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Amoklauf von Winnenden:Ein Blick hinter die Fassade: Demütigungen und Respektlosigkeiten

Ein Ort des Scheiterns

Amoklauf Winnenden, dpa

Trauer in Winnenden: Die Stadt versucht, in den Alltag zurückzukehren.

(Foto: Foto: dpa)

Noch spricht keiner der Schüler von eigenen Erfahrungen der Demütigung, von Respektlosigkeiten der Lehrer. Davon erfährt man ohnehin meist beim S-Bahn-Fahren oder in der Raucherecke. Dort lassen sie einen hinter die Fassade blicken, diese Jugendlichen - manchmal, ein bisschen. Jetzt davon zu sprechen, hieße offenbar, in die Nähe von Tim K. gerückt zu werden. Deshalb geht es um Waffengesetze. "Kein Mensch braucht eine Waffe zu Hause", findet L.

In der nächsten Stunde lesen wir ein Interview mit Jens Hoffmann, Psychologe und Leiter des Darmstädter Instituts für Psychologie und Sicherheit. "Die Schule", so Hoffmann, "wird als Ort des Scheiterns und der Demütigung empfunden, selbst wenn das objektiv nicht stimmt. (...) Aber die Täter fühlen sich fast immer von aller Welt ungerecht behandelt, sie sind als Persönlichkeiten leicht kränkbar."

Mit dem Kopf in die Toilettenschüssel

S. ist jetzt nicht mehr zu stoppen: "Das stimmt doch gar nicht, was der da schreibt: 'fühlen sich ungerecht behandelt'. Das ist nicht nur eingebildet. Das ist doch ganz real. Als ich in der Hauptschule war, sagte mir mein Lehrer: 'Du bist doch viel zu blöd für die Realschule.' So etwas hat doch jeder hier erlebt."

A. berichtet halb belustigt, dass die neuen Schüler ihrer fünften Klasse mit dem Kopf in die Toilettenschüssel oder einen Eimer getaucht wurden. "Das musste halt jede aushalten in dem katholischen Mädchengymnasium", grinst sie. "Bei uns war auch so ein Typ", erzählt S. mit lauter fester Stimme, "der war irgendwie anders und immer allein. Der saß immer einsam auf einer Mauer in der Schule. Irgendwann fingen alle an, zum Spaß mit Bällen auf den zu werfen. Da saß dieser Typ ganz allein auf der Mauer und alle haben ihn beworfen und gelacht. Und die Lehrer haben dem nicht geholfen."

"Die Lehrer schauen weg"

"Jeder hat eben so einen kleinen Amokläufer in sich", meint J. "Ja, und das Ganze fängt schon viel früher an", so S. "Das fängt doch in der Schule an. Da kann man sich nicht wehren. Man wird verprügelt und die Lehrer schauen weg. Okay, wenn sich zwei Banden schlagen, dann gehen sie vielleicht dazwischen. Aber wenn ein Einzelner fertiggemacht wird, dann spielen sie immer alles runter." "Klar", bestätigt P., "und dann kommt man nach Hause und keiner ist da, weil die Eltern arbeiten gehen müssen."

"Jeder", so S. wieder, "ist doch heutzutage nur noch mit sich selbst beschäftigt und denkt 'Mein Leben ist scheiße'. Man merkt überhaupt nicht mehr, wie es den anderen geht, weil man sich dauernd was vormacht. Da sitzen lauter Einzelne und keiner weiß, wie es dem anderen wirklich geht."

Auf der nächsten Seite: Wie Eltern und Lehrer ihre Kränkungen an die Schüler weitergeben.

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