Akademische Ausbildung zur Hebamme Immer neue Anforderungen

Eine akademische Ausbildung von Hebammen sei heute notwendiger denn je, weil sich die Anforderungen im Beruf stark verändert hätten, sagt Dachs. Als ein Beispiel nennt sie die Betreuung im Wochenbett. "Vor 30 Jahren blieb eine Frau nach einer Geburt etwa zwei Wochen in Krankenhaus, nach einem Kaiserschnitt sogar drei Wochen. Heute verlässt eine Frau die Klinik drei bis fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes, und ihre Hebamme betreut sie zu Hause weiter", erläutert Dachs.

Das erfordere andere Kenntnisse. "Die Beratung bei der Rückbildung des Körpers und beim Stillen nehmen einen großen Umfang der heutigen Hebammenarbeit ein", ergänzt die Hebamme. Aber auch die Arbeit in einem Krankenhaus verlange Hebammen heute mehr ab als früher, weil in der Medizin viel geforscht und entwickelt werde. "Hebammen müssen die neuesten Techniken kennen und sie richtig einsetzen können", sagt Dachs.

Eine Folge dieser Entwicklung: Die Berufshaftpflicht für selbständige Hebammen steigt seit Jahren, und ein Ende ist nicht in Sicht. Denn Fehler bei der Geburt sind für die Versicherungen besonders teuer. Seit Jahren wehren sich Hebammen erfolglos gegen die steigenden Prämien bei der freiberuflich erbrachten Geburtshilfe. 2010 stieg der jährliche Haftpflichtbeitrag von 2370 auf 3689 Euro - von Juli an soll er auf mehr als 4200 Euro wachsen. Grund seien die steigenden Versicherungskosten, sagt Katrin Rüter vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Pro Jahr legten sie im Schnitt um fast 15 Prozent zu. Dabei machten Hebammen nicht mehr Fehler als früher. Doch die Heil- und Pflegekosten kletterten kontinuierlich. Rüter zufolge nehmen zudem die Krankenversicherungen der geschädigten Kinder in viel höherem Umfang als früher Regress bei der Haftpflichtversicherung der Hebamme. Mehr als die Hälfte der im Deutschen Hebammenverband organisierten Frauen ist freiberuflich tätig. Doch Geburtshilfe leistet nach Verbandsangaben nur noch ein Viertel aller Selbständigen. Statt Geburten zu begleiten, weichen die Hebammen auf Vorbereitungskurse oder Wochenbettbetreuung aus - Bereiche, in denen die Haftpflicht nicht so hoch ist. Die Hebammen fordern mehr Unterstützung von der Politik.

Dass eine Akademisierung des Hebammenberufs Nachwuchsprobleme zur Folge haben könnte, befürchtet der Deutsche Hebammenverband nicht. 80 bis 90 Prozent aller Berufsanfängerinnen besäßen schon heute Fachabitur oder Abitur, heißt es beim Verband. Es herrsche außerdem kein Mangel an Bewerberinnen. Bis heute ist der Beruf Hebamme eine Frauendomäne. Nur drei männliche Entbindungspfleger sind Mitglied im Hebammenverband, dem knapp 17.500 von bundesweit 19.000 Hebammen angehören.

Im Studium lernen Hebammen forschungsbasiertes Know-how - damit wissenschaftliche Belege und keine Bauchentscheidungen ihre Arbeit leiten. Während es bereits im Bachelorstudiengang darum geht, Forschungen kritisch zu bewerten und die Ergebnisse in der Praxis umzusetzen, vertieft das Masterstudium besondere Fragestellungen. "Denn immer mehr Spätgebärende, Schwangere mit chronischen Erkrankungen oder mit vorausgegangener Organtransplantation schaffen auch für Hebammen ein immer komplexeres Berufsprofil mit teilweise hoch spezialisierten Anforderungen", sagt Privatdozentin Mechthild Groß.