Alternatives Lernen:Wie es euch gefällt

Lesezeit: 4 min

An Sudbury-Schulen lernen Kinder ohne Klassen und Noten - und Skeptikern zum Trotz auch ohne Chaos.

Simone Kosog

Es gab eine Zeit, da hat Willemijn Hartkamp, Schülerin im holländischen Amersfoort, ganze Schultage lang aus dem Fenster gestarrt. "Die Lehrer haben mir nichts zugetraut, ich hatte schlechte Noten, und in der Klasse war ich nicht gerade beliebt", erzählt die 16-Jährige. "Ich war kurz davor, depressiv zu werden." Damals begann eine große Diskussion im Haus der Familie Hartkamp: Was ist denn eigentlich Lernen? Und wie müsste die ideale Schule aussehen?

Alternatives Lernen: Frontalunterricht ist an Schulen, die nach der Sudbury-Methode unterrichten, nicht vorgesehen.

Frontalunterricht ist an Schulen, die nach der Sudbury-Methode unterrichten, nicht vorgesehen.

(Foto: Foto: AP)

Am Ende stand der Entschluss, eine eigene Schule zu gründen. Eine Schule nach dem Sudbury-Modell, deren erste 1968 in den USA, im Sudbury-Tal von Massachusetts, eröffnet wurde. Dort entscheiden die Schüler selbst, was und wie sie lernen. Es gibt keine Noten, keine Klassen und Unterricht nur dann, wenn die Schüler es wünschen. Sie haben die gleichen Rechte wie die Lehrer.

Deutschland hinkt hinterher

Mit diesen Merkmalen gehören die Sudbury-Schulen zur Bewegung der "demokratischen Schulen", von denen es weltweit mittlerweile mehr als 100 gibt. In Deutschland bemühen sich die meisten Initiativen bisher allerdings vergeblich um eine Genehmigung. "Das hängt auch damit zusammen, dass das deutsche Schulsystem mehr als andere von Hierarchien geprägt ist", sagt der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann von der Universität Siegen, der sich seit langem mit dem Thema beschäftigt.

Zu den wenigen demokratischen Schulen hierzulande gehört die Neue Schule Hamburg, mitbegründet von der Sängerin Nena, die sich ebenfalls an Sudbury orientiert - und prompt in die Kritik geraten ist. Von prügelnden Schülern und großem Durcheinander war die Rede. Die Schulgründer beteuern, Gewalt werde auf keinen Fall toleriert. Und die Erziehungswissenschaftlerin Tanja Pütz von der TU Dortmund, die die Schule wissenschaftlich begleitet, betont, im Laufe des ersten Schuljahrs seien viele verbindlichen Regeln entstanden. "Von Regellosigkeit kann nicht gesprochen werden."

Auch als die Hartkamps und ihre Mitstreiter vor eineinhalb Jahren ihre neue Schule "De Kampanje" im Flügel eines alten Klosters eröffneten, war die Skepsis zunächst sehr groß. Wie sollen Kinder lernen, wenn ihnen niemand eine Richtung vorgibt? "Jeder Mensch trägt die Motivation zu lernen in sich, wenn man ihn lässt", argumentieren die Sudbury-Anhänger. Die andere Sorge: Sowas muss im Chaos enden!

Lesen mit Vergnügen

Die Kampanje beweist allerdings bisher das Gegenteil. Entspannt und freundlich geht es hier zu. Erst zehn Schüler gibt es momentan, es sollen einmal 85 werden. Ein Junge arbeitet am Computer, ein Mädchen spielt Gitarre, ein paar Kinder toben draußen. Ordentlich ist es, in der Sitzecke, auf den Arbeitstischen, genauso in der Chemie-Abteilung. Denn für alles hier gibt es Regeln - nachzulesen in einem dicken Ordner, vom Grundsätzlichen (niemand darf einem anderen Gewalt zufügen) bis zum Speziellen: In der Schule wird nicht gerannt, und wer die Kaffeemaschine benutzen will, muss ein Zertifikat erwerben.

