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Akademische Bildung auf Distanz:Zeit für Experimente

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Virtuelle Studienbriefe kann man auch draußen bearbeiten – ein Fernstudium bietet viele Freiheiten.

(Foto: Joseffson/Imago)

Online-Tutorien, Seminare per Livestream oder E-Klausuren: In der Covid-19-Krise macht die Digitalisierung der Lehre Fortschritte - in technischer, aber auch in didaktischer Hinsicht.

Während die traditionellen Hochschulen vom Coronavirus mehr oder weniger zu digitalen Experimenten gezwungen werden, um ihren Studierenden das Weiterlernen zu ermöglichen, sehen die in der Online-Lehre versierten Anbieter von Fernunterricht im Verbot des Präsenzunterrichts eine Chance, um auf sich und ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Denn nun werde deutlich, "dass es gerade digitale Angebote und Lösungen sind, die Wirtschaft und Gesellschaft Möglichkeiten aufzeigen, der Krise zu begegnen", schrieb Mirco Fretter, Präsident des Forum Distance-Learning Anfang April in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin. Nur das Online-Lernen biete in Zeiten von Social Distancing die Möglichkeit, neues Wissen zu vermitteln und Erlerntes zu festigen, versichert der Leiter des in Berlin ansässigen Fachverbands. Der Fernunterricht sei eine zukunftsorientierte Säule der Erwachsenenbildung und erhalte auch für Kinder Lernstrukturen aufrecht. Kurz: Der Fernunterricht sei "der Retter der Bildung, quasi systemrelevant".

Das ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, zumal gleich darauf eine lange Wunschliste folgt, aus der die Zielrichtung erkennbar wird. Verträge über Fernunterricht, die heute noch der Schriftform bedürfen, sollten online abgeschlossen werden können. Auf die bereits angekündigte Erhebung von Umsatzsteuer auf Fernstudienangebote möge man verzichten. Die Bundesagentur für Arbeit solle ihre Kunden aktiv auf Weiterbildungsangebote im Fernunterricht aufmerksam machen.

Neu sind derartige Forderungen nicht. Nur trifft die Corona-Krise auch die, deren Wachstumskurs bisher steil nach oben führte. Noch im Vorjahr hatten 90 Prozent der Anbieter von Fernunterricht und Fernstudium ihre wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut eingeschätzt, berichtet das Forum Distance-Learning.

Online-Aktivitäten sollen den Zusammenhalt der Studenten fördern

Und heute? Bei Fernunterrichtsanbietern ist die Nachfrage groß, aber es bleibt abzuwarten, wie viele Interessenten sich tatsächlich anmelden. Denn wer um seinen Job fürchtet, unterschreibt keinen Fernunterrichtsvertrag mit langfristiger Bindung - selbst wenn er weiß, dass Weiterbildung der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist. Zum Nichtstun verdammte Selbständige und Kurzarbeiter halten ihre Taschen vorerst zugeknöpft. Die Fernunterrichtsanbieter, die auf Blended Learning, also die Kombination aus Online- und Präsenzlehre setzen, denken nicht anders, wie aus dem Bittbrief an die Bundeskanzlerin deutlich wird. Präsenzveranstaltungen und -prüfungen müssen abgesagt, gebuchte Dozenten und Räume bezahlt, Prüfungsgebühren zurückgezahlt werden. Gut dran ist, wer schon vor der Pandemie viel Erfahrung mit interaktiven Online-Lehrveranstaltungen gesammelt hat, wie die PFH Private Hochschule Göttingen. "Die in Göttingen vorgesehenen Präsenzveranstaltungen werden nunmehr als Online-Veranstaltungen angeboten", sagt PFH-Sprecherin Gudrun Röhling. "Auch die Fernlehrbriefe stehen alle online zur Verfügung." Die staatlich anerkannte IST-Hochschule für Management aus Düsseldorf setzt seit ihrer Gründung vor sieben Jahren auf den Blended-Learning-Ansatz. "Moderne Lehrmethoden wie Online-Vorlesungen und -Tutorien, virtuelle Klassenzimmer, Web Based Training und jederzeit im Online-Campus abrufbare Studienhefte ermöglichen ein weitgehend zeit- und ortsunabhängiges Lernen", sagt Präsidentin Katrin Gessner-Ulrich. "Der Student kommt sozusagen nicht zur Hochschule, sondern die Hochschule zum Studenten."

Auf das Heimspielfeld der Fernhochschulen drängen neuerdings verstärkt die Traditionalisten. Deren Dozenten erlernen, was die rein virtuell lehrenden Kollegen längst wissen: "Der Online-Unterricht ist für uns Lehrkräfte mental sehr anspruchsvoll", sagt Chengwei Liu, Professor für Strategie und Verhaltenswissenschaften an der Berliner Business School ESMT. "Wir müssen 200 Prozent geben, um die Studierenden genauso mitzunehmen wie im Klassenraum. Die Methoden müssen noch durchdachter sein. Eine Mischung aus verkürzten Vorlesungen mit Echtzeit-Umfragen, Wirtschafts-Simulationsspielen und virtuellen Gruppensitzungen ist ein Muss", erläutert Liu.

Wie geht es Studenten mit der Umstellung auf die reine Online-Lehre? Lisa Wäntig hat ihr MBA-Studium erst im Januar begonnen. Nach vier Wochen hieß es: Home Learning. "Die ESMT ist völlig nahtlos in den Online-Unterricht übergegangen", sagt sie. "Es ist enorm wichtig für uns, dass das Programm weitergeht - nicht nur, damit wir rechtzeitig abschließen, sondern auch, um unsere Köpfe in der Isolation beschäftigt zu halten." Die Kurse hätten zwar an die technischen Voraussetzungen angepasst werden müssen. "Aber wir alle sind unseren Professoren sehr dankbar, wie flexibel und unerschütterlich sie mit der Situation umgehen." Natürlich lägen durch die Ausgangsbeschränkungen bei einigen die Nerven blank, sagt Wäntig - besonders bei denen, die gerade erst nach Deutschland gezogen seien. "Deshalb organisieren wir viele gemeinsame Aktivitäten online: Mittagspausen und Sporteinheiten per Videokonferenz, Online-Kneipenquizze, virtuelle Spieleabende und Livestream-Kochkurse. Das erleichtert die Wartezeit bis zum Ende der Einschränkungen."

An der HHL sind bereits Klausuren online geschrieben worden. "Die Studierenden bekommen per Post einen versiegelten Brief, öffnen diesen vor laufender Kamera und holen den Umschlag mit den Prüfungsaufgaben heraus", erklärt Rektor Stephan Stubner. Er weiß: Wer es darauf anlegt, kann dabei betrügen. Aber die meisten Leistungsnachweise werden an der Business School ohnehin in Form von Gruppenarbeiten abgelegt. Auch bei solchen Projekten lassen sich die persönliche Präsenz und die Online-Teilnahme mittlerweile sinnvoll und harmonisch verzahnen.

© SZ vom 08.05.2020
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