Alternativen zum Sitzenbleiben:Die Finnen spinnen nicht

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Kreative Lösungen im Ausland.

Gunnar Herrmann

In Finnland haben die Sommerferien schon vor einigen Tagen begonnen, und für fast alle der knapp 600.000 Schüler stand am letzten Schultag fest: Nach dem Urlaub rücken sie eine Klasse vor. Ebenso wie in anderen skandinavischen Ländern oder auch in Großbritannien erfolgt der Übertritt automatisch, Sitzenbleiben ist eine Seltenheit. Nur knapp 2600 Kinder - das entspricht 0,4 Prozent aller Schüler in den Jahrgangsstufen eins bis neun - mussten im Jahr 2005 in Finnland eine Klasse wiederholen.

Eine "Ehrenrunde" kann nur verordnet werden, wenn die Eltern einverstanden sind. Dass man ohne das in Deutschland aber auch in der Schweiz oder Österreich gängige Druckmittel Wissen vermitteln kann, zeigt sich regelmäßig, wenn die OECD-Staaten die Leistungen ihrer Schulen vergleichen. Finnland liegt bei diesem Bildungstest - besser bekannt als Pisa-Studie - stets vorn.

Daraus muss man aber nicht zwingend schlussfolgern, dass eine Übertrittsgarantie automatisch zu einem besseren Bildungssystem führt. In Frankreich, das im OECD-Vergleich mittelmäßig abschneidet, interpretierte man die Pisa-Ergebnisse offenbar genau entgegengesetzt. Vor einigen Jahren verschärfte man dort bei einer Schulreform die Durchfall-Regelung. Der damalige Bildungsminister François Fillon begründet den Schritt damit, das Sitzenbleiben sei ein "Werkzeug", das "individuelle Unterstützung und Zuwendung begleitet". In Finnland hingegen gilt es nur in Ausnahmefällen als sinnvoll. Und da für solch eine Ausnahme die Zustimmung der Betroffenen nötig ist, stehen die Lehrer unter starkem Druck, es nicht soweit kommen zu lassen. Sie müssen sich rechtfertigen, wenn ein Kind das Lernziel verfehlt.

Fördern statt drohen

Eine Ehrenrunde ist also vor allem eine Niederlage für die Schule und weniger für den Schüler. Da alle Kinder bis zur neunten Jahrgangsstufe eine gemeinsame Grundschule besuchen, kann man Schwächere nicht einfach in eine andere Schulform abschieben, etwa vom Gymnasium in die Real- oder Hauptschule. Hat ein Schüler ein Problem, muss der Lehrer alle nur denkbaren Möglichkeiten ausschöpfen, um es innerhalb der Klasse zu lösen.

Rainer Domisch, Mitarbeiter im Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki sagt, dass deutsche Lehrer es in gewisser Weise bequemer haben. Denn sie können Schüler, mit denen sie nicht zurechtkommen, relativ leicht loswerden. Finnische Lehrer können das nicht. Allerdings haben sie dafür eine Menge anderer Möglichkeiten, um die sie von ihren deutschen Kollegen sicher beneidet werden.

Das finnische System setzt statt auf Druck und Drohung stark auf die Förderung des Einzelnen. Lehrer können schwache Schüler nachmittags in der Schule behalten und ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Für schwierigere Fälle gibt es Spezialunterricht, manchmal sogar für nur einen einzigen Schüler. Die Fülle an Förderinstrumenten soll garantieren, dass die Kinder nicht nur jedes Jahr eine Klasse vorrücken, sondern dabei auch das nötige Wissen mitnehmen. Dass es gelingt, zeigt sich an einer weiteren Besonderheit Finnlands: Nachhilfeunterricht außerhalb der Schule ist dort nahezu unbekannt.

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