Willemijn geht summend durch die Räume. Das Lernen ist für sie nun tatsächlich ein Vergnügen. Mit Hilfe von Harry Potter und einem Wörterbuch hat sie Englisch gelernt. Kein Schulgong hat sie unterbrochen. Jetzt brennt sie für ein neues Projekt: Gemeinsam mit anderen will sie ein Musikfestival organisieren. Ein Ort muss gefunden werden, ein Termin, die Bands, die Finanzierung. Es ist diese Art von Lernen, um die es an der Kampanje geht, aus eigener Begeisterung heraus, mit Aufgaben aus dem Leben. Glaubt man dem Neurobiologen Gerald Hüther, ist dies der einzig wirkungsvolle Weg. "Lernen ist nur nachhaltig, wenn es erfahrungsbasiert ist. Das ganze Auswendiglernen kann man vergessen", sagt Hüther.

Auch die anderen Schüler schätzen ihre Freiheit und ihre Verantwortung: Linda konnte irgendwann lesen und weiß selbst nicht genau, wie sie es gelernt hat. Patricia studiert Niederländisch, freiwillig, weil es sie interessiert und natürlich auch, weil es ihr später nützen könnte. Das Mädchen lernt mit Hilfe eines Internetprogramms, manchmal fragt sie Lehrer, die hier Mitarbeiter heißen, oder Mitschüler, oder sie liest ein Buch. "Die Schüler wählen ganz unterschiedliche Wege, um an Wissen zu kommen", sagt Anjo Snijders, einer der Mitarbeiter.

Wie es euch gefällt

Joshua ist bereits an drei Schulen gescheitert. Gelernt hat er an keiner, dafür hat er die Mitschüler gestört, bis schließlich die Diagnose ADHS - Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität - gestellt wurde und Joshua Medikamente bekam. Heute ist er immer noch lebhaft, manchmal anstrengend, aber er hat seinen Platz und seinen Weg gefunden. Die Medikamente hat er abgesetzt und die Prüfung für einen staatlichen Schulabschluss abgelegt.

Alternatives Lernen: Die Sängerin Nena gehört zum Gründungsteam der "Neuen Schule" in Hamburg.

Die Sängerin Nena gehört zum Gründungsteam der "Neuen Schule" in Hamburg.

(Foto: Foto: AP)

Mehr Freiheit, mehr Kompetenzen

Dass Kinder, wenn sie selbst mitbestimmen können, besser lernen, sagt auch der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann. "Außerdem eignen sie sich Kompetenzen wie Entscheidungsfähigkeit oder Verantwortungsbewusstsein an, die für ihr späteres Leben überaus wichtig sind." Hoffnungsfroh beobachtet Brügelmann, dass Ideen der demokratischen Schulen mittlerweile auch von staatlichen Einrichtungen, wenn auch noch zaghaft, aufgegriffen werden. Renate Lange, Vorsitzende der Sudbury-Initiative München, sagt, sie sei optimistisch, im nächsten Jahr mit einer Schule starten zu können.

Studien zu dem Modell und seinen Erfolgen oder Misserfolgen gibt es bisher kaum. Eine der wenigen Untersuchungen stammt von dem Kölner Erziehungswissenschaftler Falko Peschel, der Konzepte für den "offenen Unterricht" entwickelt hat. Peschel hat eine Grundschulklasse, in der offener Unterricht angewendet wurde, vier Jahre lang begleitet. Die Kinder lagen in ihren Leistungen deutlich über dem Durchschnitt.

Jeder hat eine Stimme

An der Kampanje wird die Mitbestimmung durch die wöchentliche Schulversammlung garantiert, bei der jeder eine Stimme hat. Alles Wichtige wird hier entschieden. Und jeden Morgen um elf tagt ein "Justizkomitee", das Regelverstöße ahndet und freundlich, aber bestimmt Strafen verhängt. Das kann eine Viertelstunde Putzen sein oder ein Raumverbot.

Die Schulzeit endet mit dem Sudbury-Diplom, daneben erwerben viele Schüler aber auch andere, externe Abschlüsse. Ihre wichtigste Referenz seien sie selbst, sagt Regina Leeb, die nach ihrem Abitur in Deutschland für ein Jahr an eine australische Sudbury-Schule ging. Sudbury-Schüler hätten nie große Probleme gehabt, auf eine Uni zu kommen, oder wohin sie auch immer wollten. Wer die Absolventen erlebe, merke schnell, "dass sie selbstbewusst sind und dass sie wissen, was sie tun". Die Sudbury-Valley-Schule in Massachusetts hat vor drei Jahren eine Studie veröffentlicht, in der sämtliche Ehemalige der letzten 40 Jahre befragt wurden. Mehr als 80 Prozent haben eine akademische Laufbahn eingeschlagen, die meisten erklärten, mit ihrem Leben zufrieden zu sein.

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