie möglich zu kaschieren."

Analphabetismus Wenn der einfachste Text ein Rätsel bleibt
Analphabetismus

Wenn der einfachste Text ein Rätsel bleibt

Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland tun sich schwer mit Lesen und Schreiben. Doch es werden weniger.   Von Susanne Klein

Vor zwei Wochen traf er seine alten Kollegen aus der Werkstatt wieder, wo er vor etwa 30 Jahren seine Lehre gemacht hat. Wussten sie, dass er Probleme mit dem Lesen und Schreiben hatte? "Ganz wenige haben es überhaupt mitbekommen." Mit Mitte 20 hat sich Tim-Thilo Fellmer geoutet, ging zur Volkshochschule. Irgendwann entwickelte er Freude am Lesen. Später fing er selbst mit dem Schreiben an. Seit fast 15 Jahren engagiert er sich für Betroffene. Gerade hat er mit mehreren ehemaligen Analphabeten den Dachverband Alfa-Selbsthilfe gegründet.

"Diese Gruppe an Menschen selbst zu erreichen, ist wahnsinnig schwer"

"Viele können sich schwer vorstellen, dass es Menschen gibt, die Mails oder Sicherheitshinweise nicht lesen können", sagt Daniel Dzillak. Er bildet in Baden- Württemberg Mentoren aus, die in ihren Betrieben für Kollegen mit Grundbildungsbedarf ansprechbar sind. "Mento" ist ein Projekt des Deutschen Gewerkschaftsbundes, das vom Ministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. "Wenn auf schriftlichem Weg über Tarifverhandlungen informiert wird, kriegen das Betroffene unter Umständen gar nicht mit", sagt Dzillak.

Um in den Betrieben ausgewählte Mitarbeiter zu coachen, gibt es einen dreitätigen Workshop. Am Ende sollen die Ehrenamtlichen ein besseres Gespür dafür haben, ob ein Kollege vielleicht in diesem Bereich Schwierigkeiten haben könnte. "Danach geht es darum, dass dann auch wirklich Gespräche stattfinden." Das sei aber gar nicht so einfach. Viele hätten Angst, dass sich in der Werkshalle herumspricht, dass man Probleme beim Lesen und Schreiben hat. "Wir hoffen, dass wir trotzdem möglichst viele erreichen können, bevor es zu spät ist." Also dann, wenn der Arbeitsplatz noch sicher sei.

Ingrid Ficker berichtet von ähnlichen Problemen. Sie arbeitet bei der Koordinierungsstelle Alphabetisierung in Sachsen. "Als wir vor zehn Jahren angefangen haben, dachten wir, dass der Zulauf groß sein wird", sagt sie. "So ist es leider nicht." Wenn sich Leute bei Ficker und ihrem Team melden, dann sind es fast nie die Betroffenen selbst, sondern Freunde oder Bekannte, manchmal auch Arbeitskollegen. "Diese Gruppe an Menschen selbst zu erreichen, ist wahnsinnig schwer." Es sei eher unwahrscheinlich, dass funktionale Analphabeten auf Berichte über das Phänomen stoßen. Ähnlich ist es bei den Aktionen der Koordinierungsstelle Alphabetisierung. Ficker und ihre Kollegen haben es vor einigen Jahren mit leicht verständlichen Hinweisen auf Milchpackungen versucht. "Wir dachten, dass wir die Betroffenen damit ansprechen können. Aber vielen steht auch die eigene Scham im Weg."

Ein Mann trägt lieber wochenlang einen Gips, als sich zu outen

Ingrid Ficker erinnert sich an einen Monteur, der nicht richtig lesen und schreiben konnte. Erst, als seine Beziehung zerbrach, suchte er sich Hilfe. Seine Frau hatte bis dahin immer den Schriftverkehr erledigt. "In diesem Fall konnten wir ihm helfen, obwohl er auf Montage war." Die Bedingung: Er musste seinem Chef erzählen, dass er beim Lesen und Schreiben Probleme hat. "Der Chef hat das voll unterstützt."

Ficker kann aber auch traurige Geschichten erzählen. Zum Beispiel die von einer Frau, die in der Küche eines Restaurants gearbeitet hat. Als sie an einem Tag das Menü auf ein Schild schreiben sollte, hat sie ihre Hand absichtlich in die heiße Fritteuse gehalten. "Der Schmerz war wahrscheinlich nicht so groß wie die Angst, sich zu outen." Oder ein Mann, der acht Wochen lang einen Gips trug, obwohl er kerngesund war. Einen anderen hat Ingrid Ficker gefragt, warum er nicht richtig lesen kann. Er hat ihr dann erzählt, dass seine Mutter früher nie Zeit hatte, mit ihm zu üben.

Analphabetismus Die Angst vor Buchstaben

Funktionale Analphabeten

Die Angst vor Buchstaben

Obwohl sie als Kinder zur Schule gingen, können funktionale Analphabeten kaum lesen und schreiben. Wie kann es dazu kommen - und wie lernen erwachsene Leseanfänger effektiv?   Von Bernd Eberhart