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Aktivprogramm:Die Natur als Lehrmeisterin

Bergsport gehört ebenso zur Ausbildung der Ecolianer wie das Erlernen handwerklicher und künstlerischer Fähigkeiten.

Von Stephanie Schmidt

Das erinnert an Urlaub auf dem Bauernhof: Beim Rundgang durch das Internatsdorf ist immer wieder Gemecker zu hören - ab und an lässt sich eine braune Ziege am Wiesenhang blicken. Mit den Ziegen hat es hier eine besondere Bewandtnis: Die Betreuung der Tiere wird an der Ecole d'Humanité als Nachmittagskurs angeboten - die Jugendlichen lernen, die Ziegen zu melken und Käse zu machen, sie reinigen ihre Ställe und führen sie spazieren.

Insgesamt stehen 60 verschiedene Nachmittagskurse zur Wahl, von Gemüseanbau über verschiedene Arten von Tanz und Theater, Grafikdesign, Schmuckkunst oder Fotografie bis hin zum Computerbau. Das große Angebot stellt auch eine Referenz an den deutschen Didaktiker Martin Wagenschein dar, der den Wert des Lernens anhand eigener praktischer Erfahrungen pries. "Pro Woche müssen die Ecolianer acht Stunden Nachmittagskurse belegen, mindestens zwei davon im Bereich Sport, einen im handwerklichen, einen im musischen oder künstlerischen Bereich. Für die andere Hälfte der Stunden können sie frei wählen", erklärt die Lehrerin Elisabeth Wäschenfelder, die Biologie und Chemie unterrichtet.

Sie führt die Besucherin in Räume, die ganz unterschiedlichen Themen gewidmet sind: ins Schülercafe, das die Jugendlichen selbst betreiben, in die Lernküche, in die Holzwerkstatt oder in die Schmiede, in der ein großer Amboss steht, und in die Musikräume, wo Schüler Instrumentalunterricht haben. "Wenn ein Schüler selbst eine gute Idee für einen Nachmittagskurs hat, kann er sie mit Unterstützung eines Lehrers anbieten", sagt Wäschenfelder. "Mithilfe von Spenden dankbarer Alumni oder der Eltern ehemaliger Ecolianer konnten wir das Angebot erweitern und zum Beispiel einen Probenraum für Bands einrichten." Außerdem muss sich jede Schülerin und jeder Schüler in einer Community-Service-Gruppe engagieren - man kann sich etwa um die Theaterbauten von Shakespeare-Stücken kümmern, die seit 1953 regelmäßig an der Schule inszeniert werden, oder an Recycling-Projekten mitwirken.

"An unserer Schule hat das Outdoor-Programm einen besonderen Stellenwert", sagt Wäschenfelder auf dem Weg zur Materialwerkstatt, die Guido Bieri betreut. Die Position existiert offiziell nicht, aber wenn es sie gäbe, wäre der erfahrene Skitourenleiter Sportdirektor an der Ecole. "Ich bin von der Ausbildung her Biologe - und mit Skitouren ins Internat reingewachsen", sagt der 57-Jährige. Seit 14 Jahren ist er an der Ecole tätig und arbeitet mit ausgebildeten Skilehrern und Bergführern zusammen. "Raus aus der Wohnung, rauf aufs Mountainbike oder rein in die Wander- oder Skistiefel", heißt es an der Ecole d'Humanité - zwei Bergbahn-Stationen befinden sich in unmittelbarer Nähe. Ski fahren sollte man, muss man aber nicht - auch Schneeschuhe hängen in der Materialausgabe. Doch Sport in den Bergen sollte schon lieben, wer diese Schule besucht. Outdoor-Fachmann Bieri prüft auch das Leistungsniveau seiner Schützlinge: "Wer die Fähigkeit dazu hat, darf selbständig klettern - in Absprache mit den Eltern."

Ihm ist wichtig, dass die Jugendlichen die Bergwelt auf Mehrtageswanderungen erleben. "Sie sollen die Angst vor der Natur verlieren, die Erfahrung machen, im Regen zu wandern und draußen zu übernachten." Für ihr Risikomanagementsystem bei Outdoor-Aktivitäten besitzt die Internatsschule eine Zertifizierung der Schweizer Stiftung Safety in Adventures, die alljährlich erneuert wird. Guido Bieri freut sich schon auf die bevorstehende Wintersaison: "Endlich haben wir auch Splitboards, mit denen Snowboarder den Berg hochlaufen können."

© SZ vom 18.09.2020
